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Viel
Zeit statt last minute
Der
wirklich alternative Kurz-Urlaub: für
ein paar Tage zu Gast im Kloster
KirchenZeitung
für das Bistum Aachen, 12. August 2001
Die
Tür schließt sich. Und im selben Moment fällt die Stille auf die
Ohren, drückt Schweigen aufs Trommelfell. Pulsschlag und Atmung werden
erst bewusst und dann deutlich langsamer. Zwei, drei Mal tief ausatmen.
Bitte warten Sie einen Moment hier, hatte die Frau an der
Klosterpforte gesagt, als sie den Gast ins Zimmer führte, der Abt
kommt gleich.
Der
Empfangsraum mit Büffetschrank und Sitzecke mag vielleicht wie eine
Quarantäne anmuten, in der man als Gast kurzfristig geparkt wird. Doch
er ist eher eine Art Schleuse, ein kurzes Tauchbecken für die Seele zur
Abkühlung von der Reibungswärme des Alltags. Für ein paar Tage ins
Kloster
wer seinen Bekannten davon erzählt, erntet entweder
neugierig-belustigte Blicke und die nicht immer ironisch gemeinte Frage:
Aber du kommst doch wieder
?
Gelegentlich
erhält er auch anerkennende Blicke. Hierher ins Kloster zu kommen,
das ist gut, ist einfach nur gut, weiß Georg Dybowski. Seit er 17
Jahre alt war, kommt der heute 30-jährige Jazzgitarrist und Musiklehrer
aus Bottrop in die Benediktinerabtei Kornelimünster. Die ersten Male
hat er mit ein paar Freunden fast den ganzen Tag auf dem Bett
gesessen und Skat gespielt. Inzwischen verbringt Dybowski insgesamt
drei bis vier Wochen pro Jahr im Kloster ab und zu auch mit seiner
Freundin. Wenn er nur zwei, drei Tage hier ist, nutzt er die äußere
Ruhe und innere Unruhe, um zu komponieren.
Perspektiven
ändern sich, Prioritäten
rücken zurecht
Wenn man aber über etwas Wichtiges im Leben nachdenken will, sollte
man sich mindestens zehn Tage gönnen, empfiehlt Dybowski. Denn in
den ersten beiden Tagen würden die Sorgen oft noch schlimmer, weil
einen nichts mehr ablenkt. Dann aber kehre Ruhe ein. Perspektiven ändern
sich, Prioritäten rücken zurecht.
Nach
wenigen Minuten im Gastzimmer erscheint Abt Albert Altenähr OSB. Ein
kurzer kräftiger Händedruck und die durchaus aufmunternd gemeinte
Feststellung: So abgespannt wie Sie aussehen, sind Sie wirklich reif
fürs Kloster. Er führt den Gast zunächst in die Kirche, wo gleich das
Abendgebet der Mönche, die Vesper, mit Gottesdienst stattfinden wird.
Dann
geht es aufs Zimmer verbunden mit der Frage, ob man anlässlich des
Benediktfestes zum Abendessen auch ein Fläschchen Bier mittrinke.
Die Gastzimmer sind geräumig, bequem und modern eingerichtet: Stuhl und
Schreibtisch, Buchregal, Sitzecke, Bett, Kleiderschrank und komfortable
Nasszelle. Wir versorgen Sie hier aber nicht von vorne bis hinten,
stellt der Chef des Hauses gleich zu Beginn klar, wir bitten Sie, Ihr
Bett selber zu beziehen. Und Pater Friedhelm, vorrangiger
Ansprechpartner für die Gäste, wird sie nach dem Essen auch schon mal
zum Abtrocknen einladen.
Um
18 Uhr sind Vesper und Abendmesse im Chorraum der großen, nüchternen
Kirche. Bei sieben Mönchen und acht Gästen gerät der Gesang schon mal
etwas schräg. Immerhin wird der unkundige Gast mittels fern gesteuerter
Liedanzeige durch die Seiten des Stundenbuches geführt.
