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REPORTAGE
Im Februar 2005
waren zwei Primaner des Erkelenzer Cornelius-Burgh-Gymnasiums für 24
Stunden bei uns, um Eindrücke für einen Bericht über einen Tag im
Kloster zu sammeln. In der März-Nummer ihrer Schülerzeitung "MongoBeach"
ist der Artikel erschienen. Wir danken den beiden Autoren und dem Redaktions-Team für den Beitrag und die Abdruckerlaubnis.
Vielleicht sind die Akzentsetzungen des Artikels noch ein wenig besser
zu verstehen, wenn man weiß, dass als Parallel- oder Kontrast-Beitrag
in der Schülerzeitung ein Bericht über eine 6-stündige Beobachtung
eines MacDonalds-Restaurants "Hauptsache Schnell" steht. - fr.a.
HAUPTSACHE STILL
Der frisch gefallene Schnee dämpft
unsere Schritte ab, als wir die Steinstufen zur Pforte des Klosters
emporsteigen. Die schwere Holztüre steht offen, an der Klosterpforte
erwartet uns Pater Oliver. „Willkommen bei den Benediktinern“, sagt er
leise, aber gut verständlich. Unser Besuch im Kloster hat begonnen, 24
Stunden bei den Benediktinern in Kornelimünster bei Aachen.
Pater Oliver führt uns durch einen
langen und leeren Gang in den Gästespeisesaal. „Frater Antonius kommt
gleich“ sagt er lächelnd und verschwindet. Wir sind allein im
Speisesaal. Es ist still. Kein Geräusch vernehmbar, nirgendwo ist Musik
zu vernehmen, kein Autolärm dringt von weit her herein. Stille, keine
bedrückende Stille, eine entspannende, beruhigende Stille. Als Frater
Antonius uns kurze Zeit später begrüßt, spricht auch er leise – und wir
passen unsere Stimme ebenfalls der Umgebung an, sprechen ungewollt
gedämpft. Niemand will die wunderbare Stille zerschneiden, auch wir
wollen sie erhalten – zumindest für den Moment, wer weiß, ob das gesamte
Klosterleben so ruhig sein wird.
Vesper in der Klosterkirche. Die
acht Mönche des Klosters haben im Chorgestühl Platz genommen, vier
links, vier rechts, dazwischen sitzen einige Gäste und
Gemeindemitglieder, die zur Frühabendandacht gekommen sind. Stille liegt
über der Kirche, bis Abt Albert – Vorsteher der klösterlichen
Gemeinschaft – zwei Mal auf sein Gebetbuch klopft, das kaum hörbare
Zeichen zum Beginn der Vesper. Frater Antonius beginnt als Vorsänger den
Vortrag der Psalmen aus dem alten Testament. Er singt zwei Verse, mit
ruhiger, klarer Stimme. Nach dem ersten Vers hält er inne; der Klang
seiner Stimme verteilt sich im hohen Gewölbe der Kirche. Sich zunächst
ausbreitend, dann langsam ersterbend, erweckt der Nachhall des Gesangs
ein Gefühl von Wärme in der kalten Kirche, von Sommer inmitten der
kühlen Schneelandschaft, von Ruhe inmitten der hektischen Welt vor der
Kirchentür. Knappe drei Sekunden lang hört man nichts als den Hall im
Gewölbe; erst nachdem der letzte Ton verklungen ist, stimmt Frater
Antonius den nächsten Vers an. Nach zwei Versen antworten ihm alle
Mönche und die anwesenden Gäste mit den nächsten zwei Versen. Auch hier
wird nach jedem Vers eine Pause gemacht, dem Klang und dem Inhalt der
eigenen Worte gelauscht. Nach zwanzig Minuten schlägt Abt Albert
wiederum auf sein Gebetbuch, die Mönche erheben sich aus dem
Chorgestühl, verlassen schweigend die Kirche. Zurück bleiben die Gäste,
die erst langsam aus ihrem meditativen, fast hypnotischen Zustand
erwachen. Schweigend verlassen auch sie die Kirche.
Beim Abendessen im Refektorium, dem
Speisesaal der Mönche, wird geschwiegen. Ohne Worte nehmen die acht
Mönche und männliche Einzelgäste des Klosters hier Mittag- und
Abendessen ein. Gruppen und weibliche Einzelgäste speisen nebenan im
Gästespeisesaal. Während des Abendessens werden geistliche Texte
vorgelesen; Abt Albert bedient Mönche und Gäste, trägt Teller mit Brot,
Wurst und Käse herum. Zu hören sind die Lesung und das Kratzen von
Messern auf Tellern. Doch das Schweigen während der Mahlzeit ist kein
bedrücktes, kein trauriges Schweigen. Blickt man von seinem Teller auf,
blickt man ins Gesicht eines Mönches, eines anderen Gastes, lächelt man
sich zu. Auch ohne Worte fühlen wir uns in der Gemeinschaft der Mönche
wohl, non-verbal geben sie uns zu verstehen: ihr seid willkommen. Die
Benediktiner von Kornelimünster haben sich Gastfreundschaft auf ihre
Fahnen geschrieben; beim Abendessen im Refektorium kann man diese fast
mit Händen greifen.
