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Die Fenster von Ernst Jansen-Winkeln
in der Abteikirche Kornelimünster
Der Blick des Besuchers, der unsere Kirche betritt,
versucht - natürlicherweise - als erstes einen allgemeinen Raumeindruck
zu gewinnen. Sein Blick ist im übrigen nach vorne gerichtet, wo er in
der Vierung den Altar und an der Chorrückwand die Orgel und die große
Rosette wahrnimmt. Das alles ist natürlich und es ist auch nichts
dagegen einzuwenden. Ein Rundgang wird ihm die großen Altarbilder von
Janet Brooks-Gerloff zeigen. Von den Glasfenstern wird er wahrscheinlich
nur der schon genannten Rosette im Chorabschluss einen zweiten Blick gönnen:
Maria mit dem Jesuskind. Im übrigen wird ihm von den Glasfenstern
vielleicht nur die kräftige Rot-blau-Farbigkeit auffallen. Die
Lichtverhältnisse lassen zudem nicht alle Fenster lockend und leuchtend
ins Auge fallen.
Die Fenster sind in den Jahren 1954-1956 entstanden.
Ernst Jansen-Winkeln (1904 - 1992) aus Mönchengladbach-Winkeln ist in
seinem Gesamtwerk aus der alten Tradition der Glasfenster mit ihrem erzählenden
Duktus, aus seiner eigenen Zeit und gewiss aus seinem bodenständigen
Charakter und einer „soliden“ Frömmigkeit zu verstehen.
So verschieden die Zyklen der Bilder auf den ersten
Blick erscheinen mögen, so sehr lässt sich doch ein Gesamtkonzept
erkennen. Dieses Konzept erschließt sich, indem man den natürlichen
Gang „nach vorne“ als Schrittfolge des Bildprogramms geht.
Wer die Kirche betreten hat und nun hinten in ihr
steht, hat etwas „hinter“ sich, dessen er sich erst bewusst wird,
wenn er sich umdreht. Es ist wichtig zu erkennen und anzuerkennen, was
„hinter“ einem ist. Das ist die Vorgabe für das, was „vor“ mir
ist. Hinter dem Besucher sind die Fenster der Eingangsfassade.
Ein dreigliedriges Fensterband führt ihn in vier
Stufen von oben auf die Erde hinab. Ganz oben erkennen Gottvater und auf
seinem Schoß in dunklem Rot die Taube des Heiligen Geistes. Flankiert
ist die Darstellung in den beiden Nebenfenstern von Engelgestalten.
Die beiden nächsten Stufen sind Jesus Christus
gewidmet. Bekleidet mit dem Symbol seines Priestertums – der Stola -,
in der Linken den Stab des Hirten und die Rechte im Lehr-Gestus erhoben,
thront er auf der oberen der beiden Stufen. Das Kreuz auf der anderen
Stufe deutet an, wie weit er hinabgestiegen ist in das Menschsein. Die
vier Evangelisten links und rechts lassen Jesus Christus und seinen Tod
als die Mitte der göttlichen Botschaft erkennen.
Auf der vierten, der untersten Stufe sind wir in der
Zeit und der Geschichte angekommen, von der wir selbst ein Teil sind. In
den drei Fenstern ist in der Mitte die Kirche dargestellt - als königliche
Braut gekrönt, mit der Kreuzesfahne in der rechten Hand und mit einem
Kelch in der linken. Die Kirche wird begleitet von den beiden Heiligen,
die für unser Kloster von zentraler Bedeutung sind. Den Ordensgründer,
den heiligen Benedikt von Nursia, charakterisiert der Künstler durch
den Hirtenstab und einen Kodex (Bibel/Regel). Den Klostergründer, den
heiligen Benedikt von Aniane, kennzeichnet der Künstler schreibend als
bedeutenden Schriftsteller. Die beiden Heiligen sind gewissermaßen
Exempel von „Kirche konkret“ oder von „Kirche in der jeweiligen
Zeit.“ Diese Konkretion wird in zwei Fensterzyklen ins Detail vorwärts
getrieben.

