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Eine Welt für sich  

Führungskräfte auf den Spuren Benedikts

Ein paar Tage zu Gast im Kloster

KirchenZeitung, 12.8.01

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Aachener Zeitung 24.5.02

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Eine Kloster-Reportage 

Die hier wiedergegebene Reportage über einen kurzen Klosteraufenthalt ist Teil einer Bewerbung für eine Journalistik-Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule, Hamburg. Als ein mögliches Thema für diese Bewerbungsreportage war von der Schule „Eine Welt für sich – Leben im Kloster“ vorgegeben. Frau Luther hat an allen Gottesdiensten teilgenommen und im Gästespeisesaal beim Aufräumen und Eindecken mitgeholfen. Sie hat bei uns eine geschlossene Gästegruppe und einige Einzelgäste erlebt. Mit Abt Albert führte sie ein längeres Gespräch. Auf seine Anregung und Bitte hat Frau Luther uns ihren Text für unsere Homepage zur Verfügung gestellt. Sie ist für uns (und vielleicht auch für Sie als Leser) interessant, weil sie zeigt, was eine junge Frau, die bisher keine Erfahrung mit dem Klosterleben hatte, registriert und für weitergebenswert hält. – Wir wünschen Frau Luther, dass Sie mit Ihrer Bewerbung Erfolg hat!
Abt Albert Altenähr OSB

 Thema: Eine Welt für sich – Leben im Kloster

Stille. Die schwarz-blaue Nacht vor den Backsteinmauern scheint jedes Geräusch in sich aufgesogen zu haben. Kein Vogelgezwitscher, kein Rauschen eines vorbeifahrenden Autos dringt von draußen in dieses Vakuum. Wie den ersten Schritt setzen, wenn schon das Rascheln der Kleidung die unnatürliche Stille zu zerreißen droht? Doch dann rückt der Zeiger der Uhr auf 5.25 Uhr vor, die elektronisch klingende Glocke der Benediktinerabtei beginnt leise zur Vigil, dem Nachtgebet, zu rufen. Ohne ein Wort zu wechseln schreiten fünf der acht Mönche in ihren schwarzen Habiten zum Oratorium. Die frühen  Morgenstunden gehören im Kloster dem Schweigen. Nur das Gotteslob darf laut in der Ruhe erklingen. Die Ordensbrüder heben ihre Stimmen zum Choralgesang in der halbstündigen Vigil und den anschließenden Laudes, den Morgengebeten. Der Gast, der noch halb schlafend kurz die Lider schließt, hat bei der gleichförmigen Melodie der intonierten Psalmen plötzlich das Bild des geheimnisvollen Benediktinerklosters aus Umberto Ecos Mittelalterroman „Der Name der Rose“ vor Augen. Doch unwillkürlich schalten sich die anderen Sinne ein. Der Geruch des Flechtwerks der neuen Stühle dringt in die Nase, die Wärme der Heizung wird behaglich bewusst und die moderne Architektur des Betraums verflüchtigt vollends diesen Gedanken. Mit der Realität der Abtei in Kornelimünster bei Aachen hat das Mittelalter nur wenig zu tun.

Der älteste Gebäudeteil des Klosters ist von 1908, die Kirche stammt aus den 50ern und der große Anbau ist erst wenige Jahre alt. Es gibt keine dicke Mauer um die Abtei, die die Mönche vor der Außenwelt beschützen könnte. Im Gegenteil: In Kornelimünster sind die Gemäuerwände und die große Klosterpforte durchlässig. Besuchern gewähren die acht Mönche tiefe Einblicke in ihre Welt. Die Ordensbrüder halten sich dabei an die ihr Leben durchwirkende Regel des Heiligen Benedikt von Nursia (480-547 n. Chr.), der festschrieb: „Alle Gäste sollen wie Christus aufgenommen werden.“ Und so übernachten in den 28 Gastzellen des Klosters die unterschiedlichsten Menschen – die evangelische Pfarrerin, das atheistische PDS-Mitglied oder auch das unverheiratete junge Pärchen, das hier Ruhe sucht. Die meisten haben die Abtei über die aufwendige Internetseite gefunden, die Computerexperte Pater Oliver verwaltet. Und es sind viele die kommen, denn Kloster ist „in“.

Kornelimünster besitzt zwar keinen der zahlreichen publikumswirksamen Kaufläden, die Mönchs-Brot oder Kloster-Wein anbieten, aber die Benediktiner haben ein anderes begehrtes Produkt im Angebot: Spiritualität. Das lockte schon die Führungsetagen großer Firmen nach Aachen. Abt Albert Altenähr vermittelt den Managern im Kompaktkurs die Führungsqualitäten von Ordensgründer Benedikt und gibt auch seine eigenen Erfahrungen weiter. Denn als Abt trägt der 63-jährige eine große Verantwortung für die Gemeinschaft. Er muss wissen, wie er seine Mitbrüder fordert, aber nicht überfordert und er entscheidet auch darüber, wer neu in die kleine Gemeinschaft aufgenommen wird. Hier gilt es, wie in der Partnerschaft, den „Richtigen“ zu finden. Denn, wie Abt Albert mit einem Lächeln erzählt: „Das Schwierigste am Kloster sind die Menschen. Wer hier eintritt um Heilige zu suchen, wird Menschen vorfinden.“ Das Zusammenleben der Mönche kenne die gleichen Probleme wie die weltliche Wohngemeinschaft oder die Ehe, denn der Gegenüber sei immer anders als man selbst. Ein Streitpunkt kann mithin die Hausarbeit sein, die die Mönche gemeinsam erledigen. Der Abt deckt die Tische, bereitet Frühstück und Abendessen vor, Pater Friedhelm räumt später das Geschirr in die Spülmaschine und natürlich ist jeder Ordensbruder selber für seine Mönchszelle verantwortlich. Doch beim Zimmerputzen kann kein Gast den Brüdern über die Schulter gucken. An der Schwelle zum zweiten Stock gibt es sie dann plötzlich doch: die Mauer, wenn auch nur imaginär. Diese Etage des Neubaus ist für Gäste tabu. In den geräumigen Zellen der Abtei begibt sich jeder Mönch alleine auf seine persönliche „Suche nach Gott“. Dieses Grundmotiv des Klosterlebens, das „Quaerere Deum“, hat sich seit dem Mittelalter nicht verändert. Doch heute gibt es Hilfsmittel, um die Stimme des Herrn besser vernehmen zu können: Doppelglasfenster, verstärkte Zimmerwände und eine dicke Türe, die mit einem Klicken ins Schloss fällt. Und dann beherrscht sie wieder jeden Winkel des Raumes, die Ruhe. Stille.

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