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BLEIBEN
Geistlicher Impuls am Tag der Freunde 28. August 2011
Im Jahr 2010 haben ca. 180 000
Katholiken der Kirche den Rücken gekehrt. Eine Zunahme von 40%. Vor allem der
Missbrauchsskandal hat dazu geführt, dass viele Menschen die Kirche verlassen.
Auf der einen Seite scheint mir das verständlich, auf der anderen Seite frage
ich mich, was diese Menschen suchen.
Heute Morgen hörten wir im
Evangelium wie Jesus zu Petrus sagt: „Geh mir aus den Augen.“ Ein merkwürdiges
Wort. Wörtlich heißt es: „Gehe hinter mir (nach).“ Nicht weggehen, sondern
bleiben, aber „in der Spur“ Jesu, nicht den eigenen Ideen und Vorstellungen von
dem folgen, was ich mir vorstelle, sondern bleiben in der Spur Jesu. Und da
kann ein jeder seine Überraschungen erleben, da sich dieser Jesus immer wieder
anders zeigt, als ich mir das vorstelle. Bleiben.
Wenn wir Benediktinermönche unsere
Gelübde abgelegen, dann gibt es das Gelübde der „Stabilitas“ (Bleiben in der
Gemeinschaft) Was kann dieses Gelübde uns für die heutige Zeit in der Zeit der
Kirchenkrise sagen?
Bleiben: Nicht aufgeben, nicht fortgehen, nicht der Gemeinschaft
der Kirche und der Glaubenden den Rücken zuwenden. Bleiben, weil wir gerufen
sind von Jesus Christus. Um IHN geht es, um seine Botschaft, um sein Wort des
Lebens, um seine Sakramente, in denen wir Quellen des Lebens geschenkt bekommen.
Wir machen uns so gerne Vorstellungen darüber, wie Kirche auszusehen hat, wie
Jesus zu agieren hat. Wir denken zu klein von Gott, wir denken zu klein von
Jesus – und nicht selten zu groß über uns. Ich weiß, wir wissen, wo es hingeht.
Alles andere ist falsch. Und dann gehen viele. Aber Jesus bleibt, er bleibt in
der Spur des Vaters, er biegt nicht ab vom Weg, hält aus, bleibt dabei. In
seiner Treue zum Vater, in der Annahme von Leid, Kreuz und Tod findete er zu
neuem ewigen Leben.
Der hl. Benedikt sagt im Prolog
seiner Regel: „Sollte es ... aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen,
um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von
Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht
anders sein als eng“ (Prol 47f). Und dann fährt er fort: „Wer aber im
klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und
er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes“ (Prol 49“. Ausharren,
bleiben wenn es eng oder „heiß“ wird, dran bleiben und drunter bleiben, um hindurch zu finden zu neuen Wegen, zu
neuem Leben, zu einer neuen ungeahnten Gotteserfahrung. Das gilt für das Leben
im Glauben, das gilt für das Leben in Beziehungen, in Ehe und Familie, am
Arbeitsplatz...
In einem Gedicht, das vielen
bekannt sein dürfte, schreibt die Dichterin Hilde Domin:
Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.
„Der Wunsch, verschon zu bleiben,
taugt nicht.“
Nicht selten geben wir zu schnell
auf, vergessen Gott, vergessen unser Taufversprechen weil wir meinten, es müsse
immer alles „glatt“ gehen. Nein, unser Leben ist nicht auf Rosen gebettet, aber
es soll immer neue Wege zu Gott finden, der unaufhörlich ruft und auf unsere
gelebte Antwort wartet.
Bleiben ist keine Erstarrung. Damit
wir bleiben können, bedarf es des beständigen Wandels: Sich erneuern (lassen) aus eben der Botschaft des Lebens
Jesu Christi, neu beginnen, Neues wagen. Aber auch: Umkehr als immer neue
Hinkehr zu Jesus Christus. Wo er aus dem Auge und dem Herzen verloren wird, da
wird es eng und dunkel in der Kirche, in unseren vielfältigen alltäglichen
Lebensgemeinschaften. Das ist auch meine Frage an viele, die aus der Kirche
austreten: Wo ist eure Christusbeziehung, wo ist euer Gottesglaube, wo ist eure
Bereitschaft, sich mit Gott und seiner Kirche auseinanderzusetzen? Und wenn es
nicht so geht, wie ich es meine: Kann nicht auch in Spannungen und Brüchen
gelebt werden? Es gibt keine heile Welt, es gibt keine heile Kirche – so heilig
sie ist. Sie ist aber nicht heilig, weil sie „perfekt“ ist, sondern sie ist
heilige weil sie von Gott kommt und zu ihm hinführt. Das mag außerhalb der
verfassten Kirche gehen, aber ohne die Gemeinschaft ist Glaube letztlich nicht
möglich. Glaube fällt nicht vom Himmel, er wird tradiert, überliefert. Somit
ist Glaube letztlich ohne Gemeinschaft nicht möglich.
Das führt zu einem dritten Punkt,
einem dritten Gelübde, das wir Mönche es ablegen:
Gehorsam. Gehorsam ist ein Wort, bei dem viele zusammenzucken. Das
ist altmodisch, das ist von gestern, geh mir weg damit. Zugegeben: Mit dem
Gehorsam ist viel Schindluder getrieben worden, sind viele Menschen klein und
dumm gehalten worden. Aber es geht nicht um „Kadavergehorsam“, es geht um
„angehören“, „zugehören“ zu Christus und der Gemeinschaft der Glaubenden. Nicht
umsonst ist das erste Wort der Regel des heiligen Benedikt das „Höre“! Im
Hinhören und Zuhören immer neu das befreiende Wort des Lebens erfahren, sich
darauf einlassen, sich davon faszinieren lassen, immer neu Gott auf die Spur
kommen.
