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Lebendig leben! „2“
Eine Antwort und ein Weiterdenken
Auf
meinen Beitrag „Lebendig leben! –
Horizonte für Oblaten“ erhielt ich aus dem Kreis der Kornelimünsteraner
Oblaten folgende Reaktion:
„Raum“
zum
Werden |
„Wenn
ich zwischen den Entwürfen zum Oblatentum von St. Meinrad und
Alexanderdorf entscheiden soll, so ist mir Alexanderdorf natürlich
sympathischer, weil er mehr ‚Raum’ gibt. St. Meinrad erinnert
mich an die Fragen meiner Freunde zum Oblatentum: ‚Was müsst ihr da eigentlich machen?“ Es ist immer schwer zu erklären,
dass es mit Machen nicht getan ist, sondern dass das Ganze etwas
mit Werden zu tun hat. Auf dem Weg des Werdens sind natürlich
bestimmte Übungen und Regeln nützlich, aber sie sind nicht das
Eigentliche, |
| Seile
zum Festhalten |
sondern
nur Seile zum Festhalten, wenn es nach drei Schritten vorwärts
mal wieder zwei zurück geht. |
| Kloster
stellt sich selbst die Aufgabe |
Wenn
St. Meinrad äußert, Ziel des Oblatentums sei es, den Oblaten in
seinem Christsein zu begleiten und zu stärken, so ist das zwar
sehr edel, aber es scheint mir eher eine Aufgabe zu sein, die sich
das Kloster selbst stellt. Kein Wunder also, dass sich manche Klöster
so schwer tun mit ihren Oblaten. Ist es wirklich so schwer, vom
Gedanken, des zu betreuenden
Oblaten los zu kommen |
| gemeinsamer
Weg |
und sich
stattdessen mit dem christlichen Laien gemeinsam auf einen
benediktinischen Weg zu machen, einfach als Bruder und Schwester? |
| Eigenveranwortung
der Oblaten |
Kann man
nicht ein Stück Verantwortung getrost auf die Laien selbst übertragen,
in der Hoffnung, dass Gott auch auf krummen Linien gerade
schreiben kann? |
| Vertrauen
des Klosters |
Da
scheint mir Alexanderdorf mit seiner Sehnsucht, mit dem
gemeinsamen Unterwegssein und der Gebetsgemeinschaft ein Stück
weiter zu sein. Sie traut dem Oblaten m.E. einfach mehr zu, nimmt
ihn in seinem Christ- und Benediktinisch –sein-Wollen
ernster.“ |
Ich habe den Text bewusst „auseinander“ gerissen,
um einzelne Aussagen bewusster in den Blick zu rücken. Eine Kurzfassung
der Punkte, die mir zum weiteren Nachdenken – sei es in der Zustimmung
und Vertiefung, sei es der nachfragenden Kritik und Korrektur – habe
ich den einzelnen Abschnitten zur Seite gestellt.
In dem Briefabschnitt fallen mir besonders die
Begriffe „Raum“, „Werden“ und „Weg“ auf. Bei einer
vertiefenden Betrachtung kann vielleicht der Weg-Begriff ein wenig zurückgestellt
werden, - nicht weil er weniger bedeutend oder gar falsch ist, sondern
weil die Weg-Metapher so oft gebraucht wird, dass sie fast schon
ausgeleiert ist. Das ist bedauerlich, denn der „Weg“ ist nicht nur
ein allgemeiner Archetypus, sondern ein ganz konkreter „Ur-Begriff“
für das Christusbekenntnis. Ich denke meine Weg-Assoziationen auf jeden
Fall im Begriff des „Werdens“ mit.
