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Papst Kornelius
und die
Apostel Petrus und Paulus
Ein Deckenrelief im Petersdom in Rom
Der Spaziergänger in Rom
sollte viel, viel Zeit mitbringen, - neugierig, sehr neugierig sein, -
und damit rechnen, dass er immer wieder einmal auf Neues stößt, dass er
u.U. Jahrzehnte lang übersehen hat.
Bei einem kürzlichen
Internet-Spaziergang durch den Petersdom habe ich mich noch einmal etwas
länger als sonst in der Vorhalle, dem Portico, aufgehalten. Und
plötzlich sieht der Mönch aus Kornelimünster ein „Stoppschild“: „Papst
Kornelius und die Matrone Lucina bergen die Leichname der Apostel aus
dem Brunnen.“ Etwas weiter finde ich die offensichtliche Vorgeschichte:
„Die Orientalen verstecken die Leichname des hl. Petrus und des hl.
Paulus in einem Brunnen.“ Kornelius …, das muss ich mir genauer
anschauen. Die Geschichte kenne ich nicht. Und die Reliefs an der Decke
des Portico, die hier beschrieben werden, habe ich mir noch nie
angeschaut.

Foto mit freundlicher Erlaubnis: http://www.stpetersbasilica.org/
Das Relief zeigt die
beiden Apostel, eingehüllt in Tücher, die bereits aus dem Brunnen
herausgehieft sind und in einen offenen Sarkophag gelegt werden sollen.
Kornelius packt dabei tatkräftig mit an. Ihn kennzeichnet der
Heiligenschein und eine kreuzgeschmückte Stola. Im Hintergrund halten
Begleiter Fackeln. Links im Bild ist die Matrone Lucina mit zwei
weiteren Frauen dargestellt. Die Dreiergruppe der Frauen lässt
unwillkürlich an die drei Frauen denken, die am Ostermorgen zum Grab
Jesu gehen. Ich vermute, dass der Künstler (oder sein Auftraggeber)
diesen Gedanken dem Betrachter auch ganz bewusst in den Sinn kommen
lassen wollte. -
Ich weiß, dass der Patron
unseres Klosters in der sog. Lucina-Krypta der Callixtus-Katakombe
beigesetzt ist. Das ist der älteste Teil der Katakombe und sie ist
berühmt für das Fresko des eucharistischen Fisches, das als einer der
Beginne christlicher Kunst gilt. Zweimal bin ich am Grab des Kornelius
gewesen; für den Touristen oder Pilger steht diese Krypta nicht im
Programm der Katakombenführer.
Kornelius, … die Dame
Lucina, … der hl. Petrus, … ‚Orientalen’, … ein Brunnen, - eine
Geschichte mit diesen Ingredienzien kenne ich nicht. Das will ich
genauer wissen. Die Puzzle-Steine will ich zusammenbringen. Und ich
ahne, dass eine oberflächliche Schnell-Recherche mich nicht zum Ziel
bringt.
Im Liber Pontificalis,
einer Biographien-Sammlung der Päpste, deren erster Teil im 5./6.
Jahrhundert verfasst wurde, werde ich unter den Notizen zu Papst
Kornelius etwas gründlicher fündig: „Damals hat er (Kornelius) auf
Bitten einer gewissen Matrone namens Lucina die Leiber der heiligen
Apostel Petrus und Paulus nächtens aus den Katakomben umgebettet. Lucina
setzte den Leichnam des hl. Paulus auf ihrem Gut an der Via Ostiense
bei, nahe dem Ort, wo er enthauptet worden war. Der hl. Kornelius nahm
den Leichnam des hl. Petrus und setzte ihn an dem Ort bei, wo er
gekreuzigt worden worden war, bei den Gräbern der hl. Bischöfe, im
Apollo-Tempel, auf dem „goldenen Berg“,
im Vatikan-Gebiet mit dem Palast des Nero. Das geschah an den dritten
Kalenden des Juli (= 29. Juni >> Fest Peter und Paul!)“.
