Auszug aus dem Totenbrief der Mönche von Inda an Ardo im Kloster Aniane
Der heiligmäßige Mann Benedikt verweilte bis zu seinem Tode häufig in der Pfalz des Königs, nicht um irdischen Angelegenheiten zu dienen, sondern zum Nutzen der Gläubigen. [] Noch am vierten Tage vor seinem Tod trug er, ohne sich unwohl zu fühlen, dem Kaiser in vertraulichem Gespräch alles vor, was ihm darzulegen notwendig schien. Am gleichen Tag befiel ihn plötzlich das Fieber. Er zog sich in seine Wohnung bei der Pfalz zurück. Als am nächsten Tag die Kunde seiner schweren Erkrankung bekannt wurde, kamen alle Würdenträger des Kaisers, ihn zu besuchen. Eine große Anzahl von Bischöfen, Äbten und Mönchen fand sich bei ihm ein, daß wir, die bei ihm Krankenwache hielten, kaum zu ihm gelangen konnten. Als erster suchte Abt Helisachar ihn auf. Er blieb bei ihm bis zu seinem Tode.
Am Donnerstag war er erkrankt. In der Nacht zum Samstag schickte der Kaiser seinen Erzkämmerer Tankulf mit dem Auftrag, wir sollten den Schwerkranken noch in derselben Nacht zum Kloster bringen. Vor dem Morgengrauen überführten wir ihn mit Helisachar sowie seinen und unseren Bediensteten in der ersten Tagesstunde zum Kloster Inda. Zur dritten Stunde ließ er uns alle seine Zelle verlassen und verblieb bis zur sechsten Stunde allein. Dann ging Abt Helisachar mit unserem Prior wieder hinein, um zu erkunden, wie es ihm gehe. Benedikt antwortete ihnen, daß er sich noch nie so gut gefühlt habe. Und er fügte hinzu: "Bis jetzt .habe ich im Chor der Heiligen vor Gott gestanden".
Am nächsten Tag aber ließ er die Brüder zu sich kommen und gab ihnen seine letzten heilsamen Ermahnungen. Er bekannte ihnen, daß er in den 48 Jahren seines Mönchslebens keinen einzigen Tag sein Brot gegessen habe, ohne vorher Gott unter Tränen zu danken. - Am gleichen Tag diktierte er eine kurze Botschaft an den Kaiser und andere schriftliche Ermahnungen an verschiedene Klöster. Dieser verehrungswürdige Mann hat, wie wir nach seinem Tode dem von ihm geführten Tagebuch entnommen haben und wie er selbst zu Lebzeiten einigen zum Ausdruck brachte, über alle seine Tätigkeiten während der letzten fünf Jahre und zwei Monate vor seinem Tode genauestens Buch geführt.
Er starb als Siebziger am 11. Februar im Jahre 821 nach Christi Geburt. Nach Ablauf des dritten Tages haben wir sein Grab geöffnet und ihn in den steinernen Grabbehälter umgebettet, den der Kaiser hatte bereiten lassen. Als wir sein Gesicht enthüllten, sahen wir auf seiner Stirn, in der Nähe der Augen und an den Lippen eine derart frische Röte, wie er sie zu Lebzeiten nie gehabt hatte. Wir, d.h. die Brüder des Klosters Inda Deidonus, Levigild, Bertad und Desiderius, haben diesen Sachverhalt wahrheitsgemäß aufgenommen und bestätigen ihn als Augenzeugen. Wir wünschen unserem Magister Ardo Heil im Herrn. Es grüßen euch alle Brüder von Inda, wie auch ihr jederzeit an uns alle denken möget. - Amen.
(vermutlich Februar oder März
821)
(Migne PL 103, 383f)
Übersetzung: Abt Berthold Simons OSB