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Ein Kloster „down under“
– gar nicht so anders
Die Abtei New Norcia im
Gespräch mit Kornelimünster
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Die im
spanischen Stil gebaute Abteikirche von New Norcia
Abt
Placid Spearritt
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Placid Spearritt, Jahrgang 1933, ist Australier aus
dem Bundesstaat Queensland Er trat Ende der 50-er Jahre des vergangenen
Jahrhunderts als Mönch in die angesehene englische Abtei Ampleforth
ein. Im Jahr1983 wurde er als Oberer der west-australischen Abtei New
Norcia postuliert,
der er zunächst als Prior-Administrator vorstand und seit 1997 als Abt.
Auf den Treffen unserer Kongregation macht er nicht viele Worte. Er ist
angelsächsisch nüchtern. Seine kurzen Jahresberichte sind immer
lesenswert, gewürzt mit einer feinen Prise britischen Humors. Ich fühle
mich ihm verbunden, - wohl auch deshalb, weil er und ich zur selben Zeit
nicht nur Obere unserer Klöster wurden, sondern mit der Amtsannahme
auch unsere Heimatklöster verließen, die benediktinische Kongregation
wechselten und damit auch mit anders gearteten benediktinischen
Traditionen konfrontiert wurden.
Die Abtei New Norcia – 132 km nördlich von Perth
– ist Urzelle der Gemeinde gleichen Namens, - wie das in der
Geschichte so manche Klöster auch in Europa gewesen sind. Die Website
untertitelt selbstbewusst und werbewirksam: „Australia’s only
monastic town. – Australiens einzige ‚Klosterstadt’.“ ... und wie richtig
das ist, wird einem erst dann bewusst, wenn man sich vor Augen hält,
dass dort wirklich jedes Gebäude und jede Institution dem Kloster gehört.
New Norcia wurde 1846 als eine Missionsstation unter
den Aborigines West-Australiens von zwei spanischen Mönchen
gegründet. Ende des 19. Jahrhunderts zählte es etwa 80 Mönche –
durchwegs spanischer Herkunft und überwiegend Brüder. Von etwa 1900 an
entwickelte sich New Norcia von einer Missionsstation im Busch zu einem
Benediktinerkloster mehr europäischen Stils. Zwar setzte man die Arbeit
unter den Aborigines fort, aber neues Gewicht wurde auf Erziehung und
Bildung der weißen ländlichen Bevölkerung gelegt. Die Zahl der
Priester in der Gemeinschaft stieg an. Nach 1950 zeichnet sich eine neue
Entwicklung ab. Die spanischen Verbindungen wurden dünner,
man suchte bewusster und stärker australische Berufungen anzusprechen.
Die Zahl der Mitbrüder sank trotzdem. Aufgaben – Pfarreien,
Missionen, Schulen – mussten aufgegeben werden, - Neuorientierung
wurde gesucht. Die kurze Zusammenfassung der Geschichte von New Norcia hält
fest, dass seit den frühen 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts - also mit
dem Amtsantritt von Abt Placid – die Gastfreundschaft in neuen
Facetten ausgebaut wurde und aufblühte.
Abt Placid stellt seine Reflexionen zur
Standortbestimmung seines Klosters unter die Überschrift „Wo wir
stehen und wohin wir gehen.“ Er beginnt mit den Erwartungen, die die
Leute „von draußen“ an seine Kommunität stellen und fasst sie mit
seinem allerersten Satz zusammen: „Die Mönche von New Norcia stehen
unter Druck.“ Man erwartet von ihnen, die Aborigines und ihre Bedürfnisse
nicht aus den Augen zu verlieren, - die Arbeitsplätze der 70
Angestellten zu garantieren, - Besucher- und Touristen-attraktiv zu
sein, - die Atmosphäre des klösterlichen Gastbereichs zu wahren. Das
sind einige der Erwartungen, mit denen die Mönche konfrontiert werden.
Abt Placid sieht, dass alle und eine jede von ihnen ihre Berechtigung
haben.
Dann aber fährt er fort, - und das scheint mir so
wichtig zu sein, dass ich es nicht einfach zusammenfasse, sondern übersetze:
„Das Kloster kann all diese Projekte tragen, wenn das eigene Haus gut
bestellt ist. Damit das so ist, muss unsere erste Priorität das Gebet
sein, - das Gebet in Gemeinschaft und das persönliche, der Ausdruck
unseres Verlangens nach Vereinigung mit Gott. Wahre Gottesliebe drängt
von innen her zur Nächstenliebe hin, wobei wir jeden, der in Bedrängnis
ist, als unseren Nächsten betrachten. Wir müssen und wollen alles, was
wir können, tun, um ihren Nöten abzuhelfen. Wir konzentrieren uns
dabei auf die Nöte, bei denen entweder nur oder doch am besten Mönche
helfen können.
Dafür brauchen wir Raum für das Schweigen und die
Lesung, - Ehrfurcht vor den Traditionen, die uns überkommen sind, gegenüber
der Heiligen Schrift und dem heiligen Geheimnis der Liturgie. Wir
brauchen gründliches, sauberes und kritisches Studium der Ideen der
Vergangenheit und der Gegenwart, und schließlich Offenheit für und
tiefen Respekt gegenüber allen Menschen, mit denen wir in Berührung
kommen.