Arrangements
von Senftube und Ketchupflasche
Um 19:15 Uhr geht es zum Abendessen ins Refektorium, den Speisesaal
der Mönche. Hierhin werden nur männliche Gäste und Ordensfrauen
eingeladen, sofern ihre Zahl nicht größer ist als die der Mönche. Die
übrigen Gäste essen in einem Speiseraum gegenüber. Im Refektorium
gruppieren sich unter einem lieblichsüßen Mariengemälde verteilt auf
den in U-Form aufgestellten Resopaltischen Arrangements von Salz- und
Pfefferstreuer, Senf- und Mayonnaisetuben, überragt von einer
Vorratsflasche Ketchup.
Die
Räume im Altbau haben ihren eigenen Reiz. Von der Wand blickt Dürers
Apostelquartett auf die Gemeinschaft, die ihr schlichtes Mittag- und
Abendessen zügig einnimmt. Wie bei den Benediktinern üblich wird bei
Tisch nicht gesprochen. Statt dessen liest Bruder Matthias aus der Bibel
sowie abends aus einem Sachbuch oder Roman. Mittags gibt es Beethovens
Streichquartett in cis-Moll zu hören.
Ansonsten
aber ist Ruhe das vielleicht auffälligste Angebot des Klosters. Ob auf
den Zimmern, im Quadrum dem viereckigen Platz zwischen den Gebäuden
, selbst im Park hinter der Kirche, wo der laue Wind eines
Sommerabends durch zahlreiche Eichen, Kastanien-, Walnuss- und Ahornbäume
rauscht. Fast jeder Gast im Kloster lobt diese Stille. Ich wünschte,
ich könnte auch mal ein paar Tage zum Ausspannen in ein Kloster,
entgegnen die Patres dann mitunter. Für sie selbst ist das Kloster
Alltag. Hier müssen sie arbeiten, den Laden in Schuss halten, sich um Gäste
kümmern und bereit sein für Gespräche, die nicht immer einfach sind.
Was
wollen die Mönche ihren Gästen sonst bieten? Die Kirche muss sich
auf ihr Kerngeschäft besinnen, und das ist Gott, ist Spiritualität,
antwortet Abt Albert. Daher habe man sich entschlossen, die
Abtei
zu einem Haus der Glaubensbegegnung zu machen. Dafür will das
Kloster aber kein Gästehaus unterhalten, sondern so ein Ergebnis
jahrelanger Überlegungen die Mönche wollen den Gastbereich so in
das Kloster integrieren wie ihre eigene Wohnung, die Klausur.
Wir
möchten die Menschen für den Geschmack am Heilsangebot Gottes öffnen,
formuliert Pater Oliver. Dabei solle die Hilfe bei der Suche nach dem
lebendigen Gott wichtiger sein als die Diskussion theologischer
Sachfragen. Und Abt Albert ergänzt: Wir bekennen uns offen zu
unserer Mitte, der Freude am Herrn, dem Glauben. Daher wolle man
die Menschen einladen, ihre eigene Mitte zu suchen und auf dieser
Suche unsere Mitte zu befragen. Um dem an sich nicht neuen, aber künftig
verstärkten Auftrag der Gastfreundschaft besser gerecht werden zu können,
haben die Mönche große Umbaupläne.
Und
ihre eigene Zukunft? Wir wollen uns nicht blockieren lassen von der
Frage, ob wir die Letzten sind. Wir müssen jetzt lebendig sein,
antwortet Pater Oliver. Die Frage, ob Gäste ihre Lebensgemeinschaft
auch stören können, bejaht Abt Albert gerade heraus. Aber, so
ergänzt er sofort, jede Störung ist anregend, manchmal aufregend,
auf jeden Fall immer spannend und eine Chance.
Aufregen
kann sich Abt Albert vielmehr über Kloster-Klischees. Das Schlimmste?
Mönche leben hinter Klostermauern, seufzt er. Die Klostermauer
sei in erster Linie eine Sache im Kopf. Wer sich gedanklich nicht
absetzen könne von dem Geschehen der Welt, dem nützten auch die
dicksten Klostermauern nichts. Umgekehrt ist die bunte Welt mit all
ihren Problemen, Chancen und mitunter schillernden Lebensgeschichten in
vielen Klöstern sehr präsent. Dazu aber sollen die Menschen ins
Kloster kommen. Wir betreiben keine Geh-hin-, sondern eine Komm-her-und-sieh-Pastoral,
formuliert der Abt. Und die funktioniert.
