Ein Kloster „down under“[1] – gar nicht so anders
Die Abtei New Norcia im Gespräch mit Kornelimünster
 

 


Die im spanischen Stil gebaute Abteikirche von New Norcia 


Abt Placid Spearritt

Placid Spearritt, Jahrgang 1933, ist Australier aus dem Bundesstaat Queensland Er trat Ende der 50-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts als Mönch in die angesehene englische Abtei Ampleforth ein. Im Jahr1983 wurde er als Oberer der west-australischen Abtei New Norcia postuliert[2], der er zunächst als Prior-Administrator vorstand und seit 1997 als Abt. Auf den Treffen unserer Kongregation macht er nicht viele Worte. Er ist angelsächsisch nüchtern. Seine kurzen Jahresberichte sind immer lesenswert, gewürzt mit einer feinen Prise britischen Humors. Ich fühle mich ihm verbunden, - wohl auch deshalb, weil er und ich zur selben Zeit nicht nur Obere unserer Klöster wurden, sondern mit der Amtsannahme auch unsere Heimatklöster verließen, die benediktinische Kongregation wechselten und damit auch mit anders gearteten benediktinischen Traditionen konfrontiert wurden.

  Die Abtei New Norcia – 132 km nördlich von Perth – ist Urzelle der Gemeinde gleichen Namens, - wie das in der Geschichte so manche Klöster auch in Europa gewesen sind. Die Website untertitelt selbstbewusst und werbewirksam: „Australia’s only monastic town. – Australiens einzige ‚Klosterstadt’[3].“ ... und wie richtig das ist, wird einem erst dann bewusst, wenn man sich vor Augen hält, dass dort wirklich jedes Gebäude und jede Institution dem Kloster gehört.

New Norcia wurde 1846 als eine Missionsstation unter den Aborigines West-Australiens von zwei spanischen Mönchen[4] gegründet. Ende des 19. Jahrhunderts zählte es etwa 80 Mönche – durchwegs spanischer Herkunft und überwiegend Brüder. Von etwa 1900 an entwickelte sich New Norcia von einer Missionsstation im Busch zu einem Benediktinerkloster mehr europäischen Stils. Zwar setzte man die Arbeit unter den Aborigines fort, aber neues Gewicht wurde auf Erziehung und Bildung der weißen ländlichen Bevölkerung gelegt. Die Zahl der Priester in der Gemeinschaft stieg an. Nach 1950 zeichnet sich eine neue Entwicklung ab. Die spanischen Verbindungen wurden dünner[5], man suchte bewusster und stärker australische Berufungen anzusprechen. Die Zahl der Mitbrüder sank trotzdem. Aufgaben – Pfarreien, Missionen, Schulen – mussten aufgegeben werden, - Neuorientierung wurde gesucht. Die kurze Zusammenfassung der Geschichte von New Norcia hält fest, dass seit den frühen 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts - also mit dem Amtsantritt von Abt Placid – die Gastfreundschaft in neuen Facetten ausgebaut wurde und aufblühte.

Abt Placid stellt seine Reflexionen zur Standortbestimmung seines Klosters unter die Überschrift „Wo wir stehen und wohin wir gehen.“ Er beginnt mit den Erwartungen, die die Leute „von draußen“ an seine Kommunität stellen und fasst sie mit seinem allerersten Satz zusammen: „Die Mönche von New Norcia stehen unter Druck.“ Man erwartet von ihnen, die Aborigines und ihre Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren, - die Arbeitsplätze der 70 Angestellten zu garantieren, - Besucher- und Touristen-attraktiv zu sein, - die Atmosphäre des klösterlichen Gastbereichs zu wahren. Das sind einige der Erwartungen, mit denen die Mönche konfrontiert werden. Abt Placid sieht, dass alle und eine jede von ihnen ihre Berechtigung haben.

Dann aber fährt er fort, - und das scheint mir so wichtig zu sein, dass ich es nicht einfach zusammenfasse, sondern übersetze: „Das Kloster kann all diese Projekte tragen, wenn das eigene Haus gut bestellt ist. Damit das so ist, muss unsere erste Priorität das Gebet sein, - das Gebet in Gemeinschaft und das persönliche, der Ausdruck unseres Verlangens nach Vereinigung mit Gott. Wahre Gottesliebe drängt von innen her zur Nächstenliebe hin, wobei wir jeden, der in Bedrängnis ist, als unseren Nächsten betrachten. Wir müssen und wollen alles, was wir können, tun, um ihren Nöten abzuhelfen. Wir konzentrieren uns dabei auf die Nöte, bei denen entweder nur oder doch am besten Mönche helfen können.

Dafür brauchen wir Raum für das Schweigen und die Lesung, - Ehrfurcht vor den Traditionen, die uns überkommen sind, gegenüber der Heiligen Schrift und dem heiligen Geheimnis der Liturgie. Wir brauchen gründliches, sauberes und kritisches Studium der Ideen der Vergangenheit und der Gegenwart, und schließlich Offenheit für und tiefen Respekt gegenüber allen Menschen, mit denen wir in Berührung kommen.

