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„
L e b e n d i g
l e b e n ! “ – Horizonte für Oblaten
(und nicht nur für sie)[1]
s.a. Lebendig
leben! „2“
Wallfahrtsberg und Gottesgeist
Am Brunnen von Sychar fragt die Samariterin Jesus, was denn nun
eigentlich der richtige Wallfahrtsort sei: Sie vertraut Jesus, weil sie
ihm die weite Sicht eines Propheten zuerkennt. „Herr, ich sehe, dass
du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet;
ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss.“ Das
ist eine klare Frage und als solche verdient sie eine klare Antwort.
Jesu Antwort ist überraschend. Er antwortet nicht mit dem erwarteten
„Hier“ bzw. „Dort“, sondern mit einer positiven
„Relativierung“: „Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die
Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem anbeten
werdet. Die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter
den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der
Vater angebetet werden“ (Joh 4, 19-21.23).
Jesus kam gerade von
Jerusalem. Er wird auch weiterhin nach Jerusalem pilgern, um anzubeten.
Den Garizim, den Berg, wo die Samariter ihr Heiligtum hatten, hat er nie
aufgesucht, - wenigstens erfahren wir in der Bibel nichts davon. Aber
anscheinend hat er die Samariter auch nicht „verteufelt“, weil sie
auf dem Garizim Gott angebetet haben. Juden und Samaritern aber schreibt
er ins Stammbuch, im Geist und in der Wahrheit anzubeten.
Mir ist diese biblische
Szene wichtig, weil ich in ihr alle durchaus kritischen und auch
kritisch gemeinten Bemerkungen der folgenden Gedanken aufgefangen sehe.
Wir dürfen über dieses und jenes je anderer Meinung sein, aber wir
sollten nie vergessen, dass der Geist und die Wahrheit Dimensionen
aufstoßen, die den je eigenen Horizont überschreiten.
Das Geschenk einer
anderen Sicht und Erfahrung
Was macht eigentlich den Benediktiner aus? Was ist benediktinisch?
So mutig ich bin zu behaupten: „I
c h bin ein
Benediktiner!“ – und: „M
e i n Kloster ist wirklich
und voll und ganz ein Benediktinerkloster!“, so überraschend ist es
mir – wenn ich denn mit staunensbereiten Augen durch die
Ordenslandschaft schaue und wandere - , dass andere Benediktinermönche
und andere Benediktinerklöster ganz anders sind als ich und mein
Kloster. Und die Mitbrüder dort sagen mit gleicher Überzeugung wie
ich: „W i r sind Benediktiner!“ Sicher, ich finde den Regeltext
Benedikts wieder, - ein gemeinsames Chorgebet, - Pflege der Liturgie und
vieles andere. Aber wie bunt und anders stellen sich sogar die Dinge
dar, die ich wiedererkenne! An dem einen Ort fühle ich mich wohl, - an
einem anderen weniger, - ein dritter bleibt mir fremd. Muss ich wirklich
den schwarzen Habit mit Tunika, Skapulier und Kapuze (als Abt vielleicht
auch den Pileolus) tragen, um überall als Benediktiner akzeptiert zu
werden? Oder darf es auch der französisch geprägte Blouson sein? Ich
bin glücklich, wenn ich wieder in
m e i n Kloster zurückkomme.
H i e r bin
i c h Benediktiner,
h i e r kann ich es
so sein, wie ich es bin.
Benedikt kennt in seiner
Regel den fremden Mönch, der vielleicht „in Demut und Liebe eine begründete
Kritik äußert oder auf etwas aufmerksam macht. Der Abt erwäge dann
klug, ob ihn der Herr nicht vielleicht gerade deshalb geschickt hat“
(RB 61,4). Benedikt weiß also, dass es Punkte geben kann und gibt, wo
Dinge – von außen gesehen – seltsam wirken, - verbesserungswürdig
oder verbesserungsnotwendig sind. Die Fremdwahrnehmung schenkt sicher
hier und da ersehnte Bestätigung, aber sie stellt bestimmt auch aufstörende
Fragen. Der „Weihrauch“ der Bestätigung für Gelungenes ist
angenehm, aber die aufstörende Frage ist eine wirkliche Bereicherung.
Wenn der Abt Benedikts sie zulässt und sie nicht mit einer schnellen,
vorgefertigten Antwort beiseite schiebt, dann werden die „begründete
Kritik“ und der fragende Hinweis zur Chance der Gottesbegegnung, die
zu neuem Wachsen einlädt. Der Herr hat vielleicht gerade deswegen den
Fremden hergeführt.
