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„Gretchenfrage“ 

Kürzlich verwandte ich in einem kurzen Text das Wort „Gretchenfrage“[1]. Ich wollte mit diesem Wort zum Ausdruck bringen: „Das ist der entscheidende Punkt.“ Die „Gretchenfrage“ ist sprichwörtlich und ich denke, wohl jeder wird ihn so verstehen, wie ich ihn verstehe. Die meisten dürften wohl auch wissen, dass der Begriff auf Goethes Faust zurück verweist und in präziser Kürze die Frage Margaretens an ihren Liebhaber Faust zusammenfasst, wie er denn zur Religion stehe.

Bildungswissen hin – Bildungswissen her, ... ich habe schon oft gemerkt, dass es hilfreich ist, altes Wissensgut noch einmal neu anzuschauen. Dabei entdecke ich nicht selten, dass ich heute hier und da Dinge anders lese und bewerte als vorzeiten. Das scheinbar Gekannte erhält ein neues Gesicht. Es zeigt Züge, die ich früher nicht wahrgenommen habe. So ist es mir auch jetzt ergangen, als ich mir noch einmal das ganze Gespräch zwischen Gretchen und Faust anschaute.

MARGARETE: Versprich mir, Heinrich! 

FAUST: Was ich kann!

MARGARETE: Nun sag', wie hast du's mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub', du hältst nicht viel davon. 

FAUST: Lass das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut,
Für meine Lieben ließ' ich Leib und Blut,
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.

MARGARETE: Das ist nicht recht, man muss dran glauben!

FAUST: Muss man?

MARGARETE: Ach, wenn ich etwas auf dich könnte!
Du ehrst auch nicht die heil'gen Sakramente.

FAUST: Ich ehre sie.

MARGARETE: Doch ohne Verlangen.
Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen.
Glaubst du an Gott?

FAUST: Mein Liebchen, wer darf sagen:
Ich glaub' an Gott?
Magst Priester oder Weise fragen,
Und ihre Antwort scheint nur Spott
Über den Frager zu sein.

MARGARETE: So glaubst du nicht?

FAUST: Misshör' mich nicht, du holdes Angesicht!
Wer darf ihn nennen?
Und wer bekennen:
Ich glaub' ihn?
Wer empfinden
Und sich unterwinden
Zu sagen: ich glaub' ihn nicht?
Der Allumfasser,
Der Allerhalter,
Fasst und erhält er nicht
Dich, mich, sich selbst?
Wölbt sich der Himmel nicht da droben?
Liegt die Erde nicht hier unten fest?
Und steigen freundlich blickend,
Ewige Sterne nicht herauf?
Schau' ich  nicht Aug' in Auge dir,
Und drängt nicht alles
Nach Haupt und Herzen dir,
Und webt in ewigem Geheimnis
Unsichtbar sichtbar neben dir?
Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn' es dann, wie du willst,
Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.

MARGARETE: Das ist alles recht schön und gut;
Ungefähr sagt das der Pfarrer auch,
Nur mit ein bisschen andern Worten.

FAUST: Es sagen's aller Orten
Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
Jedes in seiner Sprache;
Warum nicht ich in der meinen?

MARGARETE: Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,
Steht aber doch immer schief darum;
Denn du hast kein Christentum.

FAUST: Lieb's Kind! 


Hat Gretchen ihrem Faust tatsächlich die „Gretchenfrage“ gestellt? Ist sie mit ihrer Frage zum entscheidenden Punkt vorgestoßen?

Gretchen fragt nach Faustens Einstellung zur „Religion“. Für sie ist das eine eindeutige und präzise Frage. Faust aber biegt die Frage um. Er reduziert sie auf die Kirche, - auf Gretchens Kirche. Es ist offensichtlich die katholische Kirche, aus deren Schatz Gretchen allgemein die Sakramente und speziell die Messe und die Beichte erwähnt. Gretchens Frage dreht sich in diesem ersten Abschnitt um die Kirchlichkeitspraxis ihres Verehrers. Faust distanziert sich von Gretchens Kirche, wenn er sagt, er wolle keinem „seine Kirche“ rauben. Was seine eigene „Kirche“ ist, erfahren wir noch nicht.

