Abkehr von der Liturgiereform?

In der letzten Zeit gibt es immer wieder Nachrichten, Papst Benedikt wolle mehr Latein bei der Feier der Messe und die Messfeier nach dem Messbuch von 1570 in der Fassung von 1962 – die tridentinische Messe wieder generell zulassen. Wegen der heftigen Widerstände gegen die heutige Form der Messfeier gibt es bereits Ausnahmegenehmigungen, die tridentinische Messe zu feiern. Man sagt seit Monaten, diese Ausnahmen sollten durch einen päpstlichen Erlass sehr stark erweitert werden bis dahin, das zwei verschiedene Riten gleichwertig nebeneinander stehen. Aber bisher ist dies nicht geschehen. Papst Benedikt selbst hat am Weißen Sonntag die internationale Messe auf dem Petersplatz am Vortag seines Geburtstags in Italienisch gefeiert. Bei seinen Pastoralreisen feiert er die Messe in der Regel in der Landessprache. So ist es schwierig zu erkennen, was er in Bezug auf die Sprache und die Form der Messfeier will. Ganz sicher strebt er eine hohe Kultur der gottesdienstlichen Feier an und lebt sie auch selbst vorbildlich.


 

Zur Sprache der römischen Liturgie

Die Sprache des Neuen Testaments und auch der Liturgie der wachsenden Kirche ist Griechisch. Dies war wie das Englisch heute allgemeine Umgangssprache, aber auch die Sprache der Gelehrten. Latein war im Römerreich die Sprache der Beamten und Militärs und somit nicht gerade beliebt.

In Nordafrika gab es die ersten Kirchenschriftsteller, die Latein geschrieben haben wie Cyprian. Nordafrika war eine so genannte Kolonie, in der vor allem pensionierte Soldaten wohnten, die Latein sprachen. So wurde auch die Liturgie früh in die Volkssprache – Latein – übersetzt. In Rom dauerte deutlich länger, bis die Liturgie in Latein gefeiert wurde. Bis heute wird in ganz besonders feierlichen Messen unter Leitung des Papstes das Evangelium in Latein und in Griechisch verkündet.

Als sich das Latein durchgesetzt hatte, wurde Hieronymus beauftragt, eine nach damaligem Kenntnisstand gute lateinische „Einheitsübersetzung“ der Bibel zu schaffen. In der Gemeinde des hl. Augustinus gab es daraufhin eine große Aufregung, weil der verkündigte Bibeltext nun plötzlich anders war. Bisher hatte man dort immer vorgelesen, dass sich Jona unter eine Kürbisstaude gesetzt habe, nun schrieb Hieronymus aber Rizinusstrauch. Da Augustinus kein Hebräisch konnte, hat er eigens bei Hieronymus nachgefragt, ob das denn wohl richtig übersetzt sei. Die in der Liturgie verwendeten Texte haben für die Gemeinden, die sich durch häufige Wiederholungen daran gewöhnt haben, einen sehr hohen Stellenwert. Deshalb stößt wohl auch heute noch, die letzte Liturgiereform bei einigen auf hohen emotionalen Widerstand.

Germanien und das südliche Britannien sind zunächst nur im Bereich der römischen (Militär-)Siedlungen und dann in der zweiten Missionierungsphase durch Missionare, die von Rom ausgesandt wurden oder sich von Rom aus haben aussenden lassen, zum Christentum gekommen. Karl der Große hat sich dann ganz nach Rom orientiert und auch für Gallien die lateinische römische Liturgie für verbindlich erklären lassen. Damit hatten im Westen nur noch die beiden Randgebiete Spanien und Irland/Schottland und die gegenüber Rom sehr selbstbewusste Stadt Mailand eigene Liturgieformen. Das Iro-Schottische wurde ähnlich wie das Gallische aus politischen Einheitsbestrebungen unterbunden. Damit hatte der gesamte Westen eine recht einheitliche lateinische Liturgie, die nach und nach nirgendwo mehr volkssprachlich war.

