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Mit Gott im Heute
Ein liturgisches Bekenntnis

Ich bin aufgewachsen mit der Liturgie, wie sie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gepflegt wurde. Mit dieser Liturgie bin ich in das Kloster eingetreten. Sie begleitete mich in das Studium der Theologie. Sie war großartig und sie war wichtig für mein Hineinwachsen in den Glauben und in die Berufung.


Ganz selbstverständlich bin ich während meines römischen Studiums nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in die liturgischen Änderungen hinübergewachsen. Das Konzil hatte - so war mein Erleben - die Vergangenheit, ihre Akzente, Zeitbedingtheiten, Brüche und Abbrüche gesichtet und fragte nach verlorenen und verschütteten Reichtümern. Das Konzil bedeutete und bedeutet mir eine Ent-Deckung von Altem und Neuem. Es war und ist mir eine Befreiung aus konfrontativen Denkmustern und Verteidigungspositionen in die Freiheit der Freude an Gott. Glaubensstärke begründet und beweist sich nicht in Feindbildern. Souveränität des Glaubens kommt aus dem Stehen vor Gott, - aus der Schönheit des Gottesbildes. Es war wie die Stimme, die Elija in der Höhle des Gottesberges Horeb getroffen hatte: „Komm heraus! - Stell dich! - auf den Berg! - vor den Herrn!“ (1 Könige 19,11)


Glasfenster in der Abteikirche Kornelimuenster
Die personifizierte Kirche zwischen den Heiligen
Benedikt von Nursia und Benedikt von Aniane

Ich bin nicht so blauäugig zu behaupten, dass jeder einzelne Fund von damals ein Goldnugget, geschweige denn dass jede Entwicklung nach dem Konzil ein wertvolles Schmuckstück ist. Aber ich bin auch nicht so „alt“, dass sich mir die Vergangenheit dahin verklärt, dass früher alles besser oder gar fehlerfrei war. Wie heute wurde auch vorzeiten mit Wasser gekocht.

Wenig förderlich erscheint es mir für das Ringen um die rechte Liturgie, hier das reine Gold herauszustellen und dort billiges Talmi in den Blick zu nehmen und dann beides miteinander zu vergleichen und gegeneinander auszuspielen. Wenig förderlich ist es auch, das Gespräch / die Auseinandersetzung mit Schlagworten zu führen. Sie sind zwar meist sehr schlagkräftig, aber beweisen nur selten etwas. Sie werden auch dadurch nicht wahrer, dass sie immer wieder und wieder wiederholt werden.

Es versteht sich für mich von selbst, dass Liturgie aus sich heraus danach verlangt, eine Sensibilität für ihren „sensus“ zu entwickeln. Wenn wir es denn eine „gewisse liturgische Bildung“ (Benedikt XVI.) nennen, dann ist diese als Voraussetzung weder allein für die tridentinische noch allein für die nachkonziliare Liturgie zu fordern. Sie ist überall zu fordern, wo Liturgie gefeiert werden soll. Sie ist nirgendwo einfach da, sondern will hier wie dort gelernt, er-arbeitet und er-meditiert werden. Liturgische Bildung ist dabei für mich ein In- und Miteinander von Theorie und Praxis, von Wissen und Übung, von innerer Gestalt und äußerer Gestaltung. Sie muss stimmig sein. Erst so stimmt sie. Erst so lädt sie ein, in sie einzustimmen. Der erste Ort, wo diese Stimmigkeit eingefordert ist, bin ich selbst.

   
Lamm- und Brotrosette in den Querhäusern der Kirche

Der heilige Benedikt nennt das Kloster eine „schola dominici servitii - eine Schule des Herrendienstes.“ Ich will das hier über-setzen als „Schule der Liturgie“. Im Noviziat die Hinweise, dass man 1dieses so macht, jenes so nicht, - später die kurzen Bemerkungen (und gelegentlich waren sie durchaus kritisch-spöttisch), - überhaupt das allgemeine Korrektiv, als Gemeinschaft / Gruppe sich aufeinander einspielen zu wollen (und zu müssen), - und auch das Echo aus der Gemeinde …, - all das hat sich mir durchaus als hilfreich erwiesen und einen gewissen „Schliff“ ergeben. Diese Erfahrungen haben mich gelehrt, dass man nicht eines schönen Tages Liturgie „kann“, sondern dass ich sie mir immer wieder neu erobern muss.