Intensiver kreist das Gespräch um den Glauben. Gretchen bringt das Stichwort in das Gespräch mit der Formulierung ein: „... man muss dran glauben.“ Woran muss man glauben? Im bisherigen Gespräch hatte Gretchen von der Religion gesprochen, - Faust hat die Kirche erwähnt. Ist es das, woran man glauben muss?

Dann fragt Gretchen: „Glaubst du an Gott?“. Faust nimmt die Frage  - in der Frageform, ... also mit Fragezeichen -  wörtlich auf. Er zieht sich auf die Priester zurück und qualifiziert ihre Antworten auf die Gottesfrage der Menschen als Verspottung der Fragenden. Man kann – so scheint er umgekehrt sagen zu wollen – die Antworten der Priester nicht wirklich ernst nehmen.

Erst auf die Insistenz Gretchens „So glaubst du nicht?“ entwickelt Faust positiv seine Glaubensüberzeugung. Es ist der längste zusammenhängende Abschnitt des Gesprächs. Wortreich vermeidet Faust sich festzulegen. Er steigt empor ins Pantheistische und deklariert Religion als Gefühle-Seligkeit. Festlegung, Name ... – ist Schall und Rauch.

Was Faust ihr darlegt, scheint Gretchen durchaus nicht unplausibel zu sein. Es klingt großartig, was Faust sagt. Aber Gretchen spürt ein Unbehagen, dass die Theologie Fausts so haarscharf  n e b e n  der Botschaft liegt, die ihre Überzeugung ist. „Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen, / Steht aber doch immer schief darum; / Denn du hast kein Christentum.“

Wenn der Begriff „Gretchenfrage“ bedeutet, den wirklich kritischen Punkt zu benennen, ... - und wenn wir diesen Begriff an das Gespräch zwischen Gretchen und Faust selbst anlegen, dann ist erst hier der neuralgische Punkt des Gesprächs einigermaßen in den Blick gekommen. Eingangs fragte Gretchen nach der Religion. Dann kamen verdeutlichend die Facetten von Kirche und Sakramenten ins Spiel. Jetzt benennt Gretchen die Religion in der ihr wichtigen Form als Christentum. Es ist durchaus nicht dasselbe von Religion oder von Christentum zu sprechen. Gretchen gibt dem „Kind“ einen konkreten Namen. Sie tut genau das, was Faust vorher mit der Formel „Name ist Schall und Rauch“ abgelehnt hat.

In ihrem Gespräch wäre Faust jetzt aufgefordert, Farbe zu bekennen. Faust aber schmettert Gretchen mit schmeichelvoller Väterlichkeit und intellektueller Übermacht ab: „Lieb’s Kind!“ Gretchen wäre eigentlich gerufen, weiter zu bohren, aber sie wendet sich einer anderen Frage zu: dem sie beunruhigenden Begleiter Fausts, Mephisto.

~ * ~

Mein heutiger Blick auf das Gespräch zwischen Gretchen und Faust ist durch vier Jahrzehnte Mönchtum und Priestertum, - durch Begegnungen mit Einzelnen und mit Paaren, - durch Gespräche auf hohem Niveau und auf Alltagsniveau, - mit Suchenden und anderen eingefärbt. Ich habe den Eindruck, dass ich in diesen Jahrzehnten dem Dr. Faustus sehr oft begegnet bin. Ein Gottes-Bekenntnis nebelt durch viele Gespräche. Windend wird ein „Nein“ mit einem „Aber-irgendwie-doch“ verbunden, - eine Mystik des Allgemeinen entworfen, die aber Festlegungen und persönliche Konsequenzen auf jeden Fall vermeidet. Das Gefühl als hohes Kriterium ist bei all dem ein durchaus geläufiges Thema. Gretchens Reaktion ist mir nicht fremd: „Das ist alles recht schön und gut; ... Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen, / Steht aber doch immer schief darum.“