Es geht bei dem Ganzen weniger um ein Machen als um
ein Werden. Macher-Qualitäten sind heute einerseits sehr gefragt und
suggerieren Führungsqualität, andererseits wird das allseitige Machen
aber auch argwöhnisch hinterfragt. Nicht selten wird gespürt, dass bei
anstehenden Fragen die Lösungswege sich vordergründig im
„Hauptsache, es wird was gemacht“ erschöpfen. Übersetzt in unsere
Klöster und die Oblatenwelt könnte das bedeuten: Mönch oder Oblate
ist man nicht, indem man etwas macht. Wenn wir den strukturierten
Tagesrhythmus, - das Beten und Arbeiten, - das Befolgen von Gelübde und
Regel(n) „machen“, dann macht das sicher viel her, aber das macht
noch nicht das Mönch- bzw. Oblate-Sein aus.
Im Lauf der Jahre bin ich Menschen „von draußen“,
- Menschen aus dem Innenraum der Kirche, - ja ,Mitbrüdern des eigenen
Ordens begegnet, die den äußeren Rahmen, mit dem sich ein Kloster
zeigt, ohne weiteres als Qualitäts-Aussage über das dort gelebte Mönchtum
ansahen. Als Kontrast dazu steht mir die Aussage eines südamerikanischen
Abtes auf einem Äbtekongress vor Augen. Ein die dortige Abtei
besuchender Bischof schwärmte ihm das Bild eines bestimmten europäischen
Klosters vor: „Das ist ein wirkliches Benediktinerkloster!“ Der Südamerikaner
schleuderte dann sein Verdikt gegen dieses Schwärm-Urteil: „Der Mann
hat nichts vom Benediktinertum verstanden.“ Sicher wollte der äbtliche
Mitbruder nicht seinen europäischen Kollegen und dessen Kloster madig
machen, aber er nahm mutig für sich und seine Brüder in Anspruch, dass
erst hinter den unterschiedlichsten Fassaden des Äußeren die Frage
nach der geistlichen Qualität in den Blick gewonnen werden kann.
Der Gedanke des Werdens konotiert Offenheit und
geduldige Dynamik, die den verschiedensten Entwicklungsstadien gerecht
werden kann. Unsere Sprache tut sich nicht ganz leicht mit dem
bleibenden Charakter des Werdens. Ich bin geboren worden,
- getauft worden, -
Benediktiner / Oblate geworden.
Dass es mit dem Moment, wo ich das alles wurde,
erst beginnt und dass ich mit diesem Anfang jetzt und immer wieder neu
etwas anfangen muss (und kann), müssen wir uns wahrscheinlich immer
erst bewusst machen. Geburt, Taufe Profess / Oblatenversprechen sind
weniger ein abschließendes Ereignis, sondern ein Start. Sehr banal hat
mir das mein Fahrlehrer vor Augen geführt, als ich stolz meinen Führerschein
in Empfang nahm: „Glauben Sie nicht, dass Sie jetzt Autofahren können.“
Er hatte ernüchternd Recht. Geburtsurkunde, Taufschein. Profess- /
Oblationsurkunde entlassen in die Aufgabe, Mensch, Christ, Mönch /
Oblate zu werden. Der Raum, der sich eröffnet, will erkundet und
er-lebt werden - ... eine Lebensaufgabe.
Es lohnt auch, den Gedanken des gemeinsamen Weges von
Mönchen und Oblaten weiter nachzudenken. Es ist weder richtig, sich in
das Bekenntnis zurückzuziehen, dass unser Weg vom Blick auf Christus
her sowieso nur ein und derselbe ist, noch die Differenzierung zu
betonen, dass die Mönche den benediktinischen Weg im Kloster gehen, die
Oblaten dagegen einen benediktinischen Weg in der Welt suchen und gehen.
So richtig beides ist, so wenig bringt es die Frage nach dem
„gemeinsamen Weg“ auf den Tisch. Wie kann das Gemeinsame von
benediktinischen Mönchen und Oblaten artikuliert werden, dass beide
Seiten das einende Gemeinsame als gemeinschaftsstiftend erfahren? ...
dass man nicht nebeneinander her geht? ... dass man nicht aneinander
vorbei geht? ... dass man nicht zu den einen aufschaut und die anderen
„mit Links“ behandelt?