Der „fremde Mönch“ ist zunächst einmal wirklich
der Mönch aus einem anderen Kloster, - aus einer anderen Gegend, - aus
einer anderen Mönchs- und Klostertradition. Gemeinsam bekennen sich
Benedikts Abt und der fremde Mönch zum Mönchtum. Die große Vision
oder – anders gesagt – die Grundsehnsucht sind bei beiden dieselbe.
Es ist der eine Herr, für dessen Königtum sie beide kämpfen (vgl. RB
63,10). Dieses Erkennen und Anerkennen der großen Gemeinsamkeit ist
eine feste und breite Grundlage, auf der die Details unterschiedlicher
Akzente und Sichtweisen ruhig und für beide Seiten fruchtbar betrachtet
werden können.
Der „fremde Mönch“
darf aber sicher auch weiter interpretiert werden, als es gerade in
enger Anlehnung an den Wortlaut der Regel Benedikts versucht wurde. Es
sind die regelmäßigen Gottesdienstbesucher, die Freunde der Abtei und
in besonderer Verbundenheit die Oblaten eines Klosters, die mir bei
dieser Weitung des Begriffes vor Augen stehen. Sie kommen zu uns, weil
sie gerade bei uns – und vielleicht nirgendwo anders – vieles
finden, das ihrer geistlichen Sehnsucht antwortet. Bei uns sind sie
„irgendwie“ – möglicherweise nur schwer definierbar –
beheimatet. Je mehr Heimat sie bei uns finden – ich denke hier
besonders an die Oblaten -, desto intensiver können sie uns auf unsere
Quelle anfragen, die sie auch für sich aufschließen möchten. In
dieser Bitte um Aufschluss wird der Mönch in die Reflexion über das
geführt, was ihm vielleicht schon allzu selbstverständlich geworden
ist. Das Gespräch an der Quelle und über die Quelle ist das
gegenseitige Segensgeschenk (Norvene Vest), das der Mönch und der
Anklopfende voneinander empfangen und einander geben.
Und noch einmal weiter
gefasst, ist der „fremde Mönch“ jeder, der in seinem Nicht-Verständnis
und in seiner Nicht-Kenntnis des Mönchtums die berühmten „dummen
Fragen“ stellt, die uns meist nur deshalb als „dumm“ erscheinen,
weil wir so sehr „drin“ sind, dass wir kaum noch das Wunderbare oder
auch das Wunderliche unseres benediktinischen Lebens wahrnehmen. Ob
Benedikts Abt aus dem Regelkapitel 63 nicht auch hier sich fragen
sollte, ob Gott nicht ganz bewusst die „dumme Frage“ in den Raum
gestellt hat, um ihn vor noch dummeren Antworten zu warnen?
Zwei Entwürfe über das
Oblatentum
Meine Überlegungen über „das Benediktinische“ sind seit langem
eng verbunden mit der Frage der Botschaft der Klöster (natürlich vor
allem meines eigenen Klosters) in die Kirche und Welt hinein. Ich kann
den Satz, den mir vor kurzem der Abt eines benachbarten Klosters
schrieb, voll und ganz mir zu eigen machen: „Ich betrachte unser
Kloster als ein Geschenk Gottes, das nicht nur uns Mönchen gehört,
welches wir vielmehr mit anderen Christen zu teilen aufgerufen sind.“
Da ich seit der Neubelebung des Oblateninstituts in unserem Kloster vor
neun Jahren unsere Oblaten begleite und über die „Arbeitsgemeinschaft
Benediktineroblaten“ die Oblatensituation in anderen Klöstern in den
Blick gewonnen habe, sind mir die Oblaten in ihrem Suchen nach
benediktinischer Spiritualität Gesprächspartner geworden, die mich
danach fragen lassen, was wir (ich) ihnen und überhaupt den Menschen
„draußen“ als benediktinische spirituelle Kost anbieten können, -
anbieten wollen und tatsächlich anbieten.