Den Reformatoren war unter anderem eine Neubesinnung auf ein rechtes Verständnis der Liturgie ein wesentliches Anliegen. Alle haben die Feier der Gottesdienste in der Volkssprache eingeführt. Dies wurde zunächst wohl auch positiv aufgenommen. Als sich die Fronten verhärteten hat die katholische Kirche durchaus trotzig am Latein festgehalten.

Das Konzil von Trient hat aber das Grundanliegen einer liturgischen Erneuerung und Vertiefung aufgegriffen und eine Liturgiereform beschlossen, einheitliche verbindliche Bücher für die verschiedenen Gottesdienstformen zu erstellen, allerdings weiter in Latein. Die Vereinheitlichung war durch den Buchdruck erst richtig möglich geworden. 1570 ist das Messbuch herausgekommen. Im Laufe der Zeit sind immer wieder neue Messformulare für neue Heiligenfeste oder andere Anlässe erstellt worden. Es gab auch manche kleine Änderung, zuletzt die Erwähnung des hl. Josef im Hochgebet.


 

Das Grundverständnis der Liturgie nach dem Messbuch von 1570 und 1970

Entscheidend wichtig für das Verständnis der letzten Liturgiereform ist es, dass lange vor dem Konzil von Trient das Verständnis gewachsen war, dass allein der Priester die Messe feiert. Davon geht das Messbuch von 1570 ganz selbstverständlich aus. Das Volk galt gar nicht als liturgiefähig, zumal es der Liturgiesprache nicht mächtig war. Es waren alle davon überzeugt, dass nur die Kleriker Anteil an der Liturgie haben könnten. Man sah es so, dass dem Volk die Früchte der Feier, die von den Klerikern vollzogen wurde, zugewandt wurden.

Die Hinwendung zur Vernunft als neue Religion während der französischen Revolution hat auch im Bereich der Gottesdienstfeiern vieles in Frage gestellt. Die anschließende Restauration hat die Anfragen aufgegriffen und sich neu um das Verständnis der Feiern bemüht. Daraus ist ganz allmählich die Liturgische Bewegung erwachsen, die sich um eine intensivere verstehende Mitfeier der Gottesdienste bemühte. Es entstanden zweisprachige Volksmessbücher, wie etwa der Schott. Die erste Ausgabe des Sonntagsschotts mit der heutigen Form der Messe war noch zweisprachig, wobei der lateinische Text kleiner gedruckt wurde als der deutsche.

Es entstand eine für unser heutiges Verständnis wohl seltsame Zwitterform der deutschen Bet- Singmesse: Der Priester betete die lateinische Messe und die Gemeinde sang dazu deutsche Lieder. Bis heute hat sich der Sprachgebrauch erhalten „Wir singen z u m Gloria.“ Dabei singen wir d a s Gloria und nicht mehr gleichzeitig zum halblaut vom Priester lateinisch gemurmelten Gloria irgendein Loblied. Allerdings werden an dieser Stelle immer noch die verschiedensten Lieder gesungen, die gar nichts mit dem Gloria zu tun haben. Da man sich die Messfeier nur in Latein vorstellen konnte, hat man nach der Verkündigung des Evangeliums die Messe unterbrochen. Deshalb zog sich der Priester das Messgewand aus, las noch einmal Lesung und Evangelium auf Deutsch und predigte. Es folgte ein Schuldbekenntnis der Gemeinde. Dann zog der Priester das Messgewand wieder an und setzte die lateinische Messfeier fort. Für das damalige Verständnis war dies ein Entgegenkommen, heute empfindet man es eher als Missachtung des Gottesvolkes.

Das heutige Messbuch für Zaire hat nicht nur einige afrikanische Elemente, sondern auch den Gedanken aufgegriffen, dass das Hören auf das Wort Gottes uns zur Besinnung führt. Das Schuldbekenntnis steht dort nicht am Anfang der Messe, sondern am Ende des Wortgottesdienstes. Am Aschermittwoch ist es auch bei uns so. Das Schuldbekenntnis am Anfang der Messe entfällt, weil auf die Verkündigung des Wortes Gottes das Zeichen der Buße, die Austeilung der Asche folgt.

