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Befreite Zeit – Freiheits-Zeit
Ein Artikel in der Zeitung „Die
Welt“ vom 1. September 2004 formuliert ein starkes Plädoyer für die
Pause im Pulsschlag des Lebens. „Der Hang zur Pausenlosigkeit ist ein
Megatrend der Moderne.“ Der Mensch flüchtet vor der Zeit in den
Zeit-Vertreib. Er verbringt auch die freien Zeiten – die Freizeit –
in „Betriebsamkeit
irgendwo zwischen Powershopping und Funsport“. Wer Zeit hat, ist
suspekt. Man findet sie nicht, - man nimmt sie sich nicht. ... und
irgendwann ist der Aku leer. Vollgestopft mit diesem und jenem ist gefüllte
Zeit selten. Nicht wenigen ist im Zeitenlauf die Zeit leer gelaufen. Sie
laufen und laufen und laufen ... Im Leerlauf verläuft sich die Zeit im
Sand.
Die Zeit lässt sich nicht anhalten,
aber in der Zeit kann man anhalten, - man kann innehalten. Vielfach
nennt man das heute eine Aus-Zeit. Wer sich eine Aus-Zeit nimmt, ist
durchaus auf der Höhe der Zeit. Da Aussteigen durchaus ein positiv
besetztes Tun ist, ist er kein Außenseiter. Im Gegenteil, wer sich eine
Aus-Zeit nimmt, ist durchaus „in“.
Aus-Zeiten sind kreative, -
re-kreative Zeiten. In ihnen können die verschütteten Kraftquellen
reaktiviert und die verlorenen Kräfte wiedergefunden werden. Es sind
Wartungszeiten des Körpers, - der Psyche, - der Seele. Es sind
Gesundheitsschecks des Lebensinneren ... wenn wir denn weit genug
vorzudringen uns trauen.
Ein geistlicher Lehrer brachte seine
Erfahrung in die Regel:
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jeden Tag eine halbe Stunde
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jede Woche einen Tag
-
jeden Monat ein Wochenende
-
jedes Jahr eine Woche
Die Regel des heiligen Benedikt
kennt den gleichbleibenden Rhythmus der Gebetszeiten - der sog.
Tagzeiten - in denen sich der Mönch ausklinkt aus den Aufgaben des
Alltags, um sich auf den Klang des Gottesanrufes hinauszuhorchen. Das
Morgen-, Mittag- und Abendläuten der Kirchglocken hatte für Städter
und Landleute genau diesen Tiefenklang: halte inne, ... er-innere dich,
... er-innere dich zu deiner Quelle hin.
Ich bin in der Theorie und aus der
Beobachtung davon überzeugt, dass der so unaufgeregte Rhythmus-Klang
der Klöster und ihrer mit Gebet gefüllten Aus-Zeiten im Tagesablauf
eine Botschaft ist, die auch heute – oder: heute wieder - hochaktuell
ist. Manchmal will mir dabei scheinen, dass hin-und-her-getriebene
Menschen, denen der Boden unter den Füßen schwankt, weil die
Arbeitswelt sie besinnungs-los geschäftig sein lässt, sensibler und
faszinierter auf diese Botschaft reagieren als jene, denen Gott und die
Welt fraglos gewiss sind. Ich führe das darauf zurück, dass der
geistlich in den Ordensgelübden verankerte Mensch zugleich ein stets
befragter Mensch ist. Benedikt mahnt ihn zur selbstkritischen Frage:
Suchst du wirklich Gott (RB 58,7)? Diese Anfrage schafft eine gewissermaßen
natürliche geistliche Solidarität mit den Verunsicherten der Welt.
Die Klöster sollten sich ihres
Charismas, „in der Welt, aber nicht von der Welt“ zu sein, sehr
bewusst sein und meist sind sie es auch. Das macht sie attraktiv und
authentisch. Dem säkularen „Gebot der Stunde“, auch die letzte
Sekunde noch effektiv auszuquetschen, steht ihr „Angebot der Stunde“
gegenüber: Nimm dir eine Zeit für dich selbst und auch für deine
Gottessehnsucht! Tu es regelmäßig. Das ist ganzmenschliche
Gesundheitsvorsorge, - Hygiene für das Innen-Leben.
Eine
anekdotische Geschichte mag das Gesagte noch einmal anders andenken: Bei
einer Expedition in den Regenwäldern des Amazonas treibt der weiße
Leiter seine einheimischen Träger vorwärts. Nach einigen Tagen großer
Marschleistung bleiben die Indios stehen, setzen sich auf den Boden und
sind durch nichts zu bewegen, den Marsch wieder aufzunehmen. Der
Expeditionsleiter fragt die Indios nach dem Grund ihrer
Arbeitsverweigerung. Ihre Antwort: „Wir sind so schnell gelaufen, dass
unsere Seelen nicht mitkamen. Wir müssen warten, bis sie uns wieder
eingeholt haben.“
Abt
Albert Altenähr OSB
040902
siehe
auch: "Sich
Zeit nehmen ..."
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