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Carnevale veneziano ... und anderswo
Von der Sehnsucht, ein anderer zu sein

Es ist faszinierend zu sehen, wie eine Insektenlarve, sich zur Puppe wandelt und schließlich – etwa zum Schmetterling hin – entpuppt. Bei Maskenbällen gibt es den Brauch, dass um Mitternacht die Larven fallen, und zumindest in der Sprache spiegelt sich das gelegentliche oder auch häufige Erschrecken wieder, wer und was sich dann entlarvt. Das maskenlose Erscheinungsbild scheint etwas ganz anderes zu sein als das, was zuvor sichtbar war

Die Freude an der Maskerade ist immer auch der Wunsch, einmal ein anderer zu sein als der, der man ist. Hinter der Maske bin ich ein anderer Mensch. Mehr oder weniger intensiv schlüpfe ich in eine Rolle, die ich sonst nicht wahrnehme. Ich fühle mich frei von Rücksichten, die ich üblicherweise nehme oder auch nehmen muss. Ich streife Fesseln ab und lebe mich aus.

Irgendwie hat jede Kleidung und jedes Umziehen etwas vom Maskenspiel an sich. „Kleider machen Leute“ weiß die Novelle von Gottfried Keller von 1874 und umgekehrt weiß Grimms Märchen, dass des Königs „Nicht-Kleid“ ihn vor dem ehrlichen Kinderblick zum Nichts macht. Festkleidung, Uniform, Dienstkleidung, Freizeit-Look und was es alles geben kann, - sie verändern uns und sie lassen unser Gegenüber je und je anders auf uns reagieren.

Karneval ist eine der großen Gelegenheiten und Hoch-Zeiten, das Maskenspiel der Freiheit zu leben, - das Grau des Alltags abzulegen und den bunten Traum unbändig fröhlichen Lebens narrenfrei auszuleben. Es besteht gar kein Grund, an diesem Traum von Freiheit und seinem Treiben herumzumäkeln. Dass manches arg oder gar zu weit geht, mindert nicht die Berechtigung, gegen das Grau anzuträumen. Dass das Maskenspiel nicht jedermanns Sache ist, spricht auch nicht dagegen. Das eine hinterlässt ein „Geschmäckle“, anderes aber bringt auf den Geschmack.

... und am Aschermittwoch ist alles vorbei?
... oder könnte es da nicht eigentlich erst so recht beginnen?

In dem phantastischen Roman „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende wird über den kleinen Helden des Romans einmal gesagt: „Er wollte immer ein anderer sein, aber er wollte sich nie ändern.“ Könnte dieser Satz nicht eine Perspektive sein, dem Maskentreiben existentielle Tiefe zu geben, um ein anderer durch Änderung zu werden? Das würde zunächst einmal bedeuten, dass ich den „alten Menschen“ in mir annehmen muss. Es bedeutet auch, dass ich erkennen muss, dass ich diesen „alten Menschen“ als meine Vergangenheit auch in meine Zukunft mitnehmen werde. Andersens hässliches Entlein wächst von innen heraus zum Schwan heran und auch das Aschenputtel lehrt letzten Endes, dass königliche Souveränität aus dem Innenbereich des Mensch ersteht.

Ich wünsche Ihnen allen ein fröhliches Maskentreiben mit einem phantasievollen Fassadendekor. Ich wünsche Ihnen aber gleichzeitig den Mut, hinter die eigene Maske zu schauen. Ich wünsche Ihnen den Mut zu einem phantasievollen Innenausbau Ihres Ich. Vielleicht wartet da eine Menge Arbeit auf Sie, aber gewiss tun sich auch viele phantastische Möglichkeiten auf.

Abt Albert Altenähr OSB
050113

Bild: venezianische Maske,
fotografiert: Sept. 2004
fr.a.

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