|
Am Samstag, 21. März 2009, veröffentlichte die "Aachener Zeitung" das
nachstehende Interview mit Abt Friedhelm. Wir danken der Redaktion für
die Wiedergabeerlaubnis. - Foto: Wolfgang Plitzner.
Ein Mönch,
der gerne singt und tanzt
Seit einem Jahr leitet Abt Friedhelm die Benediktinerabtei
Kornelimünster. „Die Angst, sich zu binden, nimmt immer mehr zu.“
Kornelimünster.
Lebensfreude und einen tiefen Glauben an Gott strahlt Abt Friedhelm
aus. Seit zwölf Monaten leitet er die Benediktinerabtei in
Kornelimünster und ist verantwortlich für das Leben dort. AZ-Redakteur
Joachim Rubner sprach mit Abt Friedhelm, dem Nachfolger von Abt
Albert, der die Abtei 25 Jahre leitete.
*
Abt
Friedhelm, Sie sind ein Jahr Abt der Benediktinerabtei in Kornelimünster.
Was hat sich für Sie in dieser Zeit geändert?
Abt Friedhelm:
Mehr Verantwortung, mehr Arbeit, ein Mehr an Überlegungen. Ich will
nicht sagen mehr schlaflose Nächte, aber auf jeden Fall kürzere Nächte.
Ich schaue aber immer noch voller Zuversicht und Optimismus in die
Zukunft, auch wenn wir hier im Moment ein kleiner Konvent sind. Wir sind
acht Brüder, der Zweitjüngste ist gerade 50 Jahre alt geworden, der
Jüngste wird in diesem Jahr 35. Ich gebe zu, dass das nicht gerade
überschäumend ist, aber immerhin kamen in den vergangenen Tagen zwei
Anfragen. Ich weiß nicht, was sich daraus ergeben wird. Wir leben im
Augenblick in einer bewegten Zeit. Bankenkrise, Weltwirtschaftskrise,
viele Leute haben Angst um ihren Arbeitsplatz.
Spüren Sie in der
Abtei die momentane Stimmung in der Gesellschaft?
Abt Friedhelm:
Ganz vereinzelt gibt es Gäste, die wir aufnehmen und die über ihre
Ängste sprechen. Wir haben ein Haus der Glaubensbegegnung, und ab und zu
meint der ein oder andere, sich den Aufenthalt nicht mehr leisten zu
können. Ansonsten spüren wir davon zurzeit wenig, allerdings kann das
noch kommen, falls sich diese Finanz- und Wirtschaftskrise noch
verschärft.
Ihr Gästehaus hat
einen guten Ruf und ist sehr beliebt. Worauf führen Sie das zurück?
Abt Friedhelm:
Unser Gästebereich, das Haus der Glaubensbegegnung, zeichnet sich unter
anderem dadurch aus, dass wir kein eigenes Haus haben, wo die Gäste
separat wohnen und daneben im Kloster die Mönche. Wir haben uns vor zwei
Jahren durch den Verkauf des Altbaus verkleinert, leben bereits seit
einigen Jahren im sogenannten Neubau, wo eine Etage für Gäste reserviert
ist. Das sind 20 Zimmer, und darüber sind die zwölf Zimmer für uns
Mönche. Diese große Nähe, glaube ich, ist ziemlich einmalig in
Deutschland. Sie lässt Gäste gerne zu uns kommen. Wir können und wollen
auch nicht die heile Welt vorspielen – also ein wenig abgehobene Mönche,
fromm betend und singend, und dann die Gäste, die aus der ‚bösen Welt‘
kommen. Nein, unsere Gäste erleben uns hautnah und spüren, dass wir
Menschen mit Stärken und Schwächen sind.
Sie nehmen auch den
Nachmittagskaffee zusammen mit ihren Gästen ein.
Abt Friedhelm: Ja,
und dabei ergibt sich eben das ein oder andere Gespräch, was nicht
geplant ist. Es können ganz normale Alltagsgespräche entstehen. Es kann
aber auch sein, dass dabei die ein oder andere tiefe Frage nach dem
Leben oder dem Glauben auftaucht, die es dann möglich macht, mit einem
Mönch vertiefend ins Gespräch zu kommen.