Die Bemühungen der Päpste um eine verständlichere Liturgie wurden erst einmal durch die beiden Weltkriege und den Faschismus/Nationalsozialismus kräftig gebremst. 1962 wurde das Messbuch, dass seit 1570 gewachsen war, recht drastisch vereinfacht. Wir haben Ausgaben in der Bibliothek, in denen die vielen Kreuzzeichen, die der Priester nicht mehr zu machen hatte mit weißen Punkten überklebt und viele Handlungen, die abgeschafft wurden, durchgestrichen wurden. Mit der Anpassung des Messbuchs von 1962 war man soweit gegangen, wie es möglich war, ohne in die Texte und das Grundverständnis von einer reinen Klerikerliturgie einzugreifen.

Zunächst wohl noch unbewusst wurde durch das Bemühen um eine Mitfeier aber auch das Grundverständnis der Messe in Frage gestellt, dass allein der Priester den Gottesdienst feiert. Es war ein „Volks-Empfinden“ wieder entdeckt worden. Wie zu in den ersten christlichen Jahrhunderten wurde wieder die ganze Gemeinde als diejenige angesehen, die Gottesdienst feiert. Das Grundverständnis der Liturgie zu ändern bedurfte es des Anstoßes durch die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils. Was Pius XII. bereits im Zusammenhang mit der Kirchenmusik geschrieben hatte, wurde nun auf die gesamte Liturgie übertragen. Alle sollten die Möglichkeit zu einer bewussten innerlich engagierten Teilhabe – actuosa participatio – haben.

In der Litrugiekonstitution wird der Auftrag erteilt, die liturgischen Bücher entsprechend diesem Selbstverständnis zu überarbeiten. 1970 erschien das erneuerte lateinische Messbuch, 1975 die deutsche Fassung, die keine genau Übersetzung ist, sondern wenige leicht anders gestaltete Elemente und eine Reihe zusätzlicher Gebete enthält. Dieses deutsche Messbuch ist wie alle anderen volkssprachlichen Fassungen von der römischen Behörde bestätigt worden. Inzwischen hat es mehrere Instruktionen gegeben, die immer schärfere Bestimmungen für die volkssprachlichen Ausgaben machen und nun eine sehr wörtliche Übersetzung der lateinischen Texte fordern.

Die Bemühungen um ein für heute angemessenes Messbuch waren von Anfang an von heftiger Polemik begleitet. Das Grundverständnis, die ganze Gemeinde feiere Liturgie, wurde als demokratisch und lutherisch abgestempelt. Beide Begriffe wurden als Schimpfworte gebraucht. Andererseits wurde oft rein negativ besetzt von der Zelebration mit dem Rücken zum Volk gesprochen, im Sinne von, er wendet dem Volk schnöde den Rücken zu. Man kann aber ebenso sagen, zusammen mit dem Volk wendet er sich Gott zu. Dies kommt bis heute in der Haltung mancher Zelebranten nicht zum Ausdruck. Sie geben sich, als seien sie selbst der Zielpunkt der Gebete und der Mittelpunkt der Gemeinde. Bei manchen Vorbereitungen auf Gottesdienste ist der Blick darauf gerichtet, dass wir den Gottesdienst machen, statt dass zunächst einmal Gott in dieser Feier einen Dienst an uns tut. Hier sehe ich berechtigte Kritik an der Art und Weise, wie heute teilweise Gottesdienst gefeiert wird. Wir brauchen nach meiner Einschätzung kein Zurück zur alten Liturgie, sondern eine gute Kultur des Feierns.

