Führungskräfte der Vorwerk Elektrowerke (Wuppertal)
auf den Spuren des hl. Benedikt
Auf Kongressen, in Seminaren und in Fachzeitschriften
nimmt die Diskussion der „Benediktregel“ als Führungsgrundsatz
zurzeit breiten Raum ein. In seiner Regel legte der hl. Benedikt vor
mehr als 1.500 Jahren fest, wie die Mitglieder seiner Ordensgemeinschaft
miteinander leben sollten. Dabei formulierte er vor allem sehr praktisch
und lebensnah die Rolle und die Aufgaben des Abtes, als Führungskraft
des Klosters.
Es
lag nahe, sich über diesen historischen Text aus erster Hand zu
informieren. Und so fanden sieben Vorwerker aus dem Vorsatzgerätewerk
vom 13.-15. März 2002 Obdach in der Benediktiner-Abtei Kornelimünster
bei Aachen.
Bereits nach den ersten Eindrücken wurde uns klar,
dass das Klosterleben nur wenig mit den gängigen Klischees gemein hat.
Wir erwarteten dicke Klostermauern, lange dunkle Gänge, spartanisch
eingerichtete Räum-lichkeiten, Heerscharen schweigend umher-wandelnder,
in sich gekehrter Mönche.
Wir fanden aber etwas ganz anderes: Uns begegnete
ehrliche und unaufdringliche Gastfreundschaft. Der erst 1990 errichtete
Gästetrakt des um 814 gegründeten Klosters und das Essen, dass die türkische
Köchin bereitet, kann mit jedem sehr guten Mittelklasse-Hotel
konkurrieren. Wir trafen eine vitale Gemeinschaft von neun offenen,
freundlichen und lebensfrohen Menschen.
Wir
lernten mit Abt Dr. Albert Altenähr, eine (selbst-) kritische Führungskraft
kennen, der das Wohl seiner Mitbrüder, die Arbeit seines Klosters und
die fundamentalen Werte seiner Kongregation wichtiger sind, als das
starre Festhalten an Traditionen. Wir waren erstaunt ausgerechnet im
Kloster etwas über Innovation und organisatorische Flexibilität zu
lernen. Abt Albert gab uns zu bedenken: „Stabilität bleibt nur
lebendig in der Paarung mit Flexibilität und Flexibilität setzt ein
hohes Maß von Stabilität voraus“. Tradition (Stabilität) und
Innovation (Flexibilität) sind auch prägende Elemente der
Vorwerk-Kultur und das richtige Maß und die richtige Zeit für beide
Elemente zu finden, stellt auch für Vorwerk zukünftig eine
herausfordernde Management Aufgabe dar.
Wir trafen den Prior (Stellvertreter des Abtes) Pater
Oliver, der ein gewiefter Fachmann im Umgang mit Computern und ihren Tücken
ist. Er betreut auch den sehr professionellen Internet-Auftritt der
Abtei . Und wir trafen Peter Friedhelm, den Gastpater, der nicht nur für
unser leibliches Wohl sorgte, sondern auch lebens- und sogar betriebsnah
die Führungspraxis des hl. Benedikt aufschließen konnte. Alle Mitbrüder
hatten immer ein freundliches Wort für uns. Es wurde uns sehr leicht
gemacht, uns wohl zu fühlen.
Es muss wohl an dieser besonderen Atmosphäre gelegen
haben, dass Menschen, die teilweise seit über 20 Jahren eng
zusammenarbeiten bereits in der Vorstellungsrunde ganz neue Seiten von
sich preisgaben und in ausführlichen Statements ihren persönlichen
Standpunkt zu ihrer Führungsauf-gabe und zu Glaubensfragen
verdeutlichten. Dieses offene Arbeitsklima begleitete uns das gesamte
Seminar. Pater Friedhelm beschrieb am Ende unseres Aufenthaltes diese
Atmosphäre treffend mit: „Ich habe Ihre Gruppe in den letzten drei
Tagen wachsen sehen!“
Alleine diese beiden Aspekte: Das Eintauchen in eine
„andere Welt“ und das Gemeinschaftserlebnis lohnten schon die Reise.