Sie spüren: Bleiben, immer neu
beginnen und Gehorchen sind keine typisch benediktinischen Haltungen. Es sind
Haltungen, die einen jeden Christen betreffen, die ihn angehen, die ihn
herausfordern. Herausfordern aus den eigenen Vorstellungen und Ideen, aus der
Selbstverliebtheit. Sie fordern heraus um hinzuführen zum lebenspendenden Gott.
Allein auf IHN kommt es an. Bleiben, damit Gottes Heil auf Erden gelebt wird
und erlebt werden kann.
2. Bleiben als missionarischer Auftrag
Ein Lied der Popgruppe Silbermond
hat folgenden Text:
Sag mir, dass dieser Ort hier
sicher ist,
und alles Gute steht hier still.
Und dass das Wort, das du mir heute gibst,
morgen noch genauso gilt.
Diese Welt ist schnell
und hat verlernt, beständig zu sein.
Denn Versuchungen setzen ihre Frist.
Doch bitte schwör, dass wenn ich wiederkomm,
alles noch beim Alten ist.
Gib mir 'n kleines bisschen Sicherheit,
in einer Welt, in der nichts sicher scheint.
Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas das bleibt.
Gib mir einfach nur 'n bisschen Halt,
und wieg mich einfach nur in Sicherheit.
Hol mich aus dieser schnellen Zeit,
nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit.
Gib mir was, irgendwas, das bleibt.
Auch wenn die Welt den Verstand verliert,
das hier bleibt unberührt.
Nichts passiert.
Gib mir 'n kleines bisschen Sicherheit,
in einer Welt in der nichts sicher scheint.
Gib mir in dieser schnellen Zeit, irgendwas das bleibt.
Gib mir einfach nur 'n bisschen Halt,
und wieg mich einfach nur in Sicherheit.
Hol mich aus dieser schnellen Zeit,
nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit.
Gib mir was, irgendwas, das bleibt.
Unsere Welt ist gekennzeichnet von
Mobilität. Die modernen Vekehrs- und Kommunikationsmittel haben die Welt zu
einem Dorf gemacht. In Sekundenschnelle sind wir mit der ganzen Welt in
Kontakt, haben Zugriff auf immer neue Informationen, bewegen uns virtuell auf
unserem Planeten und relativ schnell mit dem Flugzeug um die ganze Erde.
Viele Menschen können nicht mehr an
einem Ort sein, Partnerschaft, Familie, Beruf spielen an unterschiedlichen
Orten. Sie erfahren sich nicht als Einheit, sie erfahren sich als zerrissen,
als hin und her gerissen zwischen Orten, Menschen, Aufgaben. „Wer bin ich“ und
„was bleibt“ sind Fragen, die viele Menschen bewegt.
Das Lied gibt Zeugnis von dieser
Verunsicherung und der Sehnsucht nach Bleibenden. Ein solches Lied finde ich
als persönliche Herausforderung wie auch als Herausforderung für unsere Gemeinschaft.
Ob wir „Bleibende“ sein können und Suchenden und Getriebenen für eine kurze
Zeit Halt und Heimat, Hand und Fuß geben können, einen Ort anbieten, wo sie an
Leib und Seele zur Ruhe und zu sich kommen können?
Gerade in diesen bewegten Zeiten
halte ich es für Not – wendig, dass es Orte und Gemeinschaften wie die unseren
gibt. Rückmeldungen von Gästen geben Zeugnis davon, dass wir bisweilen so
erfahren werden: Als stabiler Ort, als stabile (nicht statische!) Gemeinschaft,
zu der sie immer wieder kommen können um ihr Leben zu ordnen, ihren Glauben neu
zu entdecken, zu vertiefen. In einer Zeit, in der viele gewachsenen kirchliche
Strukturen nicht mehr aufrecht erhalten werden können, in einer Zeit, in der
Glaubende sich immer mehr als solche erfahren, die vielfach auf sich gestellt
sind, kann eine Gemeinschaft glaubender Menschen eine große Stütze sein.
Ob diese Gemeinschaft
Kornelimünster, ob „dieser Ort hier sicher ist“, wie es im Lied heißt, das weiß
ich nicht. Ich weiß aber, dass es sich lohnt, hier Gottsuche zu „betreiben“,
hier immer neu zu suchen, zu finden, mehr noch: Sich finden zu lassen, um auch
anderen einen Ort und eine Gemeinschaft zu schenken, wo sie mit – leben und mit
– glauben dürfen. (Dass das keine „Einbahnstraße“ ist, dass da Austausch geschieht,
das erfahren wir immer wieder dankbar.)
Ich kann und will nicht schwören,
dass alles beim Alten ist, wenn jemand wiederkommt (so die Bitte in dem Lied).
Aber ich hoffe und glaube, dass wir noch da sind. Unser Auftrag des Bleibens
als Angebot zu kommen – so wie Sie und ihr heute wieder gekommen seid.
Silja Walter schreibt in ihrem
Gedicht „Gebet des Klosters am Rande der Stadt“:
"Jemand
muß zuhause sein,
Herr,
wenn
du kommst.
Jemand
muß dich erwarten,
unten am Fluß vor der Stadt“.
Dieses Wort, gesprochen auf Jesus
Christus hin – vielleicht darf es auch gesprochen und gedacht werden auf die
hin, die Halt und Orientierung suchen: „Jemand muss zuhause sein, ... wenn du
kommst. Jemand muss dich erwarten“.
Bleiben als missionarischer
Auftrag, als Sendung in unsere Kirche hinein. Wir „schaffen“ es nicht, aber wir
können in Treue suchen. Wir können nur hoffen und glauben, dass es uns
geschenkt wird.
Abt Friedhelm Tissen OSB
110828
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