Bei meinem Suchen nach
Antworten bin ich auf zwei Oblaten-Texte gestoßen, die einerseits nicht
unterschiedlicher sein können und darum nicht voreilig harmonisiert
werden sollten. Zum anderen können sie in eine anregende Spannung
zueinander verankert werden, die sie offen macht für die ergänzende
Wahrheit des jeweils anderen Modells. Der eine Text ist aus der
Oblaten-Seite der Website der amerikanischen Erzabtei St. Meinrad
entnommen, der andere der Website der Abtei Alexanderdorf. Ich will
beide Texte im Wortlaut zunächst unmittelbar nacheinander und
unkommentiert wiedergeben. Das ist eine Einladung, sich dem jeweiligen
„Geschmack“ des Textes auszusetzen. Wie „schmeckt“ jeder Text in
sich? Welche „Geschmacksunterschiede“ erspüren wir im unmittelbaren
Vergleich der beiden Texte? Weil jede Übersetzung bereits eine
Interpretation ist, wird der amerikanische Text nicht nur in meiner Übersetzung,
sondern auch im Original wiedergegeben.
Aus
der Oblaten-Information der Abtei St. Meinrad:
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Duties
of an Oblate
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Pflichten eines
Oblaten
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Perhaps the most frequently
asked question regarding oblation is what is expected of the
oblate. The duties are not difficult or overwhelming. However, if
they are faithfully carried out, the oblate will become a
spiritual person whose life is truly caught up in Benedictine
spirituality. The duties offer a wonderful opportunity for turning
the ordinary Christian life into something more spiritually
satisfying.
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Wohl am häufigsten
wird mit Blick auf die Oblation gefragt, was vom Oblaten erwartet
wird. Nun, - die Pflichten sind nicht schwer und außergewöhnlich.
Wenn sie aber treu erfüllt werden, wird der Oblate ein
geistlicher Mensch, dessen Leben wirklich in benediktinischer
Spiritualität gehalten ist. Die Verpflichtungen sind ein guter
Weg, das normale christliche Leben spirituell befriedigender zu
erfahren
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There
are five duties expected of each oblate:
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Fünf Verpflichtungen
gibt es für jeden Oblaten:
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The
oblate should pray daily the Liturgy of the Hours. Morning and
evening prayer are included in Benedictine Oblate Companion.
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Der
Oblate sollte täglich das Stundengebet beten. Laudes und Vesper
findet man im Oblatenhandbuch.
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The
oblate should read from the Rule of St. Benedict each day.
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Der
Oblaten sollte jeden Tag die Regel Benedikts lesen.
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The
oblate should practice lectio divina each day. This meditative
reading from the Holy Scriptures or other religious writings
expands our love, knowledge and appreciation of the spiritual way
of life.
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Der
Oblate sollte jeden Tag die “lectio divina” üben. Dieses
meditative Lesen in der Heiligen Schrift oder anderer Lektüre
weitet unsere Liebe, das Wissen und die Wertschätzung für das
geistliche Leben.
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The
oblate should participate frequently in the Sacraments of the
Eucharist and Reconciliation. (If the oblate is not Roman Catholic,
then he or she should be faithful to his or her denominational
beliefs concerning church and prayer.)
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Der
Oblate sollte häufig das Sakrament der Eucharistie und der Buße
empfangen. (Wenn der Oblate nicht römisch-katholisch ist, sollte
er treu zu den Überzeugungen seiner Konfession über Kirche und
Gebet stehen.)
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The
oblate should be attentive to God's presence in his or her
ordinary, daily life.
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Der
Oblate sollte sensibel für Gottes Gegenwart in seinem normalen
Alltagsleben sein.
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The
purpose of the oblate program is to assist and support the Oblate
in living the Christian way of life. This is done in prayer and
community.
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Das Ziel des
Oblatentums ist es, den Oblaten im seinem
Christsein zu begleiten und zu stärken. Das geschieht in
Gebet und Verbundenheit.
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Aus
der Oblaten-Information der Abtei Alexanderdorf
[2]:
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ALLES BEGINNT MIT DER
SEHNSUCHT.
Nelly Sachs
Sehnsucht nach
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Lebenssinn
Verläßlichkeit und Beständigkeit
Erfahrung der Nähe Gottes
Christus als Wegbegleiter
Leben aus dem Evangelium
Gebetsgemeinschaft
Gemeinsamem Unterwegssein
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Sehnsucht
ist Anruf Gottes im Herzen des Suchenden,
dennoch:
GOTT
KANN UNS TAUSEND SCHRITTE ENTGEGEN GEHEN,
ABER DEN EINEN ZU IHM HIN, DEN MüSSEN WIR SELBER TUN.
