Mönche und Oblaten –
Weggefährten in der Gottessehnsucht
Zum Wechsel im Vorsitz der „Arbeitsgemeinschaft
Benediktineroblaten“, Jahrestagung St. Ottilien, 17.-20. Mai 2005
Es ist immer gut, sich an markanten
Punkten eines Weges nach dem Woher, dem Warum und dem Wohin des Weges zu
fragen. Solche Fragen kann man sich selbst stellen, - sie können aber
auch von anderen an einen herangetragen werden. Als Benediktineroblaten
und als Begleiter der Oblatengruppen unserer Klöster ist uns solches
Fragen aus unseren Klöstern heraus, von Interessenten aber wohl auch von
müden Oblaten und ebenso müden Oblatenrektoren sicher nicht unbekannt.
Klostergemeinschaft – Oblatenrektor –
Oblaten
Lebendige Klöster und
lebendige Mönche werden werden nahezu naturgegeben darauf angesprochen:
„Freund, woraus kommt deine Lebendigkeit?“ Es ist die Frage der Jünger
an Jesus: „Herr, lehre uns beten. Lehre uns den Weg zur Gottesquelle,
die wir in dir sprudeln sehen.“ Wenn ich als einzelner Mönch diese Frage
an mich persönlich gerichtet sehe, dann sollte ich nicht der Versuchung
erliegen zu glauben, die Antwort, die ein Echo der „guten Botschaft“
ist, liege in mir allein begründet. Ich bin immer auch geprägt durch
meinen Konvent, und so ist es auch mein Konvent, dem die Anfragenden in
mir begegnen.
Diese Selbstverständlichkeit muss in
die Konvente hinein und den einzelnen Konventualen (- z.B. dem
Oblatenrektor) immer wieder bewusst gemacht werden. Sie macht auf die
Verantwortlichkeit des Gesamtkonventes für die Beziehungen seiner Mönche
nach draußen aufmerksam. Wir leben nie als Einzelne, sondern immer in
einem Beziehungsgeflecht von Gemeinschaft und Gemeinschaften. Unsere
Wirkung auf andere ist immer auch Wirkung unseres Lebensraumes und der
Lebensgemeinschaft. Das sollte dahin führen, dass der einzelne Mönch
sich bewusst wird und bleibt, dass er immer auch Zeuge seiner
Gemeinschaft ist. Für ein solches Zeugnis braucht er die lebendige
Rückbindung zur Gemeinschaft. Umgekehrt ist auch die Gemeinschaft
angefragt, wie sehr sie den einzelnen Mönch – sein Leben und Wirken – in
ihrer Mitte verankert.
Auf den Oblatenrektor darf in diesem
Sinn die Begleitung der Oblatengemeinschaft nicht „abgeschoben“ werden.
Wenn und wo das geschieht, schiebt man den Mitbruder selbst aus der
Gemeinschaft heraus. Seine Aufgabe wird nicht mehr als „unsere“ Aufgabe
gesehen und anerkannt. Die Oblaten werden seine Klüngel-Klientel, mit
der wir anderen wenig oder nichts zu tun haben wollen. Es sind dann
„seine“ Oblaten, nicht mehr „unsere“, - nicht mehr die Oblaten unserer
Gemeinschaft.
Glaubensanbindung - Glaubensübersetzung
Bei aller Tradition
der „fuga mundi – der Weltflucht“ und der „separatio a mundo
– der Trennung von der Welt“, für die der Begriff „Klausur“ und die
Klausurmauer Zeugnis geben, kann nicht übersehen werden, dass auch
monastische Klöster aus dem Kern des Christseins heraus missionarisch
sind. Ein gelungenes Lebenskonzept strahlt aus und zieht an.
Wir Klöster sind uns unserer
Attraktivität durchaus bewusst. Wir fördern sie und machen sie uns auf
die bunteste Weise nutzbar. Gelegentlich mag es scheinen, dass wir uns
dabei weit aus der Mitte unseres innersten Selbstverständnisses
hinausbegeben. Nicht wenige Besucher sind von den „Randphänomenen“
unserer Monastizität fasziniert, lassen sich interessiert darauf ein,
aber scheuen sich zugleich, sich selbst von dem Kern unseres Seins
berühren zu lassen. „Darüber wollen wir dich ein andermal hören“,
könnten sie mit den Paulus-Zuhörern auf dem Areopag sagen. Zu diesem
„ein andermal“ kommt es dann eher selten.
Es gibt aber auch die Frage nach
einer intensiven Begegnung. Ich glaube, dabei kann man die „normale“
geistliche Begleitung unterscheiden von der Sehnsucht nach geistlicher
Anbindung an das Kloster. Die von mir so genannte „normale“ geistliche
Begleitung sucht einen Gesprächspartner/Begleiter für das je eigene
Lebensfeld. Dass seine Kompetenz benediktinisch geprägt ist, scheint mir
eher im Hintergrund zu bleiben (oder: bleiben zu können).
Andere suchen gerade „das
Benediktinische“ für ihr Leben fruchtbar zu machen. Der
Begleiter/Oblatenrektor tritt als Person in den Hintergrund. Er ist als
benediktinische (!) Persönlichkeit angefragt und als Übersetzungshelfer
des Benediktinischen in die Welt außerhalb des Klosters. Aus dem Kreis
dieser Menschen mit der Sehnsucht nach dem Benediktinischen kommen die
Oblaten – und natürlich auch diejenigen, die um einen Eintritt in die
Gemeinschaft nachfragen.
