„Suscipe
me, Domine“ –
„Nimm mich auf, o Herr.“
Ansprache von Abt Friedhelm
bei der Oblationsfeier am 8. Januar 2011
Dieses
Psalmwort, das in der Regel des heiligen Benedikt als Professwort steht,
hat Sie in diesen Einkehrtagen begleitet. Zugrunde lag unter anderem ein
Bild der sogenannten „Bernhardsminne“: Der Gekreuzigte beugt sich vom
Kreuz herab und nimmt den heiligen Bernhard in seine Arme. Das ist ein
Bild, das zunächst erschreckt. Wer möchte schon gerne auf das Kreuz
hinauf, wer möchte gerne auf diese Weise vom Gekreuzigten in den Arm
genommen werden?
Beim
ersten Betrachten dieses Bildes aus dem 14. Jahrhundert schoss es mir
durch den Sinn: Wer nimmt hier wen auf? Ist es Christus, der den
heiligen Bernhard zu sich nehmen möchte, oder ist der heilige Bernhard,
der Christus an sich ziehen möchte?
„Nimm mich
auf, o Herr“: Dieses Wort wird gleich in der Oblationsfeier gesprochen,
später von allen gesungen. Eine Oblate, eine Oblatin ist ein Mensch, der
sich an Christus ganz uns gar hingibt. Das kann im Kloster geschehen,
das kann als Oblate in der Welt geschehen, das kann als ganz „normaler
Christ“ immer wieder im alltäglichen Leben vollzogen werden. Die
Oblation oder aber die Professfeier der Mönche will ja zutiefst nichts
anderes, als das Taufversprechen, das bei unserer Taufe von den Eltern
und Paten für uns abgelegt wurde, immer wieder einzuholen, zu vertiefen,
zu verwirklichen.
„Ihr habt
Christus als Gewand angelegt“, so haben wir vorhin in der Lesung aus dem
Galaterbrief gehört. Vielleicht darf ich die Übersetzung ein wenig
variieren: „Ihr habt Christus als Gewand angezogen“. Dieses „Anziehen“
spricht von einem Gewand. Aber es sei die Frage erlaubt, ob Christus uns
nicht anziehen will als Gegenüber, als Person, als Du! Ich bin angezogen
von Christus, ich bin angezogen und gekleidet mit Christus.
Wir Christen
sind Menschen, in denen Christus aufscheinen soll, Menschen, durch die
Christus in diese Welt hinein getragen und von den Menschen erkannt
werden soll. In einer Weihnachtspredigt sagt Papst Leo der Große
schlicht: „Mensch, erkenne deine Würde!“ Die Würde, von und mit Christus
bekleidet zu sein.
„Nimm mich
auf, o Herr!“, so bitten wir alle gleich. Jesus Christus will uns an
sich ziehen. Aber er ist kein „Schönwetter – Gott“. Er nahm das
menschliche Leben in allen Dimensionen an und auf sich. So dürfen wir
uns von ihm anziehen lassen in Freude und in Leid, in Stärke und in
Schwäche. Wir brauchen uns nicht zu verstecken; denn er hat uns
geschaffen, wie wir sind. Er nimmt uns an, er nimmt uns auf. Geben wir
uns ihm hin.
Amen.

Bernhardsminne:
Graduale cisterciense (Wonnentaler Graduale).
Pergament; Wonnental im Breisgau; um 1340-1350
Badische Landesbibliothek