Sicher wird eine gesunde Phantasie dem vernünftigen
Nachdenken Mönchen und Oblaten viele Möglichkeiten aufzeigen, den
benediktinischen Weg wirklich gemeinsamen zu gehen. ich will mich auf
etwas beschränken, das der Briefabschnitt indirekt anschneidet. Da wird
das Kloster angesprochen, das nicht allein und aus sich heraus die
Oblatenbegleitung definieren sollte. Und da wird andererseits die
Eigenverantwortung der Laien (= Oblaten) in den Blick gestellt. Ich wünschte
mir, dass diese beiden Punkte noch etwas mehr präzisiert wären, denn
ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich verstanden habe, was gemeint
ist und ob es das ist, was ich im Weiteren andenke.
Ich verstehe die beiden Punkte zusammen genommen als
Bitte um eine echtes Gesprächsringen um den benediktinischen Weg. Das
setzt Offenheit und Wandlungsbereitschaft auf beiden Seiten voraus. Das
Kloster ist nicht die benediktinische Über-Mutter, die den
benediktinischen Weg in Allwissenheit und Allmacht gepachtet hat und nun
als Dogma dem Oblaten vorsetzt. Eine solche Einbahnstraße ist wenig
einladend. Sie funktioniert auch innerhalb der Klöster nicht. Der
Novize in einem Kloster wird sich in die Gegebenheiten seiner
Gemeinschaft hineinleben müssen, aber auch die Gemeinschaft selbst wird
durch jeden Neuzugang zu einer anderen geformt. Eine große Gemeinschaft
merkt die Veränderung vielleicht erst nach und nach mit einer größeren
Zahl von neuen Mitbrüdern, - eine kleine Gemeinschaft spürt die verändernde
Kraft eines Neuzugangs sehr viel unmittelbarer. Man müsste einmal
weiter darüber nachdenken, welchen Prägecharakter nicht nur die
Klostergemeinschaft für die Oblaten, sondern auch umgekehrt die Oblaten
für das Kloster haben.
Genauer möchte ich nachfragen, was ist da gemeint,
wenn gefragt wird, ob man nicht ein Stück Verantwortung den Laien übertragen
könnte? Da kann ganz einfach gemeint sein, ob nicht konkrete Aufgaben
in der Oblatenarbeit – inklusive Vorträgen, Impulsen etc – von
Oblaten übernommen werden können? ... warum nicht? Eigenverantwortung
kann sicher nicht heißen, dass man sich dies und das selektiv und
„nach gusto“ herauspickt, darüber aber nicht das Gespräch sucht, -
geschweige denn über das, was einem nicht gefällt, - ... und
irgendwann bleibt man ganz weg, weil einem „die ganze Richtung“
nicht mehr gefällt. Zur Verantwortung als Basis von
Eigenverantwortlichkeit des Oblaten für sich selbst und innerhalb der
Oblatenarbeit gehört gewiss der Mut, sich zu äußern, Eigenes
einzubringen und es auch ungeschützt in den Raum zu stellen. Wer Profil
zeigt, wird sich damit angreifbar machen, aber er regt auch an, mit dem
Nachdenken und Suchen nicht aufzuhören.
Als Oblatenrektor muss ich dankbar sein, wenn der
Oblatenkreis nicht nur „schluckt“, sondern nachdenkt,
Korrektur-Gedanken und neue Gedanken einbringt. Dasselbe gilt natürlich
auch für die andere Seite. Dass da immer wieder dran zu arbeiten ist,
versteht sich eigentlich von selbst. Aber es lohnt sich und manchmal
gelingt es. Vor kurzem „verarbeitete“ ich einen Text, der mir
zugeschickt wurde und als ich mein Ergebnis dem Absender zuschickte,
reagierte er: „....übrigens ist es schön, dass Benediktiner nicht
nur uns ‚draußen’ eine Inspiration auf unserem Weg sein können,
sondern dass es manchmal auch anders herum sein kann.“
Abt Albert
Altenähr OSB
030813
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