Ich bewundere Gretchen, dass sie sich traut, in ihre Beziehung zu Faust die „Gretchenfrage“ einzubringen. Sie schwärmt für ihn, den großen Faust; er ist verliebt in sie , die naive Unschuld. Gretchen fragt, ob ihre Beziehung wirklich eine Basis hat. Sie spürt, dass unterhalb ihrer beidseitigen Gefühle füreinander Überzeugungsschichten liegen, die nicht zusammenfinden. Sie ist beunruhigt, ob unter dieser Voraussetzung ihre Beziehung mit Faust wirklich Bestand haben kann.

Faust begegnet der Unruhe mit zärtlichen Anreden und mit der Betonung seines Verlangens nach Gretchen: „Schau' ich nicht Aug' in Auge dir, / Und drängt nicht alles / Nach Haupt und Herzen dir, / Und webt in ewigem Geheimnis / Unsichtbar sichtbar neben dir?“ Das sind „heiße“ Liebesbeteuerungen, deren Wärme Gretchens Sorgen wegschmelzen sollen. So wenig das letztlich gelingt, so viel Kraft haben sie, die Sorge zu überdecken. Aber wie lange wirkt das?

Als Priester, der bei Trauungen assistiert, würde ich mir wünschen, dass sich die Brautpaare im Vorfeld mehr Gedanken über die tragenden Grundlagen ihrer Beziehung machten. Ich habe den Eindruck, dass das momentane Gefühl füreinander diese Fragen oftmals ausblendet. Das kann nicht gut sein und das kann auf Dauer nicht gut gehen. Gretchens Gespräch mit Faust über die „Gretchenfrage“ könnte da eine nachdenkenswerte Anregung sein.

~ * ~

Das Gespräch mit Faust endet für Gretchen mit ihrem Urteil „Denn du hast kein Christentum.“ Für mich persönlich beginnt das Gespräch aber recht eigentlich erst hier. Mit dem „Christentum“ rückt der Namensgeber dieser Religion in den Blick: Jesus Christus. Wer ist Jesus Christus für mich? Hinter all den im Gespräch Gretchen – Faust auftauchenden Begriffen aus dem religiösen Umfeld – Religion, Gott, Kirche, Sakramente, Messe, Beichte – taucht für mich die Frage nach Jesus Christus auf. Auf sie muss ich als Christ und dann sicher noch einmal als Mönch und Priester eine Antwort suchen und geben. Ohne eine solche Antwort bleiben Priester-, Mönch- und Christentum eine Hülle, die vielleicht sehr ansehnlich ausschaut, aber doch ohne inneres Leben ist. Aus der Begegnung mit ihm und dem Bekenntnis zu ihm aber können sie ein lebendiges Zeugnis werden.

Abt Albert Altenähr OSB
030830

PS: Illustrationen zu Goethes Faust von Eugène Delacroix (1828).


[1]   Im „Wort für die Woche“ zum 31. August 2003 unserer Kornelimünsteraner Homepage: „Handelt nach dem Wort; hört es nicht nur an, denn damit betrügt ihr euch selbst.“ (Jak 1,22 – Lesung 22. So i.J.) – Martin Luther hat den Jakobusbrief eine „Stroh-Epistel“ genannt, weil er nach seinem Eindruck die Werke über den Glauben setzt. Luther dürfte kaum gemeint haben, dass das Stroh schöner Worte dreschen schon Glaube ist. Glaube will die Tat. Aber einer, der anständig oder sogar gut  handelt, beweist dadurch noch keineswegs christlichen Glauben. Christus ruft aus jedem diffusen Irgendwie- und Irgendwas-Glauben und aus aller bloßen Anständigkeit heraus in ein klares Bekenntnis zu seiner Person.  D a s  ist die Gretchenfrage des Christseins.

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