Und wir brauchen mehr Mönche. Zur Zeit sind wir recht wenige; vor allem fehlen junge Mitbrüder[6]. Junge Menschen tun sich schwer damit, sich fest auf Dauer an das Klosterleben zu binden, - wie wir es heute auch bei der Ehe sehen. Für uns ist es wichtig, darüber nicht in Panik zu geraten und unsere Auswahlkriterien nicht herunter zu schrauben. Das Kloster kann durchaus mit einer kleinen Zahl von Mönchen überleben, wenn es denn so sein muss. Ja, es ist wahrscheinlicher, dass es eher mit einer kleinen Zahl guter Mönche überlebt und blüht als mit großen Zahlen von wenig stabilen Charakteren. ...“

Kurz geht Abt Placid darauf ein, was man in den vergangenen Jahren unternommen hat, um die notwendigen Investitionen zu sichern. Er schließt dann seine Überlegungen folgendermaßen: „Einige Leser werden enttäuscht sein, in diesen Gedanken keine große Vision für die Zukunft zu entdecken. Sie haben vielleicht gehört, dass die Gründungsvision die Mission unter den Aborigines (1846 – 1900) war, - dass es die Schulen 1908- 1991 waren, - dass es die Mission in Kalumburu von 1908 bis 1982 war, - dass es die Abbatia Nullius[7] von 1859 – 1982 war. Das werden Ihnen romantische Historiker erzählen. Ich glaube ihnen nicht.

Die große Vision ist immer eine Kern-Gemeinschaft von Mönchen gewesen, die zusammen lebten und beteten, und die offen war zu konkreter Liebe zum Nächsten, wie auch immer sie zur jeweiligen Zeit besonders gefordert war. Das ist auch meine große Vision für die Zukunft. Ein Kloster, das sich von einer bestimmten Aufgabe her definiert, stellt seine Prioritäten auf den Kopf. Außerdem ist es viel spannender, nicht allzu genau im voraus zu wissen, welchen Weg der Geist Gottes und die Notschreie der Armen uns in der Zukunft führen werden.“

Natürlich ist Kornelimünster nicht New-Norcia. Insofern haben beide Klöster ihre je eigene Geschichte und müssen die je eigenen Antworten auf die jeweiligen Fragen suchen. Aber es ist schon erstaunlich, Parallelen entdecken zu können. New Norcia teilt seine 150-jährige wie wir unsere 100-jährige Geschichte in drei Abschnitte. Beide Klöster stellen sich der Standort- und Richtungsfrage. Sie fragen beide nach dem Verhältnis von Ordenscharisma und konkreten Aufgabenfeldern. Und wenn ich es richtig sehe, dann sind weder unsere eigenen Analysen noch unsere Antworten wesentlich anders als die von „down under.“

Abt Albert Altenähr OSB
030811


[1]    „Down under“ ist der nahezu klassische Umschreibungsbegriff der Briten für Australien.

[2]    Man spricht von einer „Postulation“, wenn bei einer Abtswahl ein Mönch gewählt wird, zu dessen Wahlbestätigung noch andere Autoritäten ihre Zustimmung geben müssen. Abt Placid gehörte als Mönch von Ampleforth der englischen Kongregation an, Abt Albert als Mönch von Gerleve der Beuroner Kongregation. Die Präsides dieser beiden Kongregationen mussten ihre Zustimmung geben, als sie zu Oberen in New Norcia bzw. Kornelimünster gewählt wurden. Beide Klöster gehören zur Kongregation von Subiaco des Benediktinerordens.

[3]    Der Begriff „Stadt“ ist natürlich hoch gegriffen. Unser „Dorf“ würde das Gemeinte wohl auch nicht ganz treffen. „Town“ ist hier am ehesten die „politische Gemeinde“.

[4]    Die Gründungsgeschichte von New Norcia ist einigermaßen verwickelt und bisher nicht im Detail aufgearbeitet. Die beiden Gründungsmönche waren durch die antiklerikalen Strömungen in Spanien, die 1835 zur Auflösung ihres Klosters in Santiago geführt hatten, „heimatlos“ geworden. New Norcia hat von daher kein eigentliches „Mutterkloster“.

[5]    Noch heute gibt es drei Mitbrüder spanischer Herkunft. Sie sind 89, 93 und 95 Jahre alt. Die beiden jüngeren sind noch mit Aufgaben im Haus betraut.

[6]    Zur Zeit (August 2003) zählt New Norcia 17 Mönche, von denen 11 tatsächlich in der Abtei leben.

[7]    Abbatia Nullius (deutsch: Territorial-Abtei) ist der kirchenrechtliche Fachbegriff für eine Abtei, der ein „diözesanes“ Gebiet zugeordnet ist. Der Abt einer derartigen Abtei hat in diesem Gebiet alle Verwaltungs- und Rechtsvollmachten, die in einer Diözese dem Bischof zukommen. Im deutschen Sprachbereich ist z.B. die Abtei Maria Einsiedeln eine solche Territorial-Abtei.

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