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Eine Kloster-Reportage
Die hier wiedergegebene Reportage über einen kurzen
Klosteraufenthalt ist Teil einer Bewerbung für eine
Journalistik-Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule, Hamburg. Als ein mögliches
Thema für diese Bewerbungsreportage war von der Schule „Eine Welt für
sich – Leben im Kloster“ vorgegeben. Frau Luther hat an allen
Gottesdiensten teilgenommen und im Gästespeisesaal beim Aufräumen und
Eindecken mitgeholfen. Sie hat bei uns eine geschlossene Gästegruppe
und einige Einzelgäste erlebt. Mit Abt Albert führte sie ein längeres
Gespräch. Auf seine Anregung und Bitte hat Frau Luther uns ihren Text für
unsere Homepage zur Verfügung gestellt. Sie ist für uns (und
vielleicht auch für Sie als Leser) interessant, weil sie zeigt, was
eine junge Frau, die bisher keine Erfahrung mit dem Klosterleben hatte,
registriert und für weitergebenswert hält. – Wir wünschen Frau
Luther, dass Sie mit Ihrer Bewerbung Erfolg hat!
Abt Albert Altenähr OSB
Thema: Eine Welt für sich – Leben im
Kloster
Stille. Die schwarz-blaue Nacht vor den
Backsteinmauern scheint jedes Geräusch in sich aufgesogen zu haben.
Kein Vogelgezwitscher, kein Rauschen eines vorbeifahrenden Autos dringt
von draußen in dieses Vakuum. Wie den ersten Schritt setzen, wenn schon
das Rascheln der Kleidung die unnatürliche Stille zu zerreißen droht?
Doch dann rückt der Zeiger der Uhr auf 5.25 Uhr vor, die elektronisch
klingende Glocke der Benediktinerabtei beginnt leise zur Vigil, dem
Nachtgebet, zu rufen. Ohne ein Wort zu wechseln schreiten fünf der acht
Mönche in ihren schwarzen Habiten zum Oratorium. Die frühen
Morgenstunden gehören im Kloster dem Schweigen. Nur das
Gotteslob darf laut in der Ruhe erklingen. Die Ordensbrüder heben ihre
Stimmen zum Choralgesang in der halbstündigen Vigil und den anschließenden
Laudes, den Morgengebeten. Der Gast, der noch halb schlafend kurz die
Lider schließt, hat bei der gleichförmigen Melodie der intonierten
Psalmen plötzlich das Bild des geheimnisvollen Benediktinerklosters aus
Umberto Ecos Mittelalterroman „Der Name der Rose“ vor Augen. Doch
unwillkürlich schalten sich die anderen Sinne ein. Der Geruch des
Flechtwerks der neuen Stühle dringt in die Nase, die Wärme der Heizung
wird behaglich bewusst und die moderne Architektur des Betraums verflüchtigt
vollends diesen Gedanken. Mit der Realität der Abtei in Kornelimünster
bei Aachen hat das Mittelalter nur wenig zu tun.
Der älteste Gebäudeteil des Klosters ist von 1908,
die Kirche stammt aus den 50ern und der große Anbau ist erst wenige
Jahre alt. Es gibt keine dicke Mauer um die Abtei, die die Mönche vor
der Außenwelt beschützen könnte. Im Gegenteil: In Kornelimünster
sind die Gemäuerwände und die große Klosterpforte durchlässig.
Besuchern gewähren die acht Mönche tiefe Einblicke in ihre Welt. Die
Ordensbrüder halten sich dabei an die ihr Leben durchwirkende Regel des
Heiligen Benedikt von Nursia (480-547 n. Chr.), der festschrieb: „Alle
Gäste sollen wie Christus aufgenommen werden.“ Und so übernachten in
den 28 Gastzellen des Klosters die unterschiedlichsten Menschen – die
evangelische Pfarrerin, das atheistische PDS-Mitglied oder auch das
unverheiratete junge Pärchen, das hier Ruhe sucht. Die meisten haben
die Abtei über die aufwendige Internetseite gefunden, die
Computerexperte Pater Oliver verwaltet. Und es sind viele die kommen,
denn Kloster ist „in“.
Kornelimünster besitzt zwar keinen der zahlreichen
publikumswirksamen Kaufläden, die Mönchs-Brot oder Kloster-Wein
anbieten, aber die Benediktiner haben ein anderes begehrtes Produkt im
Angebot: Spiritualität. Das lockte schon die Führungsetagen großer
Firmen nach Aachen. Abt Albert Altenähr vermittelt den Managern im
Kompaktkurs die Führungsqualitäten von Ordensgründer Benedikt und
gibt auch seine eigenen Erfahrungen weiter. Denn als Abt trägt der 63-jährige
eine große Verantwortung für die Gemeinschaft. Er muss wissen, wie er
seine Mitbrüder fordert, aber nicht überfordert und er entscheidet
auch darüber, wer neu in die kleine Gemeinschaft aufgenommen wird. Hier
gilt es, wie in der Partnerschaft, den „Richtigen“ zu finden. Denn,
wie Abt Albert mit einem Lächeln erzählt: „Das Schwierigste am
Kloster sind die Menschen. Wer hier eintritt um Heilige zu suchen, wird
Menschen vorfinden.“ Das Zusammenleben der Mönche kenne die gleichen
Probleme wie die weltliche Wohngemeinschaft oder die Ehe, denn der Gegenüber
sei immer anders als man selbst. Ein Streitpunkt kann mithin die
Hausarbeit sein, die die Mönche gemeinsam erledigen. Der Abt deckt die
Tische, bereitet Frühstück und Abendessen vor, Pater Friedhelm räumt
später das Geschirr in die Spülmaschine und natürlich ist jeder
Ordensbruder selber für seine Mönchszelle verantwortlich. Doch beim
Zimmerputzen kann kein Gast den Brüdern über die Schulter gucken. An
der Schwelle zum zweiten Stock gibt es sie dann plötzlich doch: die
Mauer, wenn auch nur imaginär. Diese Etage des Neubaus ist für Gäste
tabu. In den geräumigen Zellen der Abtei begibt sich jeder Mönch
alleine auf seine persönliche „Suche nach Gott“. Dieses Grundmotiv
des Klosterlebens, das „Quaerere Deum“, hat sich seit dem
Mittelalter nicht verändert. Doch heute gibt es Hilfsmittel, um die
Stimme des Herrn besser vernehmen zu können: Doppelglasfenster, verstärkte
Zimmerwände und eine dicke Türe, die mit einem Klicken ins Schloss fällt.
Und dann beherrscht sie wieder jeden Winkel des Raumes, die Ruhe.
Stille.
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