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Mit Benedikt in der Welt
Benediktinische Wegperspektiven
„Lena“
Es war ärgerlich als wir es entdeckten, - spannend und amüsant,
wie wir es managten, - und es ist vielseitig zu deuten, wenn ich darüber
nachdenke.
Unser Nachbar hatte nach dem langen Winter seine
Rinder wieder auf die Weide geführt. Eines der Tiere übersprang in
seiner Überraschung und Freude an der unerwarteten Frische und Weite
den Zaun seiner neuen Freiheit. Auf der Straße stoppten die Autofahrer,
- Passanten und Mönche versuchten das Rind von den frisch angelegten
Gartenanlagen fernzuhalten und es zu seiner Heimatweide zurückzudrängen.
Natürlich vergeblich und das Tier wurde immer nervöser und
orientierungsloser. Bis der Bauer kam. Aus der Ferne rief er ruhig und
unaufgeregt immer wieder: „Lena, komm ...Lena, komm!“ ... und nach
wenigen Minuten war der Spuk vorbei.
Es war viel Hektik auf der Straße gewesen. Die
Autofahrer waren zu warnen, - die Gartenanlagen zu schützen, das Rind
einzufangen. Hin-und-her-Laufen, - scheuchende Armbewegungen, - laute
Stimmen, - hupende Autos, - Bremsgeräusche.
Es war „wie im richtigen Leben“ oder sollte man
vielleicht sogar sagen: es war ein getreues Bild des Lebens, wie wir es
immer wieder und vielleicht sogar ständig erleben. Stimmen ohne
Einstimmigkeit und Stimmigkeit. Keine Abstimmung miteinander. Trotz oder
gerade wegen der vielen Stimmen stimmte nichts und alles wurde nur noch
unstimmiger. Bis „Lena“ die eine, - die vertraute Stimme hörte.
Dieser Stimme konnte sie angstbefreit folgen. Ihre Weide hat zwar einen
Zaun, aber die Freiheit der Straße, - sie war für „Lena“ wohl
alles andere als befreiend. Die Stimme des Bauern war ihr beruhigende
Heimat und die umzäunte Weide reicher Weidegrund.
Alles beginnt mit der Sehnsucht (Nelly Sachs)
Benedikt beginnt seine Regel mit dem Wort „Höre“. Er lädt ein,
mit dem „Ohr des Herzens“ zu hören (RB Prolog 1). Es ist eine
Einladung, durch die Oberfläche hindurch in die eigene Tiefe hinunter
zu lauschen, welche Sehnsucht bewegt mich und auf welche Sehnsuchtsfrage
suche ich Antwort. Gleichzeitig ist es Aufforderung, die vielen
Botschaften, die sich in den Leerraum meiner Sehnsucht hineindrängen
wollen, sorgfältig darauf abzuhorchen, ob sie der inneren Sehnsucht
wirklich antworten.
Die Frage nach dem, was ich ersehne, ist leichter zu
stellen als zu beantworten. Es gibt zu viele schnelle Antworten, die
mich blockieren, wirklich bis in die Tiefe zu fragen. Sie verheißen
einen Garantieschein des Glücks und führen nach einem kurzen Überschwang
nur zu oft zum Überdruss.
Einige Male begegnet uns in der Bibel die
Frage: „Was willst du?“ Elija wird in seiner Höhle am Berg
Horeb von seinem Gott gefragt: „Was willst du hier?“ (1 Kön
19,9.13) Der Prophet schleudert seinem Gott seine ganze Enttäuschung
entgegen, dass er mit großem Engagement sich für ihn eingesetzt hat,
aber sich am Ende zu Tode verfolgt und gottverlassen einsam erfährt. Er
fragt sich, ob er auf dem richtigen Weg war und ist und wird von Gott
belehrt, dass er Gott bisher nur sehr einseitig gesehen und verkündet
hat.