Obwohl Latein weiterhin die Grundsprache unserer Liturgie ist, hat sich die Feier in der Volkssprache weitgehend durchgesetzt. Dazu hat auch beigetragen, dass die Feier in Latein als traditionalistisch gebrandmarkt wird. Wenn sich ein Zelebrant allerdings nicht um eine gute Kultur der Feier bemüht, wird dies bei einer Feier in der Volkssprache viel deutlicher als bei einem kaum bis gar nicht verstandenen Latein. So wird hier und da auch eine Sehnsucht nach der „guten alten lateinischen Messe“ geweckt. Dabei ist wohl vielen, die so denken der Unterschied zwischen der tridentischen und der heutigen Form der Messe gar nicht bewusst. Echte Traditionalisten wollen nicht die lateinische Sprache, sondern die lateinische tridentinische Messe, die ein ganz bestimmtes Priester- und Kirchenbild mit transportiert. Sie halten an einem Standesdenken fest, das 1570 noch ganz fraglos war, den meisten heute aber als unangemessen elitär gilt.

Da in der tridentinischen Messe allein das Handeln des Priesters als entscheidend angesehen wurde, konnte sich gleichzeitig die Kirchenmusik entfalten und eigene Formen annehmen. Der Priester betete etwa halblaut das Sanctus. Der Chor sang aber wegen der Länge der Kompositionen den zweiten Teil, das Benedictus, erst nach der Wandlung. Heute ist die Kirchenmusik gefordert, sich in den Verlauf der Feier ein zu passen und der Gemeinde Raum für den Gesang zu geben. Was wir heute an alten Kompositionen haben, ist nur das, was sich musikalisch bewährt hat. Neue Kompositionen sind auch schon einmal ziemlich flach oder eher unpassend und werden schnell wieder in Vergessenheit geraten. Auch hier ist ein Feld, an dem sich Kritik und Widerstand gegen die heutige Form der Messfeier entzündet.

Leider ist die Frage um die Sprache und Form der Messe polemisch aufgeheizt. Nach meiner Einschätzung wären viele Kritiker der heutigen Form der Messfeier ehrlich zufrieden, wenn sie die heutige Form in lateinischer Sprache feiern könnten. Dazu sollte es jeden Sonntag in einer für eine Region bestimmten Kirche die Möglichkeit geben. Vor allem sollte das sehr unterschiedliche Verständnis von Gottesdienst zwischen der tridentinischen und der heutigen Messe dargestellt werden.

Leider ist bei der Einführung der heutigen Form der Messe in den Gemeinden hier und da vermitteltet worden, die alte Messe würde abgeschafft und durch eine neue ersetzt. Damit ist der Eindruck erweckt worden, dass die Gestaltung des Gottesdienstes ganz in unserer Hand liege. Die Feier der Gottesdienste, ganz besonders die Messe erwächst aber aus einem Auftrag Jesu. Deshalb muss erkennbar bleiben, dass durch alle Generationen zwar in verschiedener Gestalt doch immer der gleiche Gottesdienst gefeiert wird. So wurde bei der Liturgiereform im Rückgriff auf wieder entdeckte alte Formen die Feier so gestaltet, dass das gemeinsame Tun je nach der unterschiedlichen Aufgabe der Beteiligten wieder deutlicher werden kann.

Vor allem ist Liturgie Gottes Dienst an uns, der uns mit seiner Gegenwart beschenken will. Dies macht weder die tridentische, noch die heutige Form der Messe aus sich heraus deutlich. Dazu bedarf es der rechten Einstellung der Feiernden. Wenn wir heute die ganze Gemeinde als diejenige ansehen, die Gottesdienst feiert, so tut sie dies immer als Teil der gesamten Kirche, dem Leib mit vielen unterschiedlichen Gliedern, der in Christus ist (vgl. Röm 12, 5). Letztlich ist es Christus, der in der Liturgie handelt. So ist es nicht ganz treffend, wenn wir sagen, dass wir eine Messe vorbereiten. Wir bereiten uns auf die Feier der Messe vor, wenn wir die Gestalt suchen, die jeweils angemessen ist für diejenigen, die sich zur Feier versammeln. Dies ist das Grundanliegen der Liturgiekonstitution.

P. Oliver J. Kaftan OSB 070507