Es war und ist mir immer ein Anliegen, G o t t zu feiern. Der heilige Benedikt ist überzeugt, dass Gott überall gegenwärtig ist und er mahnt die Seinen dazu, das besonders dann als Herzensbewusstein lebendig zu halten, wenn sie im Gebet stehen. Dieser Glaube muss die Seele der Liturgie sein. Ich versuche, das in die Feier des Chorgebetes und der Messe einzumeditieren. Nicht immer gelingt es mir, - wahrscheinlich ist es sogar immer zu wenig, aber das Urteil darüber kann und will ich vor allem Gott überlassen.

Es ist mir ein Anliegen, Liturgie nicht „vor“ den Menschen zu feiern, - auch nicht allein „für“ sie, sondern sie m i t ihnen zu feiern. Es ist mir ein Gräuel, wenn sich an mich das Gefühl heranschleicht, dass die Messbesucher jeder für sich ihre Messe feiern. Dann fühle ich mich am Altar allein gelassen. Der Altar in der Mitte und auf ihm dann noch einmal das eucharistische Geschehens-Geheimnis in den Sinnenzeichen Kelch und Patene, Wein und Hostie als Fokuspunkt führen mich „versus Deum - auf Gott zu“. Nach einem Wort von Bischof Hemmerle ereignet sich der Himmel „zwischen“ den Menschen. In diesem Zwischen-Raum „knistert“ Gott.

Ich bin als Messdiener am lateinischen Confiteor gescheitert. Voller Angst konnte ich es als kleiner Gymnasiast einem gestrengen geistlichen Schulprofessor nicht korrekt übersetzen, nachdem ich mich zuvor in der Messe damit verhaspelt hatte. Das altsprachliche Gymnasium, lateinische Vorlesungen und schriftliche und mündliche Theologie-Examina in der Sprache Ciceros lassen mich aber auch heute noch firm in dieser Sprache sein. Meine Muttersprache ist allerdings das Deutsche. Ich habe ihren Schatz und ihre Würde lieben gelernt in alten und modernen Gedichten. Von Karl V. soll das Dictum stammen, dass er mit Gott lateinisch, mit den Damen französisch und mit seinem Pferd deutsch spreche2, aber vielleicht hätte er sich etwas galanter über das Deutsche geäußert, wenn er es besser beherrscht hätte. Die Sprache m e i n e r Liebe ist das Deutsche und ich vertraue darauf, dass Gott seinerseits die Sprache meiner Liebe in mir liebt und sich freut, wenn ich ihn mit der Sprache dieser Liebe feiere.


Marienrosette

Ich bin glücklich darüber, dass wir als klösterliche Gemeinschaft miteinander eine unseren Grenzen und Möglichkeiten angemessene Form gefunden haben, die Liturgie, wie sie sich uns nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil darbietet, zu feiern. Ich schätze an unserer Liturgie vor allem die feste Ordnung, - eine „stabilitas“, in die hinein wir uns fallen lassen können. Wir erfinden die Liturgie nicht jeden Tag neu. In der zuverlässigen, festen Form finde ich ein geistliches Zuhause auch dann, wenn ich einmal nicht so gut „drauf“ bin. Dass eine „feste“ Gemeinde sich Sonntag für Sonntag der Messliturgie unserer Abtei anvertraut, stärkt meine Freude, Gott in Freude zu feiern.

Abt Albert Altenähr OSB
070820

 

1 Nicht immer und überall ist das so allgemeine „man“ nur negativ bewerten. Manchmal hat sich einfach eine gute Erfahrung vieler in ein solches „man“ hinein verdichtet.

2 Eine spanische Variante lautet: „Hablo Latín con Dios, Italiano con los músicos, Español con las damas, Francés en la corte, Alemán con los lacayos e Inglés con mis caballos".

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