Karl Rahner
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Überlegungen
zu den Texten aus St. Meinrad und Alexanderdorf
Es ist richtig: beide Texte sind Teile eines größeren Ganzen. Insofern
muss ehrlicherweise dazu angeregt werden, sich die Gesamtpräsentation
des Oblatentums in beiden Websites anzuschauen. Doch glaube ich, in der
Textauswahl und Gegenüberstellung die Sichtweisen der Darstellung nicht
grob verfälscht zu haben.
Der Text aus St. Meinrad ist sehr „griffig“. Er formuliert die
besonders gängige Frage, was von einem Oblaten erwartet wird, - was das
Kloster oder der Orden von ihm erwartet. Er antwortet präzise: erstens
..., - zweitens ..., - drittens ..., - viertens ..., - fünftens ... Der
Fragende weiß nach dieser Auflistung, woran er ist, - was er als guter
Oblate zu tun hat, - oder auch, wo er und wie er unter dem
Erwartungslevel bleibt.
Die ersten beiden Punkte
sind sehr praktisch benediktinisch: Stundengebet und tägliche
Regellesung, wie wir sie auch als Mönche im Kloster praktizieren. Die
dritte Forderung ist sicher ebenfalls benediktinisch, obwohl sie den
benediktinischen Raum verlässt und als allgemeine Grundlage des
geistlichen Lebens vorgestellt wird: lectio divina. Der Hinweis auf
Eucharistie und Bußsakrament ist eindeutig überbenediktinisch. Und der
Verweis auf „Gottes Gegenwart überall“ ist zweifellos sehr
benediktinisch, - ja: kern-benediktinisch! -, wird aber in der
Zusammenstellung von St. Meinrad nicht benediktinisch begründet. Außerdem
frage ich mich, wie weit man ihn als „Verpflichtung“ oder
„Pflicht“ formulieren kann. In der Auflistung steht die Sensibilität
für Gottes Gegenwart im Alltag an letzter Stelle. Bedeutet das, dass
sie als Zielperspektive des Oblatentums verstanden wird? Oder ist es
eher ein „Anhängsel“, das so richtig nicht in den Duktus der
hineinpasst?
Meine Wiedergabe liest sich
wahrscheinlich nicht als sonderlich „wohlwollend“. Und doch erkenne
ich in der Auflistung von St. Meinrad eine mir als Begleiter unserer
Oblaten sehr vertraute Sehnsucht wieder. Ich selbst möchte gerne eine
klare Handreichung haben, was ich unseren Oblaten als „Regel“ an die
Hand geben kann, - was ich ihnen zumuten kann und muss. So eine
Auflistung von „Pflichten“ ist ein klar definiertes Raster, das dem
Oblaten und auch mir ein Schema an die Hand gibt, um zu sehen, ob der
Oblate auf einem guten Weg ist.
Gegen meine eigene, gerade
formulierte Sehnsucht nach einem klar abzuhandelnden Maßstab-Katalog
steht aber eine größere Angst und Sorge. Ist mit dem „Erfüllen“
der fünf Pflichten das Leben des regel-treuen Oblaten bereits mit Geist
„gefüllt“. Mir steht das Bild des regel-treuen Mönchs vor Augen,
der jede Norm der Regel, - der Konstitutionen und der Haus-Usanzen kennt
und praktiziert, aber eine erschreckende Enge ausstrahlt. Mit dem
Muster-Buch guten Mönch-Seins in der Hand, hat er die Hände –
geschweige denn das Herz – nicht frei, das Mönch-Sein zu leben und zu
erleben. Überspitzt möchte ich sagen: der „perfekte“ Mönch hat
sein Mönch-Sein zum Beruf gemacht und dabei seine Berufung verloren. In
Variation dürfte das Gesagte auch für den und die Oblaten gelten.
Dem Oblaten-Text der
Erzabtei St. Meinrad habe ich einen Text
aus dem Faltblatt der Abtei Alexanderdorf
zur Seite gestellt. Er präsentiert
das Oblatentum von einem sehr anderen Ausgangspunkt aus und in einem
sehr verschiedenen Stil als die St. Meinrader. Alexanderdorf nimmt die
Sehnsucht des suchenden Menschen in den Blick, - unterstützt und verstärkt
sie und traut dem Oblatentum zu, ihr eine Antwort geben zu können.
In dem ausgewählten
Textabschnitt taucht der Name des hl. Benedikt gar nicht auf. Auch der
Begriff „Oblate“ fehlt. Nelly Sachs und Karl Rahner werden zitiert,
- die jüdische Dichterin und Nobelpreisträgerin und der Theologe aus
dem Jesuitenorden. Beide sind in ihren Disziplinen hoch anspruchsvolle
Denker und Impulsgeber. Sie zu zitieren, wirft auch ein Licht auf die
Alexanderdorfer Klostergemeinschaft und ihr hohes Anspruchs-Verständnis
vom Oblatentum.