Das Leben der beiden Ordensheiligen wird in den
Fenstern der Seitenschiffe in Szenen aus ihrer jeweiligen Vita im
einzelnen erzählt. Die Vita Benedikts von Nursia aus der Wende des 6.
zum 7. Jahrhundert charakterisiert Benedikt als Menschen, der die
Weisheit und Vollkommenheit vor allem biblischer Gestalten in sich
aufgenommen hat. Das illustriert sie oft durch Wunderberichte. Die Vita
Benedikts von Aniane – kurz nach seinem Tod verfasst – ist nüchterner
und bringt mehr äußere Fakten. Dieser Unterschied spiegelt sich auch
in der Szenenauswahl beider Fensterzyklen wieder.
Auf dem Weg des Besuchers durch den Kirchenraum sind
die Fensterbilder mit den Viten der beiden Heiligen Weggefährten auf
dem Gang durch die Kirche nach vorne. Die Heiligen der Vergangenheit
sind mit ihrem Leben damals Gefährten heute. Sie nehmen den Besucher in
ihre Mitte, gewähren ihm „Flankenschutz“ und wollen ihn davor
bewahren, vom geraden Weg abzuirren. Indem ihr Lebensweg von der Jugend
an bis zum Tod dargestellt wird, laden sie ein, den eigenen Lebensweg zu
betrachten. Auch bei uns gibt es wohl Wunderliches und Wunderbares, wenn
wir vielleicht auch zögern, von Wundern zu sprechen. Es gibt Höhepunkte,
Brüche und Neuorientierungen. Und mit den Heiligen und wie sie hoffen
wir, dass das Leben am Ende eine „Summe“ ergibt und nicht einfach
ein „Sammelsurium“ geblieben ist.
Wie oben angedeutet, enden die beiden Fenstersequenzen
jeweils mit dem Tod der beiden Benedikts. Räumlich gesehen, stehen wir
an der Schwelle zwischen dem Langhaus und dem Querschiff der Kirche,
unmittelbar vor der Vierung. In der Kreuzungsmitte steht der Altar, an
dem die Mittefeier unseres Glaubens, der Tod und die Auferstehung Jesu
Christi in der Eucharistie gefeiert wird. Der Weg mit den Heiligen führt
über ihren Tod und im Nachdenken über unser eigenes Sterben zu Jesu
Tod und Auferstehung. Jesu Karfreitag und sein Ostern sind der Schlüssel
für unsere Auferstehungssehnsucht und unseren Auferstehungsglauben.
(Um das Lesen des Textes nicht über Gebühr
aufzuhalten, sollen hier nur je ein Fenster aus den beiden Zyklen
abgebildet werden. Als Anhang werden alle Fenster dieser Zyklen
wiedergegeben und mit Kurzhinweisen zu den einzelnen Szenen versehen.)

Die Fensterrosetten der beiden Querhäuser greifen das
Altargeschehen auf. In der rechten Querhausrosette erkennen wir einen
Brotkorb, Ähren und rotfarbene Hostien. In der linken Rosette ist das
apokalyptische Lamm zu sehen. Es hat ein großes Kreuz geschultert. Aus
einer offenen Brustwunde strömt Blut in einen Kelch.

Vorhin sprach ich von der Schwelle zum Querhausbereich
der Kirchraums. Der ganze Vierungs- und Querhausbereich mit seiner
Eucharistiethematik und der darin enthaltenen Botschaft vom Tod Jesu und
seiner Auferstehung ist aber auch in sich eine Schwelle, - vielleicht
darf man auch sagen: ein „Lettner“ für das, was „dahinter“ ist.
„Hinter“ dem Altar in der Vierung und dem Querhaus
dominiert im Chorabschluss als Hauptfenster die Marienrosette die
Abteikirche. Maria ist dargestellt als gekrönte königliche Frau, die
sich mit dem Kind auf ihrem Schoß die Herrschaftssymbole Szepter und
Reichsapfel teilt.
So dominierend die Marienrosette über den ganzen
Kirchraum „herrscht“, so langsam – Schritt für Schritt – sollte
man sich ihr nähern. Der „schnelle“ Blick auf sie führt zu einer
verkürzten Sicht, - auch zu einer verkürzten Sicht der
Marienverehrung, wie sie in unserer Abteikirche lesbar ist. Der immer
wieder gehörte Satz „Durch Maria zu Christus“ wird in unserer
Kirche geradezu umgekehrt: „Durch Christus zur Vollendung“.