Den blinden Bartimäus in Jericho fragt Jesus: „Was
willst du, dass ich dir tun soll?“ (Mk 10,51). Ganz präzise antwortet
er: „dass ich wieder sehen kann.“
Unseren Gedanken vielleicht näher liegend, fragt
Jesus die beiden Johannes-Jünger, die ihm nach dem Hinweis des Täufers
nachgehen: „Was wollt ihr?“ Und auch sie antworten sehr genau:
„Meister, wo wohnst du?“ Und Jesus lädt sie ein, mit zu kommen und
selbst zu sehen.
Benedikt stellt genau diese Frage Jesu an jeden, der
sich auf seinen Weg einlassen möchte. Es mag verwundern, dass Benedikt
eine Bibelstelle gewählt hat, die so gar nicht in den Kontext werbenden
Rufens hineinzupassen scheint. Es ist die Frage, die Jesus unmittelbar
vor dem Judaskuss an den Verräter-Jünger stellt: „Freund, wozu bist
du gekommen?“ (Mt 26,50; RB 60,3) Eindringlicher als mit dem
versteckten Hinweis auf die Möglichkeit des Verrates lässt sich die
Frage nach der Motivation kaum stellen. Was willst du wirklich?
Gott suchen
Zentrales Anliegen des benediktinischen Weges ist es, wirklich Gott
zu suchen. Das ist das Kriterium, auf das die Klostergemeinschaft achten
soll, wenn sie einen Kandidaten prüft: „ob er wirklich Gott sucht“
(RB 58,7). Die Gottsuche ist das „Grund-Gelübde“ eines
benediktinisch geprägten Lebens (M. Puzicha). Sie ist Ausdruck einer
Sehnsucht, die mit dieser oder jener Erfüllung nicht nur nicht zu einem
Ende kommt, sondern ins noch einmal Neue und Größere hinein wächst.
Die Sehnsucht und ihr Inhalt, das Gottsuchen, sind nie abgeschlossen.
Sie sind ein Lebensweg.
Ich muss gestehen, es ist mir erst nach vielen Jahren
des Klosterlebens wirklich bewusst geworden, dass Benedikt für einen
Klostereintritt nicht verlangt, dass jemand fest glaubt oder gar einen
fertigen Glauben haben muss. Eine benediktinische Mitschwester aus
Bayern hat es einmal so formuliert: „a bisserl katholisch“ sollte
der Kandidat oder die Kandidatin schon sein. Aber ob man es nun mit den
Worten Benedikts oder bodenständig bayerisch formuliert, - gemeinsam
ist beiden Aussagen, dass das Benediktinische einem „fertigen“
Glauben zutiefst abhold ist.
Mit einem fertigen Glauben kann man einerseits alle
anderen Menschen fertig machen und gleichzeitig hat man sich aus dem
Wachstums auf Gott hin in ein geistliches Rentnerdasein verabschiedet.
Benediktiner sind – um einen Gedanken von F. Steffenski aufzugreifen
und zu variieren - nicht „Alles-richtig-Macher“, - sie sind keine
„Irrtumsvermeider“, - sie sind „Gott- und Wahrheitsucher“.
Als Gott suchende Menschen sind die von Benedikt
faszinierten und geprägten Menschen – ob Mönche und Nonnen in den Klöstern
oder Menschen in der Welt – von ihrem innersten Selbstverständnis auf
Gefährtenschaft mit suchenden Menschen angelegt. Vielleicht liegt darin
das Geheimnis der Lebenskraft des benediktinischen Geistes trotz seines
Alters von 1500 Jahren. Benedikt hat keine fertigen Antworten auf alle
nur möglichen Fragen. Er hat keine Rezepte. Seine Pastoral und seine
Evangelisierung ist das einfühlende Hören und das Mitgehen mit den
Fragenden. Weil Benedikt selbst ein Suchender war, drängte er seine
Antworten nicht auf. „Einfach so“ lebte er sein Suchen und in der
Glaubwürdigkeit dieses Lebens strahlte er missionarisch in seine Welt
hinein.