Und wir brauchen mehr Mönche. Zur Zeit sind wir recht
wenige; vor allem fehlen junge Mitbrüder.
Junge Menschen tun sich schwer damit, sich fest auf Dauer an das
Klosterleben zu binden, - wie wir es heute auch bei der Ehe sehen. Für
uns ist es wichtig, darüber nicht in Panik zu geraten und unsere
Auswahlkriterien nicht herunter zu schrauben. Das Kloster kann durchaus
mit einer kleinen Zahl von Mönchen überleben, wenn es denn so sein
muss. Ja, es ist wahrscheinlicher, dass es eher mit einer kleinen Zahl
guter Mönche überlebt und blüht als mit großen Zahlen von wenig
stabilen Charakteren. ...“
Kurz geht Abt Placid darauf ein, was man in den
vergangenen Jahren unternommen hat, um die notwendigen Investitionen zu
sichern. Er schließt dann seine Überlegungen folgendermaßen:
„Einige Leser werden enttäuscht sein, in diesen Gedanken keine große
Vision für die Zukunft zu entdecken. Sie haben vielleicht gehört, dass
die Gründungsvision die Mission unter den Aborigines (1846 – 1900)
war, - dass es die Schulen 1908- 1991 waren, - dass es die Mission in
Kalumburu von 1908 bis 1982 war, - dass es die Abbatia Nullius
von 1859 – 1982 war. Das werden Ihnen romantische Historiker erzählen.
Ich glaube ihnen nicht.
Die große Vision ist immer eine Kern-Gemeinschaft von
Mönchen gewesen, die zusammen lebten und beteten, und die offen war zu
konkreter Liebe zum Nächsten, wie auch immer sie zur jeweiligen Zeit
besonders gefordert war. Das ist auch meine große Vision für die
Zukunft. Ein Kloster, das sich von einer bestimmten Aufgabe her
definiert, stellt seine Prioritäten auf den Kopf. Außerdem ist es viel
spannender, nicht allzu genau im voraus zu wissen, welchen Weg der Geist
Gottes und die Notschreie der Armen uns in der Zukunft führen
werden.“
Natürlich ist Kornelimünster nicht New-Norcia.
Insofern haben beide Klöster ihre je eigene Geschichte und müssen die
je eigenen Antworten auf die jeweiligen Fragen suchen. Aber es ist schon
erstaunlich, Parallelen entdecken zu können. New Norcia teilt seine
150-jährige wie wir unsere 100-jährige Geschichte in drei Abschnitte.
Beide Klöster stellen sich der Standort- und Richtungsfrage. Sie fragen
beide nach dem Verhältnis von Ordenscharisma und konkreten
Aufgabenfeldern. Und wenn ich es richtig sehe, dann sind weder unsere
eigenen Analysen noch unsere Antworten wesentlich anders als die von
„down under.“
Abt Albert
Altenähr OSB
030811
„Down under“ ist der nahezu klassische
Umschreibungsbegriff der Briten für Australien.
Man spricht von einer „Postulation“, wenn bei
einer Abtswahl ein Mönch gewählt wird, zu dessen Wahlbestätigung
noch andere Autoritäten ihre Zustimmung geben müssen. Abt Placid
gehörte als Mönch von Ampleforth der englischen Kongregation an,
Abt Albert als Mönch von Gerleve der Beuroner Kongregation. Die Präsides
dieser beiden Kongregationen mussten ihre Zustimmung geben, als sie
zu Oberen in New Norcia bzw. Kornelimünster gewählt wurden. Beide
Klöster gehören zur Kongregation von Subiaco des
Benediktinerordens.
Der Begriff „Stadt“ ist natürlich hoch
gegriffen. Unser „Dorf“ würde das Gemeinte wohl auch nicht ganz
treffen. „Town“ ist hier am ehesten die „politische
Gemeinde“.
Die Gründungsgeschichte von New Norcia ist
einigermaßen verwickelt und bisher nicht im Detail aufgearbeitet.
Die beiden Gründungsmönche waren durch die antiklerikalen Strömungen
in Spanien, die 1835 zur Auflösung ihres Klosters in Santiago geführt
hatten, „heimatlos“ geworden. New Norcia hat von daher kein
eigentliches „Mutterkloster“.
Noch heute gibt es drei Mitbrüder spanischer
Herkunft. Sie sind 89, 93 und 95 Jahre alt. Die beiden jüngeren
sind noch mit Aufgaben im Haus betraut.
Zur Zeit (August 2003) zählt New Norcia 17 Mönche,
von denen 11 tatsächlich in der Abtei leben.
Abbatia Nullius (deutsch: Territorial-Abtei) ist
der kirchenrechtliche Fachbegriff für eine Abtei, der ein „diözesanes“
Gebiet zugeordnet ist. Der Abt einer derartigen Abtei hat in diesem
Gebiet alle Verwaltungs- und Rechtsvollmachten, die in einer Diözese
dem Bischof zukommen. Im deutschen Sprachbereich ist z.B. die Abtei
Maria Einsiedeln eine solche Territorial-Abtei.
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