Sie sagten eben,
Sie sind acht Brüder hier. Meines Wissens waren Sie vor 20 Jahren mehr
als heute.
Abt Friedhelm:
Nicht wesentlich mehr. Ich bin jetzt knapp 25 Jahre hier, damals waren
wir ein gutes Dutzend. Wir sind jetzt ein Drittel weniger, da einige
gestorben sind. Wir hatten auch eine ganze Reihe von Leuten, die zu uns
gekommen sind, aber eben bis auf drei Ausnahmen auch wieder gegangen
sind. Das ist ein Zeichen der Zeit. Menschen, die in ein Kloster
eintreten, tun das eben mit all ihren Stärken und Schwächen, mit ihrer
Fähigkeit oder auch Unfähigkeit zur Bindung, die ja ein ganz starkes
Element unseres klösterlichen Lebens ist.
Was bedeutet das
Wort Bindung genau?
Abt Friedhelm:
Bindung heißt, die ewigen Gelübde gelten für immer, und davor scheuen
manche Leute zurück. Viele Menschen, die zu uns kommen, haben ein hohes
Ideal vom klösterlichen Leben im Kopf. Wenn sie dann einige Zeit mit uns
leben, stellen sie fest, dass wir auch nur ganz normale Menschen sind.
Dann ziehen manche die Konsequenz und sagen: Das ist es nicht für mich.
Ich habe mir die
Internetseite der Abtei angeschaut. Sie sind 1954 geboren und haben sich
schon mit jungen Jahren für das klösterliche Leben entschieden. Was
bewegte Sie, diesen Schritt zu tun?
Abt Friedhelm: Ich
bin damals mit 20 Jahren eingetreten, unser jüngster Mitbruder hier ist
übrigens auch mit 20 Jahren eingetreten. Das ist heute eine Ausnahme. Zu
meiner Zeit, also vor 35 Jahren, war das das klassische Alter – nämlich
direkt nach dem Abitur. Ich komme aus einer kleinbürgerlichen
Angestelltenfamilie, die gut katholisch war. Ich bin das dritte von drei
Kindern und am Niederrhein aufgewachsen. Ich war natürlich Messdiener.
Und zu meiner Zeit wollte man als 13- oder 14-Jähriger unbedingt Pastor
werden. Ich auch, und ich habe davon erzählt. Meine Mutter riet mir
einmal: „Weißt Du, wenn Du Pastor wirst, ist das schön, aber erzähl das
nicht so weit rum. Nachher lernst Du ein nettes Mädchen kennen und
heiratest.“ Ich habe zuhause immer gespürt, dass ich Freiheit hatte.
Keiner hat von mir verlangt, dass ich Priester werden muss. Denn auch
das gab es früher. Manche Eltern meinten damals, ihr Sohn müsse
unbedingt Pastor werden oder ins Kloster gehen, aber so etwas geht
einfach nur schief.
Jetzt sind Sie aber
Priester.
Abt Friedhelm: Ja,
ich habe Theologie studiert, vom Kloster aus allerdings. Ich bin 1974
eingetreten, habe mein Postulat gemacht, mein Noviziat und dann am 11.
April 1976 meine ersten Gelübde abgelegt. Im Herbst ‘76 habe ich das
Studium begonnen, ich war zwei Jahre in Salzburg und von ‘78 bis ‘81
drei Jahre in Rom in Sant Anselmo, unserer ordenseigenen Hochschule.
Bereut haben Sie
diesen Schritt noch nicht?
Abt Friedhelm:
Nein, ich bin gerne Mensch, ich bin gerne Mönch, ich singe viel und
tanze gerne. Ich bin vielleicht ein-, zweimal kurz davor gewesen zu
denken, du könntest eigentlich die Koffer packen. Aber es hat nie zu
irgendwelchen konkreten Handlungen geführt.