Rund
die Hälfte der 200 bis 250 Übernachtungen im Monat werden von Einzelgästen
gebucht, für 60 Mark pro Nacht mit Vollpension. Der eine will nur ein
paar Tage die Seele baumeln lassen und ist mit etwas Smalltalk
zufrieden. Ein anderer sucht in einer Lebenskrise neue Orientierung und
nutzt das Angebot zu intensiven seelsorglichen Gesprächen, bei denen
auch Tränen fließen dürfen. Viele der Gespräche zwischen Mönchen
und Gästen, meint Pater Friedhelm, sind wie die Gespräche zwischen
Müttern und Kindern beim gemeinsamen Spülen in der Küche.
Belinda
Keyzers und Riny Wagemans aus der Nähe von Venlo sind für eine Woche
ins Kloster gekommen, weil die eine nach der Trennung von ihrem Partner
sich über ihren weiteren Lebensweg klar werden möchte. Die beiden
langjährigen Freundinnen nehmen zwar an den mittäglichen und
abendlichen Gebetszeiten teil, den übrigen Tag verbringen sie aber
unter sich mit Büchern und Gesprächen zu Zweit.
Zwischen
Matutin und Laudes (5:30 Uhr), Mittagshore (12:00 Uhr) und Vesper (18:00
Uhr) kann der Gast seine Zeit frei einteilen. Diese Freiheit loben fast
alle Gäste der Abtei. Und sie werde, meint Georg Dybowski, durch das
Angebot der festen Gebetszeiten eigentlich nur vergrößert. So
bekommt der Tag eine Struktur, ich lasse mich nicht hängen.
Stundengebet,
Gespräch und Fenster putzen
Wer bei den Stundengebeten nicht mehr damit beschäftigt ist, das System
der Antiphonen und des wechselnden Psalmgesangs zu durchschauen und
ungewohnte Melodien nachzusingen, den regt die vielseitige, oft recht
drastische Gebetssprache der Psalmen vielleicht dazu an, manch weniger
bekannte Winkel der eigenen Seele zu entdecken und seinen Gott zu
suchen.
Darüber
hinaus gibt es auf jedem Zimmer genügend Literatur für fast jeden
theologischen und spirituellen Geschmack etwas. Wer möchte, kann darüber
auch mit einem der Mönche sprechen mit Pater Friedhelm, der auch
Einzelexerzitien anbietet, oder mit Bruder Egilhard, unter anderem
Erfinder des hauseigenen Kräuterlikörs, des Corneliustropfens.
Wer
möchte, darf aber auch bei den Alltagsarbeiten mit Hand anlegen. Ewa
Schrijver etwa putzt gerade einige Fenster im Kreuzgang. Sie fand die
Adresse der Abtei im Internet. Ich war überrascht von dem
freundlichen und unkomplizierten Ton, als ich mich am Telefon näher
erkundigte, berichtet sie.
In
den ersten Tagen sei sie mit so viel geballter Herzlichkeit
aufgenommen worden. Das ist so ganz anders als das, was man im Beruf
erlebt, sagt sie und wringt einen Lappen aus. Als kurz darauf
Postulant Eberhard Lütge, also der Neue in der Abtei, vorbeikommt,
verwickelt sie ihn in eine Diskussion darüber, welcher Fensterreiniger
weniger Streifen hinterlässt. Auch das ist Alltag im Kloster.
Ob
Stundengebet, Fensterputz oder Gespräch nicht nur für Dybowski ist
das Kloster eine Oase. Wenn ich Tag für Tag mit meiner
Partnerin Nase an Nase lebe, beschreibt er seine Erfahrung, sehe
ich irgendwann nur noch Pickel und Mitesser. Doch mit ein paar Tagen
Ruhe und Abstand gewinne ich wieder den Blick fürs Wesentliche. Das
setze aber voraus, dass der Partner Verständnis hat für den Ausstieg
auf Zeit und dafür, dass man dann auch nicht erreichbar ist.
Am
Ende der Klostertage gibt es ein herzliches Händeschütteln, die
Einladung wiederzukommen, aber keine Schleuse mehr. Wer sich für den
Heimweg etwas Zeit lässt und die Ruhe nachklingen lässt, braucht das
auch nicht.
Roland
Juchem
Fotos:
Andreas Schmitter
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