Bei dieser Anfrage nach einer
benediktinischen Prägung des Lebens in der Welt ist nicht einfach nur
ein in diesen Bereich delegierter einzelner Mitbruder gefragt, sondern
die ganze Gemeinschaft. Es ist ihr
christlich-benediktinisch-missionarischer Geist ins Zeugnis zu bringen.
Das aber bedeutet, dass die Gemeinschaft - und jeder einzelne in ihr -
nicht für sich selbst benediktinisch leben kann, sondern dass sie immer
auch eine Übersetzungsaufgabe haben. Alles andere wäre esoterische
Selbstheiligung, die das Kloster und seinen Mönch in ein Ghetto-Dasein
führt. Ein Mitbruder ist für die Aufgabe des Oblatenrektors
qualifiziert, wenn er ganz „drinnen“ steht und aus dieser inneren Heimat
in Benedikt die souveräne Freiheit hat, für „draußen“ eine Übersetzung
zu wagen.
Übersetzungspartnerschaft - Übersetzungsmitte
Eine gelungene
Übersetzung ist keine schematische, allein lexikalisch legitimierte
Einbahnstraße, sondern immer Begegung und Auseinandersetzung mit dem
Raum, in den etwas hinüber gesetzt werden soll. Sie ist in diesem Sinn
Dialog, - nicht Monolog. Sie ist eher ein Prozeß des Tastens als ein
Setzen von Ergebnissen. Sie absolutiert sich nicht in ein endgültiges
„Jetzt hab ich’s!“, sondern bleibt auf der Suche und in der Sehnsucht
nach einem weiteren Morgen. Sie ist die fröstelnde Gottsuche des
Morgenrots, nicht der „daemon meridianus“ (Ps 91,6) des heißen
Sonnenhöchststandes. Sie ist eine „Üb’-Ersetzung“.
Mönch und Oblate sind in diesem
Übersetzungsgeschehen sich gegenseitig bereichernde Gesprächspartner.
Ihnen geht es um dieselbe eine Mitte, Jesus Christus, und sie haben sich
beide der Führerschaft des hl. Benedikt anvertraut. Aber sie gehen mit
je eigenen Blickrichtungen an diesen Weg heran. Verstecken wir diese je
eigenen Erfahrungen nicht, - lassen wir sie als Fragen die scheinbaren
Sicherheiten des Gegenüber in Frage stellen. Vor allem: lassen Sie als
Oblaten den Oblatenrektor erfahren, dass Sie nicht seine Vision der
Dinge einfach nachbeten, sondern ringen Sie mit ihm um eine lebendige
benediktinische Antwort für I h r Leben. In solchem Fragen schenken
Sie Leben und Lebendigkeit in das Kloster hinein.
Benedikt war ein Übersetzer der
Heiligen Botschaft in seine Zeit, seine römische Welt, - in seine
persönlichen Möglichkeiten und und sein persönliches Leben. Er ging
dabei so weit, die Regel in viele Regeln hinunterzubuchstabieren. Die
Schreibweise der Buchstaben ändert sich nach Zeit und Region, der Text
und seine Melodie bleiben dieselben. Wir sind gerufen, Benedikt nicht im
Sütterlin der Brüder Wolter oder der karolingischen Minuskel des
Benedikt von Aniane zu leben, sondern die Melodie des Benedikt von
Nursia im eigenen Herzen nachzuspüren und zu leben. Nicht die Regulae
der Benediktsregel sind unser Lebenselixier, sondern die Regula
Christus, - der Rex Christus. Wenn wir sie bzw. ihn gefunden
haben, dann leben wir zwar nach wie vor in Buchstaben, - Einzelnoten, -
Regulae, aber wir verlieren uns nicht in ihren Details und sind
erkennbar als „domino Christo vero regi cantaturi“ (vgl. RB Prol
4).
Wenn Sie mich fragen, wohin ich als
Mönch strebe, - was ich meinen Mitbrüdern und den „benediktinischen
Freunden“ – sprich: unseren Klosterbesuchern im weiten Sinn und unseren
Oblaten als Gliedern der Bernedikt-Familie ganz besonders – vermitteln möchte, dann ist es dieser
Dreiklang: Gott suchen (RB 58,7) – Christus hören (RB Prol 1) – Gott in
allem entdecken und preisen (RB 57,9). Mehr will ich nicht, aber darin
finde ich alles.
Abt Albert Altenähr OSB
050513 Fotos
Febr. 2004 - fr.a.
St. Mildred's Priory, Minster, Kent, England
1 - Lady's Chapel (ein alter normannischer Torbogen)
2 - die moderne Kapelle
3 - Gewölbe-Mauerwerk aus sächsischer Zeit PS:
In einer Reaktion von P. Benedikt Schwank, Beuron, wurde ich darauf
aufmerksam gemacht, dass ich Sütterlin und die Brüder Wolter zu
Unrecht miteinander in Beziehung gebracht habe. Die Sütterlin-Schrift
ist erst eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Da hat sich die
Formulierungsfreude vergaloppiert! Danke für den Hinweis! |