Drei Steine meines
Puzzles liegen an ihrem Platz. Und zusätzlich finde ich als ein viertes
Element den Hinweis auf eine diskrete „Nacht-und-Nebelaktion“. Im Liber
Pontificalis steht der Hinweis, dass Kornelius und Lucina die Leiber der
Heiligen Petrus und Paulus in der Nacht geborgen haben. Und auf dem
Relief in der Vorhalle von St. Peter erkenne ich drei Fackelträger. Aber
was ist mit den ‚Orientalen’ und dem Brunnen? Diese Steine fehlen noch,
um das Gesamtbild zusammenzubekommen.
Eine Ahnung führt mich
zur „Legenda aurea“ des Nikolaus de Voragine aus der zweiten Hälfte des
13. Jahrhunderts. Die „Legenda aurea“ ist das populärste religiöse
Volksbuch des Mittelalters. Über vieles, was wir da lesen können, darf
man schmunzeln oder auch den Kopf schütteln, aber die Legendenphantasie
des Werkes hat den Volksglauben tief geprägt und ist auch weit in die
Darstellung der Heiligen eingeflossen.
Und ich werde in den
Erzählungen über den Apostel Petrus fündig: „Zu den Zeiten des Papstes
Sanct Cornelius geschah es, dass gläubige Griechen die Leiber der
Apostel stahlen und davonführten. Da wurden die bösen Geister, die in
den Bildern der heidnischen Abgötter wohnten, von Gottes Gewalt
gezwungen, dass sie riefen ‚Ihr Männer von Rom, kommt zu Hilf, denn man
trägt eure Götter von hinnen’. Da die Christen von ihren Aposteln
vernahmen, die Heiden aber ihre Götter reden hörten, sammelte sich die
Menge der Gläubigen und Ungläubigen und machten sich auf, die Griechen
zu verfolgen. Die erschraken darob und warfen die Leiber bei den
Katakomben in eine Kloake. Aber die Christen zogen sie darnach wieder
heraus. Gregorius aber erzählt in seinem Register, dass Donner und Blitz
die Griechen also gewaltig erschreckte und zerstreute, dass sie die
Leichname bei den Katakomben mussten lassen liegen. Da die Römer aber
nun nicht wussten, welches Sanct Petri und welches Sanct Pauli Gebeine
wären, baten sie Gott mit Fasten und Gebet, dass er es ihnen kund tue.
Da ward ihnen vom Himmel geantwortet ‚Die größeren Gebeine sind des
Predigers, die kleineren des Fischers. Und also schieden sie die Gebeine
von einander und setzten sie in den Kirchen bei, die sie jeglichem
hatten gebaut. Doch sagen etliche, da der Papst Silvester die Kirchen
weihen wollte, so tat er die großen und die kleinen Gebeine zusammen auf
eine Wage und wog sie mit großer Ehrfurcht, und tat die eine Hälfte in
die eine, die andre in die andre Kirche.“
Was wir da auf dem Relief
des beginnenden 17. Jahrhunderts im Portiko des Petersdoms sehen, ist
eine Szene aus dem Krimi eines Reliquiendiebstahls. Seine Zutaten sind
die alte Nachricht, dass im dritten Jahrhundert unter Papst Kornelius
die Leiber der Apostel erhoben wurden, - unterschiedliche
Überlieferungen über den Ort des Martyriums und jenen der Beisetzung der
Apostel, - Erfahrungen, dass Reliquien als hochkostbare Wertstücke des
Glaubens gestohlen wurden und auf dem „schwarzen Markt“ gehandelt
wurden, - und schließlich die im hohen Mittelalter undiskutierte
Überzeugung, dass man „den Griechen“ und ihrer sprichwörtlichen
„Falschheit“ einfach alles zutrauen konnte. Sie waren zwar Christen,
aber eben … Byzantiner, Griechen,
und das schmiedet die echten Römer, ob fromm oder unfromm, ob
Christen oder Heiden zusammen: "Von denen lassen wir uns nichts bieten!"
Es ist schon spannend,
wohin ein Bild den Betrachter führen kann.
P. Albert Altenähr
090526
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