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Hl. Benedikt
Giovanni Bellinis Bild des Heiligen
in der Frari-Kirche in
Venedig
Eine Bewusstseins-Ikone
meiner frühen Kindheit ist das Dürer-Bild der vier Evangelisten in einer
Familienbibel, die wir zu Hause besaßen. Als ich vor 25 Jahren nach
Kornelimünster kam, fand ich die zwei Tafeln der Evangelisten als
Schmuck des damaligen Refektoriums. Die
Dürer-Ausstellung, die z.Zt. in den Scuderie des Palatinpalastes in
Rom gezeigt wird, bringt mir dieses Bild erneut ins Bewusstsein.
Dürer (1471-1528) hat sein Bild 1526 für seine Vaterstadt Nürnberg
gemalt. Es ist ein Zeugnis der
Reformationsdiskussionen in Nürnberg und wohl auch ein Testament an
seine Vaterstadt, der neuen Lehre und ihrer Verpflichtung auf die
Heilige Schrift ernsthaft und treu zu folgen. Seit 1518 ist Dürers
Auseinandersetzung mit Luthers Thesen belegt.
Dürers Bild der
Evangelisten ist mir aber auch noch ein andermal sehr bewusst geworden …
in einer ganz neuen, … einer benediktinischen Perspektive.
Das Bild hat eine Vorlage,
die sich Dürer auf seiner zweiten Italienreise (1505-1507) in Venedig
eingeprägt hat. Der Deutsche hatte in Venedig engen Kontakt u.a. mit dem
Maler
Giovanni Bellini (1430-1516) gepflegt und er dürfte dabei auf das
Bild der „Thronenden Madonna“ in der Frari-Kirche gestoßen sein, das
Bellini als Familienbild der Pesaro gemalt hat (1488). Die Komposition
der Namenspatrone der vier Männer ist in so frappierender Ähnlichkeit zu
Dürers Evangelisten konzipiert, dass die Kunstgeschichte Bellinis Bild
als Vorlage für Dürers Bild erkennt.
Ich selbst bin im Jahr 2000
auf das Bild Bellinis aufmerksam geworden, als mich ein Mitbruder aus
Padua zu ihm führte, weil einer der Pesaro-Brüder Benedikt geheißen hat
und somit einer der dargestellten Heiligen Benedikt von Nursia ist. Das
ließ und lässt mich auf ein Bild „anspringen“, das vielleicht sonst
einfach unter der Rubrik „interessant, aber auch nicht so wichtig“
abgespeichert worden wäre.

Das Bild will nach dem
Auftrag der Stifter an die verstorbene Frau und Mutter Franceschina
Pesaro erinnern. Sie selbst haben sich durch ihre Namenspatrone
verewigt. Die Stifter sind - von links nach rechts - der Sohn Nicolo,
der Ehemann Pietro und die beiden Söhne Marco und Benedetto. Die
Heiligen Nikolaus und Benedikt stehen auf den Tafeln im Vordergrund, was
sicher auch die Stellung in der Familie und das Selbstbewusstsein der
jeweiligen Namensträger wiederspiegelt. Unter den vieren ist der hl.
Benedikt besonders dominierend. Er schaut den Betrachter an. Das
aufgeschlagene Buch ist das größte, - die aufgeschlagene Seite ist
lesbar, - sein Abtsstab ist hell ausgeleuchtet.
Benedetto Pesaro war sicher
der bedeutendste Vertreter seiner Zeit in der Familie Pesaro. Er hat als
Kaufherr in London gearbeitet, war Mitglied im „Rat
der Zehn“ der Stadt und „generalissimo de mar“ (Großadmiral) im
Krieg gegen die Türken. Auf die letztgenannte Position war er besonders
stolz. Sein Grabdenkmal hebt gerade diese Position heraus. Mit der
Admiralsstandarte in der Hand gleicht er sich den gängigen Darstellungen
des auferstehenden Christus an. Das ist zum einen eine Aussage der
Glaubenszuversicht über die eigene Auferstehung von den Toten, zum
anderen eine politische Aussage über Einstellung zu den vorrangigen
Feindkräften im damaligen Mittelmeer, den Türken.
Auf dem Bellini-Triptychon
hat der Benedikt die Heilige Schrift aufgeschlagen. Der Text, den
Benedikt dem Betrachter entgegenhält, ist Jesus Sirach, Kapitel 24.
Aussagen dieses Kapitel spielten im theologischen Streit der damaligen
Zeit über die
unbefleckte Empfängnis Mariens
eine wichtige Belegrolle. Die Franziskaner - also die Hausherren der
Frari-Kirche - förderten die Lehre von der unbefleckten Empfängnis
Mariens. Papst Sixtus IV. - ein Franziskaner! - führte das Fest 1476
für Rom ein. Die Dominikaner (u.a. Albertus Magnus, Thomas von Aquin)
standen der entsprechenden Lehre entgegen. Benedetto Pesaro
stellt sich mit diesem Detail des Bildes klar auf die Seite der
Franziskaner.
Mich fasziniert an der
Benediktfigur Bellinis der Gesichtsausdruck. Dieser Benedikt ist eine
starke Persönlichkeit. Er steht mit klarem Blick mitten in der Welt und
weicht dem Blick des Betrachters nicht aus. Er weiß, dass er Rede und
Antwort stehen kann. Er ist nicht frömmelnd schüchtern, sondern
zupackend. Er zergrübelt sich nicht, sondern weiß, dass er etwas zu
sagen hat. Gewiss hat er die Jahre seiner Jugend hinter sich, aber seine
Jahre haben ihn nicht alt werden lassen. Ihn prägt Kraft.
Benedetto Pesaro dürfte mit
seiner Darstellung im Gewand des hl. Benedikt hoch zufrieden gewesen
sein. Für einen Benediktiner heute dürfte die Darstellung des Heiligen
nicht weniger ansprechend sein. Dass das Bild ihm als Benediktiner auch
noch einmal Fragen über sein eigenes Sein als Benediktiner stellen kann,
ist schließlich nicht die geringste Botschaft, die von Bellinis Bild
ausgeht. … und sicher verrät die Bild-Hinführung, die ich versucht habe,
auch einiges über mich, den Verfasser dieser Zusammenstellung.
Abt Albert
Altenähr OSB
070312
Details des Triptychons >
Link > (Paintings between 1480-1489)
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