Dabei scheint mir der individuelle und geschichtliche
Mensch Maria – und das Glaubensdogma von der leiblichen Aufnahme
Mariens in den Himmel – durchaus
weniger zentral in den Gesamtduktus der Fensterbilder zu gehören, als
es die Marienverehrung der 50-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts –
und vielleicht auch unsere eigene Frömmigkeit – nahe legt. Im Rahmen
meiner Deutung des Gesamtkonzepts der Kornelimünsteraner Kirchenfenster
von Ernst Jansen-Winkeln zeichnet die Chorrosette Maria als „Modell“
des „neuen Menschen“. Unser Marienglaube löst sie nicht aus der
Menschheitsgeschichte heraus. Er zeigt ihre Vollendung als das, was wir
für uns selbst erhoffen. Maria ist ein „Zeichen der/unserer eigenen
Hoffnung“ (Tagesgebet am Fest Mariä Himmelfahrt, 15. August).
In dieser Sicht variiert sich mir der Satz „Durch
Christus zu Vollendung“ ins Persönliche hinein. In der Geschichte
meines Lebensweges gelange ich durch Jesus Christus zu jener Vollendung,
die mir im Chorfenster der Abteikirche vor Augen gestellt wird.
A n h a n g:
1. Glasfenster mit Szenen aus der Vita Benedikts von Nursia im rechten
Seitenschiff der Abteikirche Kornelimünster (Die
Szenen sind von unten nach oben zu lesen.)

Benedikt
fügt durch Gebet
ein zerbrochenes Gefäß zusammen.
Benedikt
als Student in Rom -
zusammen mit seiner Amme
Abschied
aus dem Elternhaus
in Norcia/Nursia

Begegnung mit einem Priester
am Osterfest
Benedikt
überwindet eine Versuchung
indem er sich in ein Dornengestrüpp wirft.
In
der Höhle von Subiaco
(Sacro speco)

Benedikt
erweckt einen beim Klosterbau
tödlich verunglückten Mönch zum Leben.
Benedikt
als Verfasser der Ordensregel
Verblendete
Mönche wollen Benedikt
vergiften

Benedikt
behebt die Wassernot einiger Klöster
auf Berghöhen.
Der Mönch
Maurus rettet auf Geheiß Benedikts
den jungen Mönch Placidus. Benedikt
birg durch sein Gebet ein eiserne Sichel
vom Grund des Sees bei Subiaco.

Der Tod Benedikts
"stehend im Oratorium,
gestützt auf die Arme der Jünger." Der
Tod der Schwester Benedikts, Scholastika.
Benedikt sieht ihre Seele in Gestalt einer Taube
zum Himmel schweben. Die
letzte Begegnung Benedikts
mit seiner Schwester.
2.
Glasfenster mit Szenen aus der Vita Benedikts von Aniane im linken
Seitenschiff der Abteikirche Kornelimünster
(Die
Szenen sind von oben nach unten zu lesen.)

Benedikt von Aninae als Page
im Dienst des Königs
Benedikt als Soldat im Feldzug
in der Lombardei
Klostereintritt in Dijon
Benedikt als Vater der Armen Benedikt
übernimmt die Regel
des Mönchsvaters von Montecassino. Benedikt
als Berater Kaiser Ludwigs des Frommen
Bau des Klosters Kornelimünster
Benedikt als
Verfasser einer Sammlung von Mönchsregeln,
der "Concordia Regularum" Benedikt
als Lehrer der Mönche
Benedikt
erhält von Kaiser Ludwig
die sog. "biblischen Heiligtümer" Benedikt
als geistlicher Inspirator
der Reichssynoden 816 - 818 Der
Tod Benedikts am 11. Februar 821
Abt Albert Altenähr OSB
040722
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