|
Die Benediktusregel
Eine Anleitung zu christlichem Leben
mitten in der Welt
Vor kurzem hat die Arbeitsgemeinschaft
Benediktineroblaten im deutschen Sprachraum ein neues Faltblatt
herausgegeben, das über die Idee des Oblatentums informiert. Die für
die Begleitung der Oblaten in ihrem Kloster Alexanderdorf (bei Berlin)
zuständige Mitschwester schrieb mir daraufhin einige Anmerkungen zu
diesem neuen Faltblatt. Sie legte dem Brief (13.6.02) das Faltblatt -
mit dem obigen Untertitel - bei, das man in Alexanderdorf entwickelt
hatte. Was man dort den Interessierten als erste Information an die Hand
gibt, gefällt mir sehr gut. Es ist Ergänzung und hier und da auch eine
Korrektur oder ein etwas anderer Akzent, als er im Faltblatt der
Arbeitsgemeinschaft gesetzt wird, aber gerade darin auch eine
Bereicherung.
Als sachliche Information erfahren die Leser des
Faltblattes:
Benediktineroblaten sind
Christen, Frauen und Männer, die sich in der Nachfolge Christi an der
Regel des hl. Benedikt orientieren. Sie leben mitten in der Welt
in geistlichem Anschluss an eine benediktinisches Kloster. In einem
Versprechen der Oblation bringen sie ihre Hingabe an Gott zum
Ausdruck. Der Oblation geht eine Probezeit voraus, denn
im Tun kann erfahren werden, dass
-
das Herz weit wird
-
Freude und Liebe wachsen
-
Ermutigung und Stärke vermittelt werden.
Wer sich auf diesen
benediktinischen Weg begeben will, erhält in der Zeit der Einübung und
Erprobung Anleitung und Unterstützung durch eine Schwester des
Konventes.
Neben persönlichem Kontakt
bietet das Kloster an:
v
Gemeinschaftstage für Benediktineroblaten und
Interessierte
v
Einkehrtage und Exerzitien
v
Teilnahme an Tagen im Kloster
v
Briefe zu benediktinischen Themen
v
Informationen durch Klosterrundbriefe.
Mit
diesen Aussagen kann ich mich auch für unsere Kornelimünsteraner
Oblatengemeinschaft identifizieren. Für unsere konkrete Situation in
Kornelimünster sagt mir die Offenheit zu, dass die Anleitung und
Unterstützung in Alexanderdorf durch eine Schwester, also nicht
notwendigerweise durch die Oblatenrektorin, geschieht. Das gibt dem
Oblaten die Freiheit der Wahl eines geistlichen Begleiters und entlastet
mich selbst als Oblatenrektor unserer Oblatengemeinschaft, der ich ja
auch noch Abt der Klostergemeinschaft bin.
Der Haupttitel des Faltblattes und die drei
Innenseiten zeichnen in aller durch ein Faltblatt gebotenen Kürze
die Spiritualität nach, der Benediktineroblaten folgen. Der
formulierte Text unter der Hauptüberschrift Seht, in seiner Güte
zeigt uns der Herr den Weg des Lebens lautet:
ALLES BEGINNT MIT DER
SEHNSUCHT - Nelly Sachs
Sehnsucht nach
-
Lebenssinn
-
Verlässlichkeit und Beständigkeit
-
Erfahrung der Nähe Gottes
-
Christus als Wegbegleiter
-
Leben aus dem Evangelium
-
Gebetsgemeinschaft
-
gemeinsamem Unterwegssein
Sehnsucht ist An-ruf Gottes im Herzen des Suchenden,
dennoch
Gott kann uns tausend Schritte entgegen gehen, aber den einen zu Ihm
hin, den müssen wir selber tun. Karl Rahner
Der hl. BENEDIKT (ca. 480
547) folgte der Sehnsucht seines Herzens und gab seine
Ant-Wort. Er stellte sein ganzes Leben in den Dienst Gottes:
-
im Hören und Befolgen seines Wortes
-
in Gebet und Arbeit
DAMIT IN ALLEM GOTT
VERHERRLICHT WERDE (Benediktsregel 57,9)
Die Regel Benedikts ist erwachsen aus inniger Bindung
an Gott und reifer Menschenkenntnis. Sie ruft und lehrt suchende
Menschen seit Benedikts Zeiten. Deswegen gilt sie nicht nur für Mönche
und Nonnen. Sie kann vielmehr eine Richtschnur für alle Christen sein,
die ihr Leben unter die Führung
des Evangeliums stellen
wollen.
Die Regel ist erfüllt von
der
-
Ehrfurcht vor Gott und seiner Schöpfung
-
Achtung vor den Menschen
-
Sehnsucht nach Frieden mit Gott, den Menschen und sich
selbst
-
Beständigkeit und Treue
-
Discretio, dem weisen Maßhalten.
Die Grundhaltungen der
Regel Benedikts gelten uneingeschränkt auch für unsere Zeit.
Unsere Sehnsucht nach Gott ist Gottes Sehnsucht nach uns.