Benedikt wird in den
zitierten Text nicht erwähnt. Aber wer nur etwas die Benedikt-Regel
kennt, liest sofort Benedikt mit, wenn sein Auge auf „Beständigkeit“,
„Nähe Gottes“, Christus als Wegbegleiter“ usw. fällt. Benedikt
ist präsent, obwohl er nicht genannt wird. Und natürlich wird im
Gesamttext des Faltblattes der Name „Benedikt“ durchaus nicht
verschwiegen.
Sagt das Faltblatt aus
Alexanderdorf nun aber wirklich gar nichts über „Pflichten“ eines
Oblaten? Nein, und doch auch ja! Nein, - denn das Wort taucht wirklich
nicht auf. Ja, - denn der weite Horizont der tausend Schritte Gottes auf
den Menschen zu wird ergänzt durch den einen dann immer sehr irdischen
Schritt, den wir selber tun müssen. Das Faltblatt nennt unter dem
Regelwort „Wahrhaft Gott suchen“ (RB 58,7):
-
im Hören auf sein Wort
-
in Stille und persönlichem Gebet
-
in der Mitfeier der Liturgie, vor allem auch im Stundengebet der
Kirche
-
in der Begegnung mit dem Nächsten
-
in allem Tun des Alltags in Familie, Beruf, Gemeinde, auch in
Schwierigkeiten, Misserfolgen oder durchkreuzten Plänen
So anders sind diese Dinge
gar nicht im Vergleich mit dem Pflichten-Katalog des St. Meinrader
Textes. Und doch sind sie ganz anders gesagt und haben einen ganz
anderen Geschmack. Es ist viel mehr Weite und Einladung. Sind sie in
ihrer offenen Formulierung unverbindlicher? Mir will diese Offenheit
eher herausfordernder erscheinen. Sie spricht die Sprache einer Pflicht,
die von innen heraus wächst und die nicht so sehr von außen auferlegt
ist. In diesem Horizont wandelt sich die Sperrigkeit der Pflicht in
neugierige Freude an Gott und in freudige Neugierde nach Gott.
Ich will diesen Gedanken
abschließen mit einem Wort von Antoine de Saint-Exupéry: „Willst du
den Bau des Schiffes lehren, dann zeige nicht zuerst wie man Balken
zusammensetzt, sondern lehre die Sehnsucht nach der Weite des
Meeres." Wer die Weite des Meeres sehnsüchtig in sich trägt, der
wird alles daran setzen, sich auch die Balken für ein Schiff zu
besorgen ...
Vitamin D
In den Tagen, in denen ich den hier vorgelegten Gedanken nachsann,
entspann sich ein Email-Dialog mit einem Mitbruder der polnischen Abtei
Tyniec, der zusammen mit einem zweiten Mitbruder seit einem Jahr die
Oblaten seiner Abtei begleitet. Für den Herbst 2003 denken sie eine
Oblatentagung auf nationaler Ebene an. Seine Blick in sein unmittelbares
Umfeld lässt ihn zu folgender Feststellung kommen: „Es ist wahr, und
wir fühlen es deutlich, dass die Oblatenidentität in unserer Welt eine
offene Frage ist.. Wir möchten diese Herausforderung aufgreifen. Es
scheint nicht einfach zu sein, aber es muss getan werden! Das
Hauptproblem ist, dass bei uns das Oblatentum nach veralteten Normen
gelebt wird. Die Menschen, die zu uns kommen- ganz zu schweigen von der
Jugend, möchten etwas Neues. Es gibt keine Angebote für sie und das
ist schade!“
In einem weiteren Kontakt
spricht der polnische Mitbruder über seine Suche nach Anregungen für
seine Oblatenarbeit im Internet. Und dann fällt die Bemerkung: „Mein
Eindruck war, dass das Oblatenleben sehr rachitisch
ist.“ Es ist nicht ganz klar, ob die Bemerkung sich nur auf das
bezieht, was der Mitbruder im Internet gefunden hat, oder sich auch auf
die Oblaten-Wirklichkeit, die er in seinem Umfeld erlebt, bezieht. Es
ist außerdem zu beachten, dass der schriftliche Ausdruck in einer
fremden Sprache immer schwierig ist und mehr als einmal zu
Formulierungen führt, die in der Muttersprache so nicht gemacht würden.