Nach dem Abendessen setzt um halb
acht die Komplet den Schlusspunkt unter einen Klostertag. Wieder
erfüllen Psalmen die Klosterkirche, wieder ist der Nachhall des eigenen
Wortes etwas Verzauberndes. Um kurz vor acht ist ein Klostertag
offiziell beendet, Mönche wie Gäste ziehen sich auf ihre Zimmer zurück.
Die Gänge des Klosters liegen nun so leer da, wie die Stille dort es
schon den ganzen Tag hatte vermuten lassen.
| >>Ich genieße die
Stille hier jeden Tag.<< |
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Fünf Uhr morgens. Durch Lautsprecher
ertönt das Wecksignal für die Mönche. Ein dreimaliges „Ding-Dong“, dann
wieder Ruhe. Ruhe, die dazu einlädt, sich umzudrehen und noch ein paar
Stunden zu schlafen, aber in einer halben Stunde wartet die erste
Andacht. Noch recht verschlafen finden wir uns zu Vigil und Laudes, so
die Namen der frühmorgendlichen Andachten, ein; unser Organismus ist
nicht an den klösterlichen Zeitplan gewöhnt. Den acht Mönchen indes
macht das frühe Erwachen nichts aus; jeder Tag im Kloster, wochentags
wie sonntags, sommers wie winters, beginnt um fünf Uhr mit dem Weckton.
In Anbetracht der frühen Zeit und der winterlichen Kälte findet die
Morgenandacht allerdings im kleinen Gebetraum statt; hier ist es warm
und schnell wachen wir vollends auf, begleitet von Psalmengesang und dem
sonntäglichen Evangelium.
Die Klosterkirche wird erfüllt von
mächtigem Orgelspiel und Gesang der Gemeinde. Die acht Mönche ziehen
ein, einige in liturgischen Gewändern; Sonntags-Hochamt im
Benediktiner-Kloster. Knapp 70 Gemeindemitglieder haben sich in den
Holzbänken der großen Kirche eingefunden; die Kirche wirkt dennoch recht
leer. Das Hochamt halten die drei geweihten Mönche. Von den acht Brüdern
im Kloster sind drei geweihte Priester, einer ist Diakon, vier sind
Nicht-Geistliche und „nur“ Ordensleute. „Wir sind nicht viele an diesem
Sonntag“ begrüßt einer der Patres die Gemeinde. Auch in Kornelimünster
erlebt die Kirche keinen großen Zustrom; langsam und leise werden die
Messbesucher weniger. Die Anwesenden aber werden von den Mönchen zum
großen Teil gekannt. Während das Nachspiel der Orgel sich unter dem
hohen Dach der Klosterkirche verteilt, verlassen erst die Mönche, dann
die Gemeindemitglieder den Raum. Stille kehrt wieder ein.
Auch in der Mittagshore, der Andacht
um zwölf Uhr mittags, bleibt die Stille erhalten. Hier sind wieder nur
die Mönche und einige wenige Gäste des Klosters in der Kirche anwesend;
Psalmgesänge erfüllen ein weiteres Mal mit ihrem bewundernswerten
Nachklang den Raum. Kurz vor dem Ende der Andacht bricht ein Lichtstrahl
durch das große, runde, bunt verzierte Fenster über dem Chorgestühl. Das
Licht der Wintersonne bricht sich in dem bunten Glas und ergießt sich
wie ein bunter Wasserfall über die betenden Mönche. Als die Sonne von
einer Wolke verdeckt wird und das bunte Licht langsam erlischt,
verlassen die Mönche den Kirchenraum.
Frater Antonius ist mit 30 Jahren
der jüngste der acht Mönche; seit zehn Jahren ist er Benediktiner in
Kornelimünster. Für ihn ist die Stille des Klosters nach zehn Jahren zum
Normalzustand geworden. „Diese Stille ist hier ja immer, ich bin es
nicht mehr gewohnt, ständig bedudelt zu werden.“ Und dann macht er eine
Aussage, die verdeutlicht, wie anders, wie viel besinnlicher das Leben
im Kloster ist: „Wenn ich in die Stadt komme, finde ich es unheimlich
laut. Ein ständiger Lautstärkepegel, ständig irgendwo Musik, Werbung
oder Geschrei, das kenne ich sonst gar nicht mehr.“ Trotzdem oder gerade
deshalb stellt er fest: „Ich genieße die Stille hier jeden Tag.“
Unsere 24 Stunden im Kloster sind
beendet. Versehen mit den besten Wünschen der Mönche verlassen wir die
Gemeinschaft der Benediktiner. Schneefall hat wieder eingesetzt, als wir
die schwere Klosterpforte hinter uns lassen; schwere, dicke
Schneeflocken fallen vom Himmel über der Voreifel und decken die
Landschaft weiter zu. Wir sind wieder im „normalen“ Leben angekommen:
Auto frei kratzen, bald darauf ungeräumte Landstraßen und verstopfte
Autobahnen. Hinter uns deckt der Schnee ganz leise unsere Fußspuren vor
der Klosterpforte zu.
Andreas Koerfer/ Dominik Mercks
MongoBeach Nr. 18 -
Schülerzeitung am
Erkelenzer Cornelius-Burgh-Gymnasium
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