Aus diesem Grundverständnis und Akzent christlicher
Lebensführung können der lange Atem und die Geduld gedeutet werden,
die Benedikt in der Tugend der „discretio“ lehrt (RB 64,8-19). Die
unaufgeregte Ausgewogenheit, in der die Stärken nicht überschätzt und
die Schwächen nicht geleugnet werden, macht Benedikt zu einem Lehrer
der leisen Töne. Seine „Erfolgsstory“ ist nicht die Ansammlung von
„Highlights“, sondern die Kontinuität und die Solidität. Sein
Leuchten ist nicht der gleißende Hochglanz, sondern Wärme.
RB 64,8-20: „Er (= der Abt) wisse, dass er mehr
helfen als herrschen soll. Er muss daher das göttliche Gesetz genau
kennen, damit er Bescheid weiß und (einen Schatz) hat, aus dem er Neues
und Altes hervorholen kann. Er sei selbstlos, nüchtern, barmherzig.
Immer gehe ihm Barmherzigkeit über strenges Gericht, damit er selbst
Gleiches erfahre. Er hasse die Fehler, er liebe die Brüder. Muss er
aber zurechtweisen, handle er klug und gehe nicht zu weit; sonst könnte
das Gefäß zerbrechen, wenn er den Rost allzu heftig auskratzen will.
Stets rechne er mit seiner eigenen Gebrechlichkeit. Er denke daran, dass
man das geknickte Rohr nicht zerbrechen darf. Damit wollen wir nicht
sagen, er dürfe Fehler wuchern lassen, vielmehr schneide er sie klug
und liebevoll weg, wie es seiner Absicht nach jedem weiterhilft; wir
sprachen schon davon. Er suche, mehr geliebt als gefürchtet zu werden.
Er sei nicht stürmisch und nicht ängstlich, nicht maßlos und nicht
engstirnig, nicht eifersüchtig und allzu argwöhnisch, sonst kommt er
nie zur Ruhe. In seinen Befehlen sei er vorausschauend und besonnen. Bei
geistlichen wie bei weltlichen Aufträgen unterscheide er genau und
halte Maß. Er denke an die maßvolle Unterscheidung des heiligen Jakob,
der sprach: ‚Wenn ich meine Herden unterwegs überanstrenge, werden
alle an einem Tag zugrundegehen.’ Diese und andere Zeugnisse maßvoller
Unterscheidung, der Mutter aller Tugenden, beherzige er. So halte er in
allem Maß, damit die Starken finden, wonach sie verlangen, und die
Schwachen nicht davonlaufen.“
Dass in allem Gott verherrlicht werde (1 Petr 4,11;
RB 57,9)
Die Regel Benedikts ist ein sehr nüchterner Text. Er ist so nüchtern,
dass er Leser nicht auf die „geistliche Wolke Nummer sieben“ entführt.
In langen Kapiteln buchstabiert Benedikt die
Reihenfolge der Psalmen in den Gottesdiensten durch. Er macht sich
Gedanken über das Maß von Speise und Getränke. Er verliert sich in
Regelungen über Qualität, Farbe und Länge der Kleider. Er hält es
sogar für angebracht, uns Mönchen ferner Jahrhunderte nach seinem Tod
noch sagen zu sollen, dass wir nachts das Messer nicht am Gürtel tragen
sollen. Irgendwie ist es schon verwunderlich, dass diese Sammlung von
Regeln für ein Kloster des 6. Jahrhunderts als Meisterwerk der
Spiritualität durch eineinhalb Jahrtausende Strahlkraft behielt und
heute noch hat. Oder muss man es vielleicht genau umgekehrt sehen?
Die Lehrmethode, die Benedikt dem Abt empfiehlt –
„Er mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein
Reden sichtbar“ (RB 2,12). –, buchstabiert er in seiner Regel selbst
durch. Spiritualität und geistliche Erfahrungsfülle sind nicht
Wirklichkeiten jenseits des Alltags und seiner Alltäglichkeiten. Das
Reich Gottes entsteht nicht n
e b e n der Zeit; es wächst
i n der Zeit .