In der Muttersprache kann man sich auf jeden Fall differenzierter ausdrücken
als in einer Fremdsprache.
Setzen wir all das gerade
Gesagte voraus, aber lassen wir dennoch die Aussage als Anfrage an uns
heran: Hat mein eigenes Leben als Oblate vielleicht etwas
„Rachitisches“ an sich? Muss ich mich als Oblatenrektor vielleicht
befragen, ob ich wirklich „Leben“ im Kreis der Oblaten anrege? Müssen
wir als Kloster uns möglicherweise fragen, ob wir tatsächlich bewusst
sind, dass Mönch-Sein nicht unser Privatvergnügen, sondern Geschenk
ist, aus dem wir weiterschenken sollen?
Wenn Rachitis durch eine Störung
des Vitamin-D-Stoffwechsels verursacht wird, dann wünsche ich mir für
unsere Oblatengemeinschaften (und in unseren Klöstern beim Nachdenken
über die Oblatengemeinschaften) als Therapeutikum den Vitaminschub Diskussion
und Dialog,
um die Dynamik
des Lebens frei zu setzen.
Abt Albert
Altenähr OSB
030708
"Die Tagespost" veröffentlichte in
Ihrer Ausgabe vom 4.11.03 im Rahmen einer Zeitschriftenschau eine
Zusammenfassung obigen Beitrags, der in der Zeitschrift Erbe und Auftrag
(5/2003) erschienen war: "Die benediktinische Monatsschrift „erbe und
auftrag“ (05/2003) befasst sich in ihrer Oktoberausgabe mit den
Oblaten – zumeist Laien oder Weltpriester, die sich einem
Benediktinerkloster angeschlossen haben. Abt Albert Altenähr OSB von
der Abtei Kornelimünster zieht in diesem Zusammenhang den treffenden
Vergleich mit dem fremden Mönch aus der Benediktsregel, der das Kloster
aus einer größeren Distanz als dessen Bewohner betrachtet und mitunter
eine schärfere Sicht für Verbesserungsmöglichkeiten hat. Die beträchtliche
Spannbreite benediktinischer Klöster dokumentiert der Autor anhand
zweier höchst unterschiedlicher Handreichungen für Oblaten, von denen
eine aus dem Kloster Alexanderdorf (Erzdiözese Berlin), die andere aus
der nordamerikanischen Erzabtei Sankt Meinrad stammt. Der im typisch
amerikanischen Ratgeberstil verfassten Liste aus Sankt Meinrad stellt
Altenähr Texte von Nelly Sachs und Karl Rahner (Alexanderdorf) gegenüber,
wobei er die deutsche Handreichung eindeutig favorisiert. So beurteilt
er die Empfehlung der amerikanischen Erzabtei, der Oblate solle häufig
das Sakrament der Eucharistie und der Buße empfangen, „als eindeutig
überbenediktinisch“. Demgegenüber erkennt er in den Texten Rahners
und Sachs „mehr Weite, mehr Einladung“. Bemerkenswert ist, dass der
Abt den regeltreuen Mönch mit „erschreckender Enge“ konnotiert, gar
in Gefahr sieht, seine Berufung zu verlieren – und dies in Abwandlung
auch auf den Oblaten überträgt" -- Ob der letzte Satz
wirklich das wiedergibt, was ich geschrieben habe? "Mir steht das Bild des regel-treuen Mönchs vor Augen,
der jede Norm der Regel, - der Konstitutionen und der Haus-Usanzen kennt
und praktiziert, aber eine erschreckende Enge ausstrahlt." -- Auf
dem Äbtekongress 2004 hat der Generalabt der Trappisten sein Grußwort
mit der Bemerkung geendet: "Es wird in der Hölle mehr Mönche
geben, die wortgetreu regeltreu waren, als solche, die kreativ gelebt
haben."
s.a. Lebendig
leben! „2“
[1] Die hier ausgeführten Gedanken gehen auf das Gespräch an
einem Oblatennachmittag (5. Juli 2003) in der Abtei Kornelimünster
zurück. Sie wurden weiter befruchtet durch einen Briefwechsel mit
dem Oblatenrektor der polnischen Abtei Tyniec.
[3] Rachitis:auf Störungen des Vitamin-D-Stoffwechsels beruhende
Erkrankung mit gestörter Mineralisierung u. Desorganisation
derWachstumsfugen u. dadurch geprägten Skelettveränderungen.
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