„Ich will hinleben auf Gott“
Viele Menschen erleben heute,
dass sie an Herausforderungen scheitern
Was zeichnet das Leben für Sie hier aus? Was ist das prägende
Element?
Abt Friedhelm:
Zunächst einmal möchten Ordensleute das leben, was alle Christen tun –
nämlich Gott suchen. Ich bin geprägt von Gott, ich will auf ihn hinleben.
Ordensleute spüren, dass es ihre tiefe Berufung ist, das Leben ganz auf
Gott auszurichten. Diese Radikalität beinhaltet die drei klassischen
Regeln, nämlich Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Die sind von Orden zu
Orden zumTeil zwar ein wenig unterschiedlich ausgeprägt, auch haben
einige Gemeinschaften gewisse Dinge nicht. Wir zumBeispiel haben kein
Armutsgelöbnis. Armut ist kein Wert an sich, dafür haben wir
Benediktiner aber das Gelübde der Beständigkeit, also immer an ein und
demselben Ort zu bleiben und in ein und derselben Gemeinschaft zu leben.
Dies ist durchaus eine große Herausforderung.
Das glaube ich
Ihnen gerne, richtige Beständigkeit ist heute kaum noch erfahrbar.
Denken Sie nur an die vielen Ehescheidungen.
Abt Friedhelm:
Beständigkeit lockt. Es ist schön, etwas Zuverlässiges zu haben. In der
Welt ‚draußen‘ ist dies in der Tat heute kaum mehr erfahrbar. Es ist
eine Herausforderung. Meine Erfahrung ist, dass ich an Herausforderungen
wachsen kann. Viele Menschen erleben heute, dass sie an
Herausforderungen scheitern, oder dass sie sich keiner Herausforderung
mehr stellen. In diesem Zusammenhang prognostiziere ich, dass wir zum
Beispiel mit dem Internet, so hilfreich und so praktisch es ist, noch
große Probleme für unsere Gesellschaft bekommen werden. Virtuelle Welten
sind nicht real.
Wie gehen Sie
persönlich mit dem Glauben um? Wer ist Gott für Sie?
Abt Friedhelm: Ein
großes Gegenüber, ein Du, das uns Menschen das Leben schenkt. Aber ein
Geschenk ist nicht nur eine Gabe, sondern auch eine Aufgabe. Das Leben
will gemeistert sein. Gott ist derjenige, der mir die Zusage gibt, dass
alles, was ich nicht vollende, was mir zu Bruch geht, in seiner Liebe
gut aufgehoben ist und heil werden wird. Damit bin ich schon fast beim
Begriff des Heiligen. Wir hören jetzt immer wieder in der Fastenzeit ein
Wort aus der Heiligen Schrift bei den kurzen Lesungen zum Mittagsgebet:
Seid heilig, wie auch der Vater im Himmel heilig ist. Heiligkeit heißt
nicht perfekt sein, Heiligkeit heißt unterwegs sein.
Was bedeutet die
Fastenzeit für Sie?
Abt Friedhelm: Die
Fastenzeit ist für mich eine Zeit, mich danach umzuschauen, was ich
brauche und was nicht. In unserer heutigen Gesellschaft ist man schnell
dabei zu sagen: Das brauche ich. Die Fastenzeit macht für mich auch nur
Sinn, wenn man sie auf den Zielpunkt Ostern, auf die Auferstehung und
das Leben ausrichtet. Die Fastenzeit ist eine Zeit, frei zu werden und
sich neu an Jesus Christus zu binden.
Wenn ein Mensch zu
Ihnen kommt und sagt: „Abt Friedhelm, hilf mir zu glauben.“ Was sagen
Sie ihm?
Abt Friedhelm:
Wage es. Ich glaube, Glauben geht letztendlich nur in Gemeinschaft. Such
Dir Menschen, von denen Du meinst, sie könnten den Glauben leben, und
lebe mit Ihnen und lass Dir erzählen, wie sie ihren Glauben leben. Da
kann jemand auf die Spur geführt werden, damit er den Weg des Glaubens
findet. Glauben kommt von hören.
~ * ~
|