Benedikt entfaltet das nicht in einer theoretischen Abhandlung, die die
Niederungen der Konkretion meidet, sondern er buchstabiert diese Überzeugung
in die Wirklichkeit der Mönche und des Klosters ein, denen er vorsteht.
Die Wirklichkeitsnähe schenkt der Regel Benedikts
eine außerordentliche Weite und Flexibilität und gibt dieser Weite
gleichzeitig einen eindeutigen Fluchtpunkt. Kein Benediktinerkloster
gleicht einem anderen. Jedes hat durch seine ganz eigene Geschichte und
die je andere kulturelle und regionale Umgebung eine unverwechselbare Prägung.
Benedikt ist so souverän, diese Vielfalt als Gegebenheit aufzunehmen.
Im Blick auf die Buntheit der Klöster stellt er fest: „Wir dienen
doch überall dem einen Herrn und kämpfen für den einen König“ (RB
61,10), und für das bunte Spektrum der Mönche in einem Kloster spricht
er dem Abt Mut zu, das nüchtern zu registrieren und nicht daran zu
verzagen: „Der Abt muss bedenken, was er ist, und bedenken, wie man
ihn anredet. Er wisse: Wem mehr anvertraut ist, von dem wird mehr
verlangt. Er muss wissen, welch schwierige und mühevolle Aufgabe er auf
sich nimmt: Menschen zu führen und der Eigenart vieler zu dienen. Muss
er doch dem einen mit gewinnenden, dem anderen mit tadelnden, dem
dritten mit überzeugenden Worten begegnen. Nach der Eigenart und
Fassungskraft jedes einzelnen soll er sich auf alle einstellen und auf
sie eingehen. So wird er an der ihm anvertrauten Herde keinen Schaden
erleiden, vielmehr kann er sich am Wachsen einer guten Herde freuen“
(RB 2,30-32).
Der perspektivische Fluchtpunkt dieser Weite ist die
„stabilitas“ in der Enge, sich dem Hier und Heute zu stellen, - sie
auszuhalten, - in ihr Gottes Spur zu entdecken. „Stabilitas“ ist die
Bereitschaft, - ja, der Mut, Entscheidungen zu treffen und sie mit
Entschiedenheit leben zu wollen. Sie weiß um Gottes „Überall und
Jederzeit“, aber flüchtet sich nicht in ein „Irgendwoanders“ und
„Vielleicht erst morgen.“
Benedikt geht sehr harsch mit der Spiritualitäts-Streunerei
ins Gericht, die unter dem Vorwand der Gottsuche nur sich selbst sucht.
Sie ist eingeschlossen in sich selbst und achtet für heilig nur das,
was ihr gefällt (RB 1,6-12). Mit dem Wort aus dem Psalm 95 und dem Hebräerbrief
„Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen
nicht!" erdet er gleich zu Beginn seiner Regel den spirituellen Weg
seiner Jünger in das Hier und Heute ein (Ps 95,8; Hebr 3,7-4,13; RB
Prolog 8).
In der jüdischen Weisheitstradition findet sich zu
diesem Psalmwort die seltsame Frage : „Wann ist heute?“ Die noch
seltsamere Antwort lautet: „Heute ist, wenn ihr seine Stimme hört.“
Der enge Zeitmoment der Menschen weitet sich in die Unendlichkeit
Gottes, wenn wir unseren eng umgrenzten Zeitort als Ansprache Gottes
erkennen und aufgreifen.
Der walisische Dichter Waldo Williams beschreibt das
Leben einmal als ein „Bewohnen einer weiten Halle zwischen engen
Mauern“. In einer Konferenz über benediktinische Spiritualität hält
Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury, das für keine schlechte Übersetzung
der benediktinischen Weite in der Enge des Weges:
RB Prolog 45-50: „Wir wollen also eine Schule für
den Dienst des Herrn einrichten. Bei dieser Gründung hoffen wir, nichts
Hartes und nichts Schweres festzulegen. Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem
Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu
bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe
nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng.
Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird
das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der
Gebote Gottes. Darum wollen wir uns seiner Unterweisung niemals
entziehen und in seiner Lehre im Kloster ausharren bis zum Tod. Wenn wir
so in Geduld an den Leiden Christi Anteil haben, dann dürfen wir auch
mit ihm sein Reich erben.“
... durch die Hilfe vieler hinreichend geschult (RB
1,4)
Benedikt schreibt seine Regel nicht für Einzelne, die für sich
allein einen Weg der Spiritualität suchen, sondern für eine Gruppe, -
eine Klostergemeinschaft. Dahinter steht wohl die eigene Erfahrung, wie
schwierig und gefährdet ein isolierter Glaubensweg ist. Diese Erfahrung
verdichtet sich zu einer Grundsatzerkenntnis: eine Gemeinschaft unter
der Führung von Abt und Regel ist die beste Weise, den Weg Gottes zu
suchen und zu finden und an das erhoffte Ziel zu gelangen. Damit ist der
Weg des Einzelkämpfers nicht aus dem Blick gedrängt, aber für den
Einzelkampf ist die Schule der Gemeinschaft Qualitätsvoraussetzung. Von
den Einsiedlern schreibt Benedikt: „Nicht in der ersten Begeisterung für
das Mönchsleben, sondern durch Bewährung im klösterlichen Alltag und
durch die Hilfe vieler hinreichend geschult, haben sie gelernt, gegen
den Teufel zu kämpfen. In der Reihe der Brüder wurden sie gut
vorbereitet für den Einzelkampf in der Wüste. Ohne den Beistand eines
anderen können sie jetzt zuversichtlich mit eigener Hand und eigenem
Arm gegen die Sünden des Fleisches und der Gedanken kämpfen, weil Gott
ihnen hilft“ (RB 1,3-5). Auch unter Berücksichtigung dieser
verhaltenen Hochachtung für das Einsiedlertum, ist es nicht verkehrt zu
pointieren: Benediktinisch sich orientieren und leben bedeutet mit Brüdern
und in der Auseinandersetzung mit ihnen leben. Um es überspitzt zu
sagen: Benediktinisch leben, - Benediktiner sein kann man nicht für
sich allein.
„Friede“ ist das Wappenwort und –motto des
Ordens. Das Bild, das die Apostelgeschichte von der Urgemeinde in
Jerusalem zeichnet, ist das Vorbild des werdenden Mönchtums: „Die
Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele“ (Apg 4,12). Beide
Bilder sind leicht fehlzuzeichnen und es heißt wirklich hinschauen, was
sie im benediktinischen Umfeld andeuten.
Ein Blick quer durch die Regel wird dem Leser
keineswegs eine Versammlung heiliger Gestalten vor Augen führen. Eher
das Gegenteil ist der Fall. Was im „normalen“ Leben schief gehen
kann, das kann auch im Kloster vorkommen. Von der Unkonzentriertheit über
die Unpünktlichkeit bis zur Unmäßigkeit bei Speise und Trank, - von
der Nickeligkeit über das Murren (was sehr verbreitet bei Benedikts Mönchen
gewesen sein muss) bis zur störrischen Widerborstigkeit scheint alles möglich
zu sein. Und bei der Abtswahl schließt Benedikt nicht aus, „dass die
ganze Gemeinschaft einmütig jemanden wählt, der mit ihrem sündhaften
Leben einverstanden ist“ (RB643).
Die wichtigste Erfahrung, die ein neuer Bruder machen
muss, ist die Ent-täuschung über sich selbst und über die Brüder.
Wenn er diese Enttäuschung nicht macht, dann verharrt er in der Täuschung
und verweigert sich der Liebe und dem Frieden. Der Mönch ist nicht
gerufen, die Brüder zu lieben, wie er sie gerne hätte, sondern wie sie
sind. „Ihre körperlichen und charakterlichen Schwächen sollen sie
mit unerschöpflicher Geduld ertragen“ (RB72,5). Schönfärberei ist
Benedikts Sache auch gegenüber Kandidaten und Novizen nicht. „Offen
rede man mit ihm über alles Harte und Schwere auf dem Weg zu Gott“
(RB 58,8).
