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“Nehmt keinen Geldbeutel mit” (Lk 10,4)

Neben vielen anderen Fragen bewegt unsere Kirche in Deutschland heute auch die Frage des Geldes. Seit der Säkularisation vor 200 Jahren gibt es die Kirchensteuer, die in ihrem gleichmäßigen Fluss ein durchaus beruhigendes Gefühl verbreitete. Das erlaubte, vieles aufzubauen, was ohne Finanzmittel nicht hätte ins Werk gesetzt werden können. Sie erlaubte Unterstützungen ärmerer Kirchen weit in die Welt hinein. Sie erlaubte eine äußere und innere Freiheit von einzelnen großzügigen Geldgebern. Sie schuf den Eindruck von der reichen deutschen Kirche, der ja auch gar nicht so falsch war. 

Die Selbstverständlichkeit, Geldmittel einfach zur Verfügung zu haben, ist nicht mehr gegeben. Das ist eine bedrängende Situation. Kirchensteuerausfälle, Kirchenaustritte, ein erst spätes – vielleicht zu spätes - Wahrnehmen der sich anbahnenden Situation ... – es gibt viele Gründe, wie es zu dem aktuellen Druck gekommen ist. Bestehende Einrichtungen, geplante Vorhaben, personelle Ausstattung - und damit unmittelbar Lebensexistenzen - stehen auf der Prüfliste. Das ist bedrängend.

Auch uns Klöster trifft die neue Situation, obwohl wir aufgrund unserer Exemtionsstellung (= Unabhängigkeit) gegenüber den Bistümern nicht im unmittelbaren Verteilerschlüssel der Kirchensteuer standen und stehen. Aber wir konnten doch weitgehend mit der Hilfe aus den Bistumsfinanzen rechnen, wenn wir denn um solche Hilfe anfragen mussten und sie begründen konnten. Zwar waren solche Gespräche nie einfach, aber die jetzige Situation hat sie noch einmal schwieriger gemacht. Auch wir in Kornelimünster erhielten „Streichpost“ vom Bistum Aachen, die unsere mittel- und langfristigen Pläne in Mitleidenschaft ziehen. Dass das Bistum uns im Rahmen seiner Möglichkeiten helfen wird, steht sicher außer Frage, aber der Rahmen ist eng geworden.

Als ich vor 22 Jahren Abt wurde und dem damaligen Generalvikar die – um es vorsichtig zu sagen – bescheidene materielle Situation unseres Klosters darlegte, gab er mir die Antwort: „Es ist kein schlechtes Zeugnis, wenn ein Kloster arm ist, - im Gegenteil!“ Der Generalvikar hatte und hat nach wie vor Recht. Es ist gut, wenn ein Kloster nicht dadurch sich Achtung verschafft, dass es ein phantastischer Wirtschaftsbetrieb ist, sondern ein Ort der Spiritualität, der ausstrahlt. Dass das in unserer Welt heute – materiell gesehen – kein einfacher Weg ist, dürfte unschwer zu verstehen sein. Wir brauchen die vielen Wassertropfen kleiner und größerer Spenden auf den heißen Stein, um heute zu leben und für morgen etwas zu gestalten.

So wenig ich als Abt großzügig über Finanzfragen hinwegsehen darf und so sehr sie mich auch ganz unmittelbar bedrängen, so wenig bin ich bereit, mich so darauf zu fixieren, dass sie mein persönliches und unser klösterliches Glaubenszeugnis verdunkeln. Hier sehe ich eine Gefahr in mancher kirchlichen Gremiensitzung: dass die Fixierung auf Geldsorgen viel und vielleicht sogar manchmal alles blockiert. Geld und ein gutes Finanzpolster sind kein Unterpfand für ein gelingendes Glaubenszeugnis. Als Menschen unserer Welt brauchen wir Geld wie jeder andere auch, aber Gott ist nicht mit Geld zu kaufen und ein lebendiger Glaube wächst nicht aus dem Geldbeutel heraus.

Als Geschenk und Wunder der mehr als zwanzig Jahre, die ich als Abt Verantwortung trage, erlebe ich, dass trotz deutlich sichtbarer Grenzen im Äußeren der Kreis der Freunde sich an Zahl gemehrt und inzwischen weit über die engere Region hinaus geweitet hat. Das lässt mich immer neu fragen, was ist es denn eigentlich, was die Menschen zu unseren Gottesdiensten oder als Gast in unser Kloster führt. Die Frage ist leichter gestellt als beantwortet. Und leichter lässt sich feststellen, dass es nicht äußere Großartigkeiten sind, die Menschen den Weg zu uns finden lassen, als zu sagen, was die Menschen denn positiv anzieht.

Vielleicht ist aber die Richtung für eine Antwort zu geben. Jammert euch nicht in die Stimmung hinein, dass ihr viel zu wenig habt, um etwas in Angriff zu nehmen. Im Grunde genommen haben wir unendlich viel, - ja, eigentlich sogar alles ... nämlich Gott. Er allein kann der „Sponsor“ unserer Kraft sein. Und er ist auf keinen Fall so selbstverständlich vorauszusetzen, dass ich über ihn nicht mehr reden müsste, sondern mich den anderen bedrängenden Nöten zuwenden sollte. Es kann nicht angehen, von Gott (fast) nicht mehr zu reden und die Kirche mit ihren Struktur-, Personal- und Finanznöten zum vorherrschenden Thema zu machen.

Damit ich nicht falsch verstanden werden. Natürlich rede ich aus einer ganz bestimmten Situation heraus und in sie hinein. Natürlich rede ich von „Rom“, den Bistumsleitungen und allen weiteren kirchlichen Untergliederungen. Aber in erster Linie rede ich von mir selbst und zu mir selbst. Ich bin als Durchschnittsmensch und –christ unserer deutschen Kirche selbst in der Gefahr, vor lauter Struktur-, Personal- und Finanzsorgen Gott zu ... vergessen.

Wenn Lukas unmittelbar vor seiner Mahnung an die Jünger, keinen Geldbeutel mitzunehmen, sagt: „Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe“, dann muss ich gestehen, dass ich nur zu oft mit den Wölfen heule. Ich will mir immer wieder in Erinnerung rufen, nicht zu vergessen, mit den Schafen von Gott zu blöken! Die Freude an Gott ist die Stärke Seiner Kirche.

Abt Albert Altenähr OSB
0405

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