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Kalkulierte Kollision:
Äußere Ruhe trifft innere
Unruhe
„Ich will da mal rein“
Ein Selbstversuch im Kloster der Benediktinermönche in Kornelimünster
Von Bernd Büttgens
Fotos: Harald Krömer
Aachener Nachrichten / Aachener Zeitung vom 4.12.2004
Gut 500 Meter von daheim entfernt – und so weit weg.
Oft genug bin ich an der Abtei schon vorbeigekommen. Mit der Familie.
Unsere Tochter hat in diesem Sommer auf dem Parkplatz im Schatten des
Klosters das Fahrradfahren gelernt. Immer wieder hat es mich in die
Kirche gezogen. Das stimmt, schön ist der Nachkriegsbau nicht.
Zumindest nicht im landläufigen Sinne. Das Gotteshaus der Benediktiner
von Kornelimünster ist kühl und doch so anziehend. Und dann habe ich
stets aufs Neue vor den Kursangeboten am Schwarzen Brett gestanden, vor
den „Brunnentagen der Einkehr“. Oder: „Einkehr zur Umkehr“.
Oder: „Du zeigst mir die Wege zum Leben“. Oder: „Meinen Alltag
sinnvoll gestalten“. Ist das was für mich?

Kühl
und doch anziehend:
Das Gotteshaus der Benediktiner versprüht keine Bilderwelt à la „Der
Name der Rose“.
Rundherum still
Ich will da mal rein! Wie oft sind mir die Gedanken durch den Kopf
geschossen. Und am stärksten wurden sie, wenn der Trubel des Alltags
die Schwelle des Erträglichen überschritt. Ich will Ruhe haben!
Einfach nur Ruhe! Und jetzt sitze ich hier. Zimmer 9, Neubautrakt, ein
Bett, ein Schreibtisch, ein Regal mit theologischen Schriften, fast so
wie ein Tagungshotel, nur ohne Fernseher. Dafür dem Himmel Dank! Wie
still es hier ist. Das hatte Pater Friedhelm, der sich so freundlich um
die Gäste kümmert, schon im Empfangsraum neben der Pforte prophezeit.
Der Weg mit dem Pater durch das Kloster. Durch den Kreuzgang, kurz ins
Oratorium, wo in den Wintertagen die Vesper und Messe am Abend sowie
Vigil und Laudes am Morgen gehalten werden. Das Mittagsgebet und am späteren
Abend die Komplet beten die Benediktiner dagegen immer in der Kirche.
Ein Blick ins Refektorium, in dem die acht Mönche essen, dann hinauf
ins Zimmer. Wieso bin ich so seltsam aufgeregt? Wie redet man den Abt
eigentlich an? Schon am Telefon beim Vorgespräch habe ich mir einen
abgebrochen, „guten Tag, Herr Abt“ – klingt unbeholfen. Es klopft
an der Tür. Guten Tag, Abt Albert! Markantes Gesicht, der schwarze
Habit, das filigran gearbeitete Kreuz am kräftigen Lederriemen vor der
Brust, freundlich sein Lächeln. Er kommt auf seine Gäste zu. Das ist
kein Zufall. Später werde ich erfahren, dass er auch für seine Mitbrüder
den Tisch deckt, sie bedient. Schnell ist das Hauptthema eingekreist.
Schön, mit ihm über Zeit und Ruhe zu sprechen, auch wenn man mal
wieder vom einen wie vom anderen viel zu wenig mitgebracht hat. Wie
eigentlich immer. Es werden am Ende nur 17 Stunden in der
Benediktinerabtei sein. Aber die haben es in sich. Wie besonnen der
Klosterchef redet. Wie er sich bewegt. Gelassen. Er hört zu. Es liegt
wohl daran, dass er nach 40 Klosterjahren die Regel des Benediktus, die
als kleines Büchlein auf dem Schreibtisch liegt, nicht nur kennt,
sondern auch lebt. Höre! Der Satz war mir schon auf der Homepage der
Abtei aufgefallen: „Den Weisen erkennt man an den wenigen Worten.“
Abt Albert beschreibt die Kundschaft, die das professionalisierte
Angebot der benediktinischen Gastfreundschaft nutzt und ein paar Tage
ins Kloster geht: „Es sind nicht die Superfrommen, sondern in erster
Linie Menschen, die mit dem Glauben ‚irgendwie‘ etwas zu tun haben
oder hatten und bei uns nun Vertiefung wünschen.“ Gleichwohl geht die
Einladung an alle. An Christen und Nichtchristen, an Gläubige und Ungläubige,
an Männer und Frauen. Der Abt macht klar, dass er sein Kloster zwar öffne,
ganz bewusst, dass er diese Öffnung aber „im Sinne des eigentlichen
Kerngeschäftes“ verstehe, „und das ist Gott und die Spiritualität“.
Folglich sei die Benediktinerabtei ein „Haus der Glaubensbegegnung“.
Und so versteht er auch das Angebot der Mönche: als eine „Komm-her-undsieh-
Pastoral“.