Was in dieser nüchternen und vielleicht auch ernüchternden
Sicht des Regelwegs von Benedikt herausgearbeitet wird, ist die kommunitäre
Perspektive des Heils. Wachstum auf Gott hin geschieht im Aufeinanderzu
und im Miteinander. Dass das nicht reibungslos geschieht, ist kein
Negativum, sondern es ist die Chance, die Kern-Kraft freizulegen. Über
einen bestimmten Konvent hat einer seiner Mitbrüder einmal gesagt:
„Früher lebten wir nebeneinander her; - jetzt ärgern wir uns übereinander.
Das ist ein Fortschritt!“ Ein weiterer Schritt ist die Kunst des
Streitens und dann käme die Kür des Miteinander-Reden-Könnens.
Manches auf diesem Weg ist hitzig, aber der Friede der so gefunden wird,
ist im positiven Sinn ein „heißes Eisen“, das zu einer neuen
Konventgestalt geschmiedet wird.
Die Bindung an eine konkrete Gemeinschaft ist für
Benedikt der Testfall der Gottsuche. In dieser „stabilitas in
congregatione“ sieht er den ehrlichen und verheißungsvollen Weg ins
Ziel. Sie bewahrt vor der illusionären Träumerei und dem
selbstherrlichen Privatparadies. Es sind ihre Grenzen und Alltäglichkeiten,
in denen Gott entdeckt wird. Sie ist nicht „Trauminsel“, sondern
„Werkstatt“ (RB 4,78).
Die benediktinische Tradition hat sich immer wieder
gegen die Zentralisierung des Ordens gestemmt und die Eigenständigkeit
der Klöster hervorgehoben. Wir Mönche treten nicht einfach in den
weltweit verbreiteten Orden ein, sondern in dieses oder jenes Kloster
des Ordens. Das unterstreicht auf seine Weise noch einmal die Botschaft
vom engen Weg. Wir sind auf dem rechten Weg, wenn wir nicht die wie auch
immer geartete schöne benediktinische
I d e e, sondern die
konkreten Brüder dieses konkreten Klosters zu lieben uns trauen. Sie
sind für uns der harte Stein, auf dem der Patriarch Jakob sein Haupt
bettete, und auf er die Leiter zum Himmel träumte.
„H i e r ist das
Haus Gottes und das Tor des Himmels“ (Gen 28,17).
Kleine Schritte auf dem großen Weg
Die bekannte benediktinische Pflege des Chorgebetes mit seinen
Psalmen und die detaillierten Regelungen, die Benedikt der
Psalmenordnung für dieses Beten gibt, regt an, das Wesentliche des „Benediktinischen“
für den Mönch und jeden, der dem benediktinischen Weg folgen will,
anhand eines Psalmes ein wenig weiter zu betrachten.
Der Psalm, mit dem die Reihe der 150 Psalmen des Alten
Testaments anhebt, wird von der Exegese
als „Grund-Regel“ für ein gelingendes Leben gedeutet.
Eingangs befestigt er gewissermaßen in drei Warn-Mahnungen die Uferböschungen
für den Stromlauf des Lebens. Die Uferfestigkeit ist der sichernde
Rahmen für den kontinuierlichen Fluss des Gotteswortes. Und das Ganze
steht unter der Zielperspektive der Seligkeit, des Gelingens, der Zuverlässigkeit,
der reichen Frucht.
Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt,
nicht auf dem Weg der Sünder geht,
nicht im Kreis der Spötter sitzt,
sondern Freude hat an der Weisung des Herrn,
über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei
Nacht.
Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt
ist,
der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht
welken.
Alles, was er tut,
wird ihm gut gelingen.
Nicht so die Frevler:
Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.
Darum werden die Frevler im Gericht nicht besteh'n
noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten,
der Weg der Frevler aber führt in den Abgrund.