Aber darüber hinaus waren alle Beteiligten auch von der inhaltlichen
Arbeit begeistert. Abt Albert zeigte sich überrascht, „mit welcher
Leichtigkeit“ wir uns die weltliche Aussagekraft dieses historischen
Textes erschlossen hätten. Und gestandene Industriemeister waren
mindestens ebenso überrascht, wie viele, ganz pragmatische Führungshinweise
diese historische Regel für uns heute noch bereit hält.
Als Beispiel sollen die Lieblingszitate der Teilnehmer
an dieser Stelle genügen:
Ein gutes Wort geht über die beste Gabe.
Die Schuld trifft den Hirten, wenn der Hausvater an seinen Schafen zu
wenig Ertrag feststellen kann.
Menschen zu führen heißt der Eigenart vieler zu dienen. Muß er (der
Abt) doch dem einen mit gewinnenden, den anderen mit tadelnden und dem
dritten mit überzeugenden Worten begegnen.
Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters und neige das Ohr deines
Herzens.
Er (der Abt) wisse, dass er mehr helfen als herrschen soll.
Er (der Abt) suche mehr geliebt als gefürchtet zu werden. Er sei nicht
stürmisch, nicht engstirnig, nicht maßlos.
Wir haben versucht diese und viele andere Zitate in
ein Führungsleitbild für ein wirtschaftendes Unternehmen und in die
heutige Zeit zu übertragen:
Eine Führungskraft ...
ist Vorbild - mehr durch Handeln als durch Reden!
dient dem Einzelnen und dem Ganzen. Sie stellt nicht
sich selbst in den Vordergrund.
nimmt Verantwortung wahr und steht zu ihrer
Verantwortlichkeit.
sieht immer auch den Menschen im Mitarbeiter.
führt situativ, personen- und sachbezogen. Sie hat
das Gespür für das richtige Maß und die richtige Zeit.
fördert und fordert, ohne zu überfordern.
hat eine besondere Fürsorgepflicht gegenüber ihren
schwächeren Mitarbeitern.
behandelt alle gleich, ohne alle gleich zu machen.
trifft ihre Entscheidungen, nachdem sie sich beraten
hat. Neue Ideen bekommen eine besondere Chance.
sieht ihre Mitarbeiter als Gesprächspartner, die
etwas zu sagen haben und von denen sie sich etwas sagen lässt.
spricht Mängel offen und rechtzeitig an und hat den
Mut zu Konsequenzen.
motiviert durch Lob und Anerkennung.
Jedes Unternehmen, das modern sein möchte, legt Führungsgrundsätze
in Hochglanz-Broschüren nieder. Aber nur wenige - und das gilt unseres
Erachtens auch für unsere Vorwerk -Grundsätze - sind so aktuell und
lebendig wie diese Verhaltensmaßregeln, die im 6. Jahrhundert in der
Benediktregel beschrieben wurden.
Abt Albert bezeichnete auch die Benediktiner nur als „Suchende, die
niemals vollkommen sein werden“ aber im Gegensatz zu vielen
Mitarbeitern und Führungskräften von Wirtschaftsunternehmen bemühen
sich die Benediktiner tagtäglich, den Ansprüchen ihrer Grundsätze
gerecht zu werden.
Als neugierige und aufmerksame Gäste wurden wir natürlich
auch Zeugen gelebter Führungspraxis. Wir beobachteten, dass Abt Albert
mit 60 Jahren Lebens- und 20 Jahren Führungserfahrung es sich nicht
nehmen lässt seine Mitbrüder am Tisch zu bedienen oder seinen Gästen
persönlich den Kaffee zu kochen. Trotzdem oder vielleicht sogar
deswegen wird er als Führungs-Persönlichkeit akzeptiert.
In diesem Punkt stimmen die Vorwerk-Führungsgrundsätze
und die Benediktregel überein: Unsere Grundsätze nehmen Bezug auf das
Wort Albert Schweitzers: „Das gute Beispiel ist nicht eine Möglichkeit,
andere Menschen zu beeinflussen, es ist die einzige“ und Benedikt
sagt: „Er (der Abt) mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben
als durch sein Reden sichtbar“.
Elmar Ensmann
Vorwerk Elektrowerke, Wuppertal
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