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Das Mauerblümchen
eine Weihnachtsgeschichte

Als der liebe Gott die Welt erschuf, da hat er ihr die vielen Blumen geschenkt, damit sie bunt sei und von seiner Freude an der Welt erzähle. Die Samen waren auf die Felder und die Hügel, in die Täler und auf die Auen gefallen. Die Menschen liebten die Blumen und holten die schönsten und prächtigsten in ihre Gärten und Häuser.

Wie es der Wind so wollte, war etwas von dem himmlischen Blumensamen auch an ein kleines Mäuerchen auf den Feldern von Bethlehem geweht worden. Da grub sich das Samenkorn mit seinen Wurzeln mühsam in den harten, trockenen Boden, um wenigstens ein bisschen Feuchtigkeit zu finden. Gleichzeitig streckte es sich in den Sonnenmorgen, um Licht und Wärme aufzunehmen. Aber Wasser fand die Blume zu wenig, um richtig groß zu werden, und Sonne und Wärme gab es zuviel. Die Eidechsen liebten die kleine Mauer und ihre sonnige Wärme, aber das Mauerblümchen war ihnen nicht wichtig. Die Menschen  achteten schon gar nicht auf die kleine Blume; es gab ja viele andere, die viel schöner waren. Nur die Bienen besuchten sie und versuchten, sie zu trösten.

Als die Sonne hoch am Himmel stand und ihre ganze Mittagshitze ausstrahlte, da war die kleine Blume ganz erschöpft. Sie ließ durstig und traurig den Kopf hängen und rollte jedes zweite Blättchen zusammen, um nicht ganz zu verdursten. So ging es viele Tage, und in seiner Traurigkeit wurde das Mauerblümchen immer trauriger. Seine zusammengerollten Blätter verhärteten sich  mehr und mehr und wurden  ganz, ganz langsam zu spitzen Dornen. Der ganzen Welt wollte die kleine Blume sagen: "Ich bin traurig. Rührt mich nicht an. Ich steche euch." So ging das viele, viele Tage und wollte sich gar nicht ändern.

Eines Tages setzte sich ein Hirtenjunge an die Sonnen-mauer, um von hier aus auf seine Schafe aufzupassen. Gedankenverloren  griff er neben  sich, brach das traurige Mauerblümchen, spielte damit ein wenig in den Fingern und steckte es schließlich gelangweilt zwischen seine Zähne. Vergeblich versuchte das arme Ding sich mit seinen  Dornen zu wehren, doch der Junge achtete gar nicht darauf. "Das also ist das traurige Ende meines traurigen Lebens," seufzte die kleine Blume und weinte bitterlich. Aber soo schnell und einfach geht die Geschichte von der kleinen traurigen Blume  nun doch nicht zu Ende.

Plötzlich und auf einmal - weiß der liebe Gott, warum - springt der Junge auf und rennt und springt, was ihn die Füße nur tragen können. Ja, nicht nur der Hirtenjunge, - alle seine Schafe, - ja, das ganze Feld mit seinen großen und kleinen Tieren rennt auf einen bescheidenen Stall  am fernen Ende des  Hirtenfeldes zu, in dem ein Ochse und ein Esel ihr Zuhause haben. Und in dem Stall war gerade das Jesuskind geboren worden, - aber die Geschichte kennt ihr ja, und darum brauche ich sie euch jetzt und hier nicht zu erzählen.

Als der Junge mit seiner Blume zwischen den Zähnen bei dem Stall ankam, blickte das Jesuskind geradewegs sie an und juchzte auf: "Eine Blume!" - so erzählen jedenfalls die Hirten, die dabei waren. Der Junge war so verlegen, dass er das Mauerblümchen ganz schnell aus dem Mund nahm. Und nicht weniger verlegen war die kleine Blume. Vor lauter Schreck richtete sie sich auf, wurde über und über rot und schwitzte vor Aufregung so sehr, daß ihr Duft den ganzen Stall erfüllte. Und als der Hirtenjunge sie nahm und dem Jesuskind schenkte, da blühte sie so richtig auf. Sie wußte auf einmal: "Das Jesuskind hat seine Freude an mir! Ich bin die glücklichste Blume auf der ganzen Welt." Sie blühte und duftete und strahlte ihr leuchtendstes Rot, - kurz: sie war eine  wunderschöne Rose. 

Abt Albert Altenähr OSB
1299

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