Zwar beginnt der Psalm mit einem rundum positiven
Perspektivwort der Seligkeit, aber sofort erdet er es aus aller möglichen
Traumtänzerei in drei „Neins“. Das große „Ja“ wird Realität
wenn es sich auf vielen kleinen Grenzziehungen aufbaut. Die große
Perspektive wird positiv angestrebt, indem sich der Mensch einlässt auf
die Weisung des Herrn.
„... der Freude hat ...“:
Die Freude ist ein Ausdruck des Angekommen-Seins und der
gleichzeitigen Sehnsucht, diesen Augenblick festzuhalten, - ja, ihm
neue, unendliche Tiefe und grenzenlose Weite zu geben. Sie ist die Lust
nach mehr, die bis in die Fingerspitzen hinein sinnlich-sinnenhaft wird.
In dieser Freude entwickelt der Mensch Blick und Fingerspitzengefühl für
die kleinen Griffspalten an der Bergwand. Er ist voller Phantasie für
die gangbaren Wegmöglichkeiten und geht sie mutig-zuversichtlich an. Er
kommt weiter
„... an der Weisung ...“:
Die Freude lässt jede Diskussion über die Versklavung durch Gebote
und Gesetze, Regeln und Ordnungen, Einsprüche und Ansprüche als
kleinkariert kleinmütig erscheinen. Die Freude ist im Gegenteil
begierig darauf, Hinweise zu erfahren, wo und wie es weitergehen könnte.
Die Heilige Schrift ist ein Buch der Hinweise. Sie erzählt von Arten
und Weisen, wie Menschen Gott erfahren haben. Sie ist ein Buch der
Weisen, die ihre Erfahrungen nicht für sich behielten, sondern
weitererzählten. So ist sie – buchstäblich – ansprechend und
zutiefst dialogisch. Sie ist ein Gesprächsbuch der Alten von einst mit
uns Jungen von heute.
„... des Herrn ...“:
Die Alten, die uns in der Heiligen Schrift von sich erzählen, erzählen
dabei vor allem von dem Anderen, den sie überall entdeckten, - der
ihnen Halt gab oder auch zurechtstutzte, wenn Lebenswildwuchs sich breit
machte. Ohne irgendwelcher Esoterik oder einem Pantheismus zu huldigen,
verstanden sie, den Dingen und Sachverhalten, den Ereignissen und
Widerfahrnissen ihre jeweilige „Sage“ abzulauschen. „Was sagt mir
das?“ Oder formulieren wir es mutiger und personal: „Was sagt Er mir
damit?“.
Wahrscheinlich steht jeder mehr oder weniger oft vor
dem blinden Spiegel des eigenen Ich und fragt sich, ob und wie er auf
„die Anderen“ wirkt. Der narzisstische Ich-Spiegel wird ihn nicht
sehr weit führen und dann meist auch noch in die Irre. Er ist auf die
Außen-Wirkungs-Frage zentriert und verweigert sich der Seins-Frage. Der
Mensch vor dem falschen Spiegel sieht sich selbst zu schmeichelhaft
(vgl. Ps 36,3). Elija wird am Gottesberg Horeb von Jahwe aus der Höhle
herausgerufen: „Komm heraus, und stell dich auf den Berg vor den
Herrn“ (1 Kön 19,11). Er wird aus dem Scheinschutz selbstgemalter
Illusionen vor den gerufen, der ihm die Wahrheit über sich aufleuchten
lassen kann und will. In der Regel Benedikts ist es der fremde Mönch,
der als Gast Gottes Bote sein kann. „Sollte er in Demut und Liebe eine
begründete Kritik äußern oder auf etwas aufmerksam machen, so erwäge
der Abt klug, ob ihn der Herr nicht vielleicht gerade deshalb geschickt
hat“ (RB 61,4).
„... über seine Weisung nachsinnt ...“:
Martin Buber übersetzt: „murmelt“. Er führt das unserem
Empfinden sinnen- und leibferne Nachsinnen in eine ursprüngliche
Sinnlichkeit zurück. Murmeln ist Bewegung der Lippen und Stimmbänder.