Zeit
für ein persönliches Gespräch:
Abt Albert gibt den Gästen des Klosters Gelegenheit, sich
anzuvertrauen.
Später nutze ich die Zeit bis zur Vesper um 18 Uhr
– die man als Gast im Übrigen wie alle Gottesdienste nicht besuchen
muss, sondern kann – und schlendere durch das Kloster. Das Quadrum,
der Altbau, der großzügige Garten, wieder zurück durch den Kreuzgang,
ein Blick in die Gästebibliothek. Der vorherrschende Zustand: überall
Ruhe. Wie überwältigend sie sein kann. Bisweilen aufdringlich. Es gibt
viele erfahrene Klostergäste, die von dieser Erfahrung berichten. Von
einer anfangs auftretenden Kollision von äußerer Ruhe und innerer
Unruhe. Das scheppert. Pater Friedhelm hat beim Kaffee von Gästen
berichtet, die nach dem ersten Tag wieder abgereist sind, „weil sie
sich selbst nicht aushalten konnten“. Von daher sind meine 17 Stunden
in der Abtei sicherlich überhaupt nicht repräsentativ. Sie
funktionieren eher nach dem allseits bekannten Prinzip des Termine-
Abhakens. Und dann sind sie auch noch mit dem Druck der Arbeit belegt:
„Wie fasse ich diese Erfahrung in Worte?“ Also, 18 Uhr, Vesper und
Messe im Oratorium, einem ansprechenden Raum, der dem Saal eines
modernen Gemeindezentrums gleicht. Der Wechselgesang der Mönche klingt
für den Laien ungewohnt. Dabei hat Pater Friedhelm zum Fest der
Heiligen Caecilia, die den Sängern Kraft und Segen gibt, „um schönen
Gesang“ gebeten. 19.15 Uhr, Abendessen im Refektorium. Männliche
Einzelgäste dürfen mit den Benediktinern essen, die übrigen Besucher
– an diesem Abend nur eine Dame – essen im Gästespeisesaal, zwei Türen
weiter. Ist es nun ein Glück, dass am Vorabend der Männerchor
Stolberg- Büsbach zum Christkönig- Fest in der Abteikirche gesungen
hat? Zweifellos! Aber auch, dass man anschließend noch ein Fass Bier
angestochen hat und der Restposten nun am heutigen Abend erledigt werden
muss? Da hält sich das Glück für den Gast, der auf die Stille während
des Essens gespannt war, in Grenzen. „Denn wenn es Bier gibt, wird
geredet“, erklärt Pater Friedhelm. Stichworte wie Alemannia Aachen
fallen, wir sprechen über den Journalismus, über den Tagesausflug von
Frater Antonius zur Uni Bonn, wo er in Theologie promoviert. Und mit
einem Mal schießt mir ein Satz des Abtes durch den Kopf: „Sie sollten
sich beim Essen dranhalten, Benediktiner essen zügig.“ Zu spät: zwei
Scheiben Brot, ein Krug Bier, Teller, Messer, Gabel weg. Feierabend.

- Das Foto auf der Titelseite der AZ -
21.30 Uhr:
Licht aus
Der Tag geht zu Ende, 20.45 Uhr noch die Komplet in der Kirche. Es ist
kalt, doch die Psalmen klingen hier wärmer und voller. Ein
Gottesdienstbesucher neben mir singt so gut und laut wie die Mönche.
Aber die überbordende Romantik, vielleicht von üppigen
Klosterklischees aus „Der Name der Rose“ inspiriert, will sich nicht
einstellen. Das sei nur betont, weil es nach dem Klosteraufenthalt immer
wieder gefragt wird. Nach einer Viertelstunde Komplet geht der Tag zu
Ende, „gute Nacht“ hallt es durch die Gänge, die Patres und Fratres
ziehen sich zurück, der Gast stutzt stumm und geht aufs Zimmer. 21.30
Uhr: Licht aus. Fragen bleiben, unbeantwortet in all der Stille. Fragen,
die am frühen Morgen, um 5.30 Uhr, bei Vigil und Laudes wieder
auftauchen, später auch beim stillen Frühstück. Wie ein Gegenentwurf
zum eigenen Leben wirkt die wundersame Klosterwelt. Und doch gibt es Berührungspunkte.
„Wir bekennen uns offen zu unserer Mitte, der Freude am Herrn, dem
Glauben.” Und daher, das sagt der Abt, „wollen wir die Menschen
einladen, ihre eigene Mitte zu suchen und auf dieser Suche unsere Mitte
zu befragen”. 500 Meter durch die Felder von Kornelimünster nach
Hause. Vom Wohnzimmer kann ich den Turm der Abtei sehen. Irgendwann
werde ich es noch einmal versuchen. Zu suchen. Aber dann werde ich nicht
darüber schreiben. Bestimmt nicht.
Gäste willkommen
Die Mönche der Benediktinerabtei in Aachen-Kornelimünster
sehen ihr pastorales Aufgabenfeld in der Gastfreundschaft. In ihrem Haus
werden themenbezogene „Brunnentage der Einkehr“ angeboten. Es
besteht auch für Gruppen die Möglichkeit, in eigener Regie zu tagen.
Einzelgästen bieten sich viele Möglichkeiten: Suchen sie das Gespräch
oder gar Einzelexerzitien, wollen sie mitarbeiten oder einfach nur die
Ruhe genießen? Der Möglichkeiten gibt es viele. Der Tag im Kloster
kostet 35 Euro. Die besten Informationen über die Abtei bieten die Mönche
auf ihrer stets aktuellen Website.
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