Er kommt all unserem Tun
zuvor und ist in Liebe und Barmherzigkeit immer für uns da:
Bevor ihr zu mir ruft,
sage ich euch: SEHT, ICH BIN DA. (Benediktsregel Prol 18)
Wir sind die Empfangenden,
wenn wir uns öffnen und
WAHRHAFT GOTT SUCHEN
(Benediktsregel 58,7)
im Hören auf sein Wort
in Stille und persönlichem Gebet
in der Mitfeier der Liturgie, vor allem auch im Stundengebet der Kirche
in der Begegnung mit dem Nächsten
in allem Tun des Alltags in Familie, Beruf, Gemeinde, auch in
Schwierigkeiten, Misserfolgen oder durchkreuzten Plänen
Dann werden wir erfahren:
ÜBERALL IST GOTT GEGENWÄRTIG
(Benediktsregel 19,1)
Die benediktinische Spiritualität wird in diesem Text
in zwei Linien entfaltet.
Da ist zunächst eine allgemein-menschliche und
christliche Grundlinie, die in dem Leitwort Sehnsucht immer
wieder aufleuchtet. Siebenmal taucht das Wort auf den kurzen drei Seiten
auf.
Wer meine persönliche Wertschätzung der Gedichte von
Nelly Sachs kennt, bei der Sehnsucht ein Schlüsselwort ist, wird
sich nicht wundern, dass ich angesprungen bin, als ich als Überschrift
für diese Seiten ihr Wort las: Alles beginnt mit der Sehnsucht.
Mir ist Sehnsucht ein Zentralwort für mein christliches Glaubens-
und mein benediktinisches Ordensverständnis geworden.
Die unmittelbarer benediktinische Grundlinie wird im
Alexanderdorfer Faltblatt mit vier als solchen kenntlich gemachten
Zitaten sichtbar: Damit in allem Gott verherrlicht werde (RB
57,9); Bevor ihr zu mir ruft, sage ich euch: Seht, ich bin da (RB
Prolog 18); Wahrhaft Gott suchen (RB 58,7); Überall ist Gott
gegenwärtig (RB 19,1). Ein vollständiges Regelzitat ist auch
ohne dass es als solches gekennzeichnet ist - die Hauptüberschrift des
Faltblattes: Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg des
Lebens (RB Prolog 20). Zu diesen Zitaten kommen Regelstichworte wie
Hören auf sein Wort (RB Prolog 1), unter der Führung des
Evangeliums (RB Prolog 21), das weise Maßhalten (Discretio)
(RB 64,18), dass das Herz weit wird (RB Prolog 49), die in der
spirituellen Tradition der Benediktiner großes Gewicht haben. Natürlich
fehlt auch das berühmte ora et labora nicht, das dem hl. Benedikt
bzw. den Benediktinern als ihr Ordensmotto zugesprochen wird, das aber
erst 1890 erstmals nachgewiesen werden kann.
Ich glaube, mit diesen Zitaten aus der Regel wird sehr
gut das benediktinische Lebensklima eingefangen, das wir
Klostermenschen auch den Menschen draußen als Modell aufzeigen können.
Zum einen spiegeln die Zitate klar eine Weg- und Wachstumssehnsucht
wieder, zum anderen verlieren sie sich nicht in das Kleinklein
abhakbarer Einzelvorschriften, die man erfüllen muss, um ein guter
Oblate zu sein. Die eventuelle Frage der am Oblatentum Interessierten
Was muss man denn tun als Oblate? Wozu ist man durch das
Oblationsversprechen verpflichtet? lässt sich im Detail und uniform
für alle nicht beantworten. Meine persönliche Antwort auf diese Frage
lautet in etwa: Pflege das Klima! Das ist das Verbindliche und
Verbindende. Das benediktinische Klima wird die Phantasie wecken, die
d i c h lehrt,
was d u
tun musst und kannst.
Die weniger an Detailvorschriften als an einem
Gesamtklima interessierte Konzeption des Oblatentums wird noch einmal
deutlich, wenn wir auf all-umfassende Worte des Faltblattes
achten. Die beiden Zitate RB 57,9 und RB 19,1 haben diese
Horizont-Weite: Damit in allem Gott verherrlicht werde; Überall ist Gott gegenwärtig. Im Rahmentext des Faltblattes heißt
es von Benedikt, dass er sein ganzes
Leben in den Dienst Gottes stellte. Den Oblaten wird das Gott-Suchen
in allem Tun des Alltags als christlich-benediktinischer Auftrag vor Augen
gestellt. In ihrem Begleitbrief zum Faltblatt beschreibt die
Alexanderdorfer Oblatenrektorin dieses Grundziel mit den Worten: Als
wir 1985/86 mit der Oblatenarbeit begannen, waren wir von vornherein
darauf bedacht, dass die einzelnen Bewerber Vertiefung ihres geistlichen
Lebens suchten und hierfür Orientierung und Hilfe in der RB fanden:
Damit in allem Gott verherrlicht werde. Gott-suchen und
entsprechend in seiner Gegenwart leben ist immer schon Antwort auf die
Erfahrung, dass Gott uns suchte.
Vielleicht locken das Alexanderdorfer Faltblatt und
meine Gedanken den einen oder anderen Oblaten dazu, sich noch einmal neu
Gedanken über sein benediktinisches Leben mitten in der Welt zu machen.
Vielleicht gibt es auch einige Leser, die durch beides angeregt werden,
sich zu fragen, ob die engere Verbindung mit einem Benediktinerkloster
und das Versprechen der Oblation ihrem Leben mehr Gehalt geben kann. Das
Oblatentum ist kein Patentrezept für ein gelingendes Mensch- und
Christsein, aber es ist ein möglicher Weg zu diesem Ziel und gewiss
nicht der schlechteste.
Abt Albert Altenähr
020703
|