Es ist ein Laut, ein Geräusch, das man hören kann. Es assoziiert das
Plätschern eines Brunnes oder Baches.
Gottes Weisungen nachsinnen, - das ist ein Nachspüren,
wo und wie er in unsere Erfahrungswelt eingegangen ist. Es ist gefüllt
mit der staunenden Neugierde des Mose, als er den Dornbusch sah, der
brannte und doch nicht verbrannte: „Ich will dorthin gehen und mir die
außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der
Dornbusch nicht?“ (Ex 3,3) Wie Mose wird der geistlich Suchende lernen
(müssen), dass er nicht einfach drauflos denken und gehen kann, sondern
dass er „heiligen Boden“ betritt. Wenn er sich davon – von Ihm –
ansprechen und in Anspruch nehmen lässt, geschieht ihm in den Dornen
des Mose wie auf dem Stein des Jakob in Bethel der Traum Gott in seiner
ganzen Wirklichkeit. Benedikt spricht vom „Ohr des Herzens“ (RB
Prolog 1), das eingesetzt werden muss, um den Segen der Gottesdimension
im Alltag zu erspüren.
Wo das Herz nicht im Spiel ist, da halte ich mich
heraus. Da habe ich den Telefonhörer neben die Gabel gelegt. Da bin ich
nicht erreichbar. Da höre ich nichts.
„... bei Tag und bei Nacht ...“:
So sehr ich davon überzeugt bin, dass der Psalmist weder eine
ununterbrochene Bibellese noch ein Beten ohne Unterbrechung im Blick
hat, so sehr sehe ich in seinem Wort die Gewissheit von Gottes Gegenwart
immer und überall. Nirgendwo und zu keiner Zeit ist Gott nicht. An
allen Orten und in jedem Augenblick ist er da. Diese alles umfassenden
Gegenwart Gottes allerorts und jederzeit bewusst zu haben, ist das Ziel
des Psalmisten. Das „bei Tag und bei Nacht“ des Psalmisten ist keine
kategoriale Zeitenangabe, es ist eine existenziale Aussage: „... der
wirklich, ernsthaft und ganzheitlich
mit und aus Gott zu leben strebt.“
Und doch kommt der Mensch nicht darum herum, die
existenziale Perspektive in eine kategoriale Einzelaktion zu übersetzen.
Der Benediktiner entscheidet sich in diesem Sinn nicht für „das
Ordensleben“, - nicht einmal für „diesen Orden“, sondern für
„dieses Kloster dieses Ordens“ mit all seinen besonderen Prägungen,
das sein Kloster von allen anderen Klöstern unterscheidet. Hier ist die
Parzelle, die für ihn das Tor zum Himmel werden kann. In sie wird er
sich investieren. Sie will er aushalten. Er weiß, Gott ist überall,
aber für ihn ist er h i e
r zu finden.
Diese Spannung von „überall“ und „genau
hier“, - von „jederzeit“ und „genau jetzt“ ist das Geheimnis
von benediktinischer Weite und gleichzeitiger Festigkeit. Die Weite hat
eine Mitte und die Mitte ist nicht eng. Diese Spannung
auszubuchstabieren bewahrt davor, die eine oder andere Ausformung zu
verabsolutieren. Sie bewahrt zugleich davor, im Unverbindlichen
dahinzuwabern: „... eine weite Halle in engen Mauern“.
Es ist diese Spannung, die ich als Abt bei Besuchen in
anderen Klöstern, - zumal in Klöstern weit entfernter Weltregionen und
ganz anderer Kulturen - entdecke. Sie sind so anders als mein Kloster
und doch sind es unverwechselbar benediktinische Klöster. Diese
Spannung möchte ich meinen Mönchen als benediktinische Spiritualität
aufschließen. Von ihr möchte ich den Menschen um uns herum zusammen
mit meinen Mönchen künden. In ihr entdecke ich die ruhige und
beruhigende Stimme des Herrn, der sich als unser Zuhause offenbart.
Abt Albert Altenähr OSB
030609
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