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Ein Haus aus Licht

Es war ein sonniger Oktobermorgen. Wie oft bin ich heute schon das Treppenhaus runter- und raufgelaufen. Jetzt schaute ich zur gläsernen Dachpyramide hinauf. Ich wusste, was ich da sehen würde: das Sprossenwerk der Glaskonstruktion, - den Algen- und Dreckschmutz unten an den Fenstern, - und darüber den blauen Himmel. Ich hatte diesen Blick schon oft getan und ihn schon mehr als einmal fotografiert. Wenn nicht gerade ein grauer Wolken- und Regenhimmel über dem Glasdach steht, ist es einfach ein schöner Blick, der Licht auch in die persönliche Stimmung hineinführt, - die gute Stimmungslage verstärkt und eine schlechte zumindest aufhellt.

So auch heute. Und wieder lockte es mich, das Bild mit der Fotokamera festzuhalten.

Von vergangenen Fotografierversuchen weiß ich, wie interessant die Perspektive aus der Tiefe des Kellers senkrecht in die Pyramidenspitze des Treppenhaus ist. Wenn ich den Fotoblitz abschalte, dann reduziert sich die gewundene Treppe auf die Lichtspiegelungen der Geländerstreben. Mein Auge nivelliert die Licht- und Schattenwirkungen. Die Kamera spiegelt den Hell-Dunkel-Kontrast viel stärker, aber gerade dieser andere Blick der Kamera gibt dem Gesehenen noch einmal eine ganz neue Blickrichtung und -schärfung.

Ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz fällt mir ein, dass die Osterbotschaft aus dem liturgischen Festdatum herauslöst und in die Alltage zwischen dem vergangenen Osterfest dieses Jahres und dem kommenden in etlichen Monaten einsenkt. 

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

 

Nur das Gewohnte ist um uns
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus

 

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht

 

Mit dem Foto-Ergebnis bin ich durchaus zufrieden. Ja, so ist es. Das ist es. Und doch … da lockt etwas hinein ins Spiel. … und es wirbelt und wirbelt hinauf in unendliche Höhen und ebensolche Tiefen, dass es mich fast zerreißen will.

 

 

Gut, dass ich mich beim Treppengang auf die einzelne Stufe konzentrieren muss, wenn ich nicht stürzen will. Die Weckuhren, die Telefonanrufe, die Treppenstufen und was da sonst alles noch ist im Alltag, - sie alle bewahren vor dem Abheben in die Fata Morgana Nirgendwo.

 

Und dennoch … vorweggenommen in ein Haus aus Licht. Dieser Augen-Blick des Wunderbaren gehört zur nüchternen Tagessumme dazu. Ihn nicht ernst zu nehmen, knappst von den 24 Tagstunden die schönsten Minuten weg. Gott bewahre mich vor solcher Un-Tat!

 

 

Abt Albert Altenähr OSB

061011

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