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Leben in einer
neuen Zeit
Aphoristische Gedanken zum Beginn der Sommerzeit 2006
Als erstmals die Sommerzeit
eingeführt wurde, war ich in einem Nonnenkloster südlich von Rom zu
Gast. Die Nonnen waren sich einig, dass sie diesen neuen Unfug nicht
mitmachen würden. Im Kloster brauche man diese Neuerung nicht. Ich weiß
nicht mehr, wie lange sie das durchgehalten haben, - ob einige Wochen
oder nur wenige Tage. Auf jeden Fall merkten sie sehr schnell, dass
ihnen das Beharren auf der alten Zeit jede Menge Konflikte mit der Welt
brachten, die der neuen Zeit folgte.
Als Papst Gregor XIII. im Jahr 1582
den Kalender des Julius Caesar korrigierte, dauerte es Jahrhunderte, bis
sich diese Korrektur durchsetzte. Es war und ist eine Konfessionsfrage,
ob man sich der „päpstlichen“ Kalenderreform anschließt oder nicht. Es
ist eine politische Frage, ob man der Reform eines fremden Staates
zustimmt. Und es ist überhaupt eine religiöse Grundsatzfrage, ob man das
Jahr der Geburt Christi als Zeiten-Neuorientierung annimmt oder z.B. die
Erschaffung der Welt (Judentum; wir sind aktuell im Jahr 5766) oder den
Auszug Mohammeds aus Mekka (am 16. Juli 622) oder auch anderes. Ein
Kalender ist mehr als irgendeine Zählweise von Tagen.
Kalender haben immer auch Bekenntnischarakter.

In welcher Zeit leben wir / lebe ich
eigentlich? Bin ich auf der Höhe der Zeit? Lebe ich Hoch-Zeit? Bin ich
der alten Zeit verhaftet? Strecke ich mich nach der neuen Zeit aus? Ist
die Geburt Christi für mich eine Hin-Wende in die neue Zeit, …
Zeitenwende?
Bin ich von gestern, … im Heute, …
nach morgen ausgestreckt?
Für Johannes, den Visionär des Neuen
Testamentes, sind der neue Himmel und die neue Erde der Horizont seines
christlichen Lebensverständnisses. Es ist ein Reich, in dem die Sonne
nicht untergeht, denn Christus ist ihr Licht.
Ich muss gestehen, ich hinke der
christlichen Zeit-Ansage immer wieder und immer noch hinterher. Ich
erkenne, es ist fünf vor zwölf. Ich muss eilen, um pünktlich zu sein.
Vertane Zeit ist verpasste Zeit. … und dann schlägt’s dreizehn.

Abt Albert Altenähr OSB
060324
Fotos: zwei Standuhren in der englischen Abtei Prinknash |