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Nach 25 Jahren
Die folgenden
Überlegungen sind mit Fotos von Blättern des „Frauenmantels“
aufgelockert. Sein lateinischer Name „Alchemilla“ verweist auf die
mittelalterlichen Alchemisten, die Regen- und Guttationstropfen, die
sich vor allem in der Stielsenke der Blätter sammeln, als Grundstoff für
ihre Experimente nutzten, den „Stein der Weisen“ herzustellen. Der
deutsche Name „Frauenmantel“ erinnert an die Fältelungen des Mantels der
Schutzmantelmadonnen des späten Mittelalters. Den „Stein der Weisen“
habe ich in meiner „Lebensalchemie“ nicht gefunden. Einen Schutzmantel
um mein Leben habe ich immer wieder gespürt und erhoffe ihn auch für die
weiteren Jahre.
~ * ~
Gut, das
mit den 25 Jahren ist ein wenig übertrieben. Es sind - wo ich diesen
Rückblick beginne - 23 Jahre her, dass ich zum Abt gewählt wurde, - und
gut 23 ½ Jahre, dass die Abtei Kornelimünster konkret vor meinem inneren
Auge auftauchte. Das Jubiläum des 100. Jahres der Rückkehr der
Benediktiner nach Kornelimünster lässt mich die persönliche
Jahresperspektive mutig aufrunden.
So sehr mir
1982 theoretisch bewusst war, dass der Schritt nach Kornelimünster ein
Einschnitt sein würde, so sehr ist mir heute klar, dass es ein Schnitt
gewesen ist. Bei allem, was ich in den 40 Jahren davor zu Hause und im
Kloster Gerleve gelernt hatte und was mich bis heute prägt, musste ich
mich in meiner neuen Aufgabe als Abt von Kornelimünster doch
gewissermaßen neu „erfinden“ und mit mir auch mein Verständnis von
benediktinischem Mönchtum und vom Kloster.
Ich war
gerne Mönch in Gerleve gewesen und ich war stolz darauf, Mönch von
Gerleve zu sein. Gerleve war und ist eine „gute Adresse“ im
Benediktinerorden und in der deutschen Kirche. Die Herkunft „Gerleve“
schließt manche Türen auf. Meine Adresse war nun aber nicht mehr „Gerleve“.
Kornelimünster war etwas anderes: eine andere Lage, - andere Gebäude, -
eine andere Tradition, - eine andere Zahl der Mönche, - eine andere
Altersstruktur, - eine andere Aufgabe. Es war sehr anders.
Wie ich
mich auf das Neue eingestellt habe und welche Schritte und Etappen es da
gegeben hat, kann ich im einzelnen gar nicht sagen. Ich bin keinem
„Programm“ gefolgt und habe auch kein „Rezept“ entdeckt, das ich
weitergeben könnte. Vielleicht könnte aber das Eine doch so etwas wie
eine Grund-Gabe, - eine Mitgift sein: Nicht weglaufen, wenn es schwierig
wird. Die Schwierigkeiten, die ich hier zu fliehen suche, haben sich
schon längst dort, wohin ich fliehe, in Stellung gebracht. Der Wettlauf
von Hase und Igel ist vom Hasen nicht zu gewinnen.
Wenn im
Folgenden unter den jeweiligen Überschriften einige Punkte „nach 25
Jahren“ genannt werden, die mir bedeutsam erscheinen, so spiegeln sich
darin „Ergebnisse“ des Weges. Zugleich sind sie aber immer auch Etappen
und Schritte auf dem Weg. Es sind Nicht-Rezepte, die zur Rezeptur des
Lebens in Kornelimünster gehören, wie es mich geprägt hat.
Leben aus der Quelle: suchen –
wagen - glauben
Kornelimünster hat mir die Kinderfrage „Warum ...?“ neu gestellt und
durch die Jahre hindurch bewusst gehalten. Warum bin ich einem Ruf
gefolgt? Warum bin ich in ein Benediktinerkloster eingetreten? Warum
feiere ich das Chorgebet? Warum tue ich mir an, Abt einer – dieser –
Gemeinschaft zu sein? ... und: warum tue ich das heute nach 44
Klosterjahren und nach 23 Abtsjahren?
Die fast
klassische Frage: „Warum tritt man in einen Orden ein?“ beantworte ich
seit eh und je damit, dass „man“ überhaupt nicht in einen Orden
eintritt, sondern immer nur „du“ und/oder „ich“. Die „Man-Frage“ führt
in eine verkehrte Richtung. Sie ist nur neugierig und will sich selbst
nicht in die Frage einbringen. In der Rückschau der vielen Jahre füge
ich hinzu, dass meine damaligen Motive sicher sehr ehrenwert waren, dass
sie aber nur einen Schrittanstoß bedeuteten. Heute lächle ich über
manche meiner damaligen Motive. Die spannende Frage ist, warum bin ich
heute noch im Orden? Hat sich das Damals so entwickelt, dass es heute
trägt?
Als ich
1961 in das Kloster eintrat, war das – oder vielleicht besser: mein –
allgemeines Weltbild relativ überschaubar, klar und gesichert. Das galt
auch für die Perspektive „Kloster“, in die ich blickte. Das Kloster. in
das ich eintrat, war im Umfeld des Bistums gut angenommen, - die
Menschen kamen als Gottesdienstbesucher, Kursteilnehmer, Spaziergänger.
Freunde und Bekannte zu Hause konnten sich bei aller Befremdung über
meinen Klostereintritt eine Vorstellung machen, wo ich hingegangen war.
Der Junge hat eine gute Wahl getroffen. Er ist gut untergebracht. Solche
Akzeptanz von draußen gibt eine große Sicherheit.
Glatt und
rund sind die Jahre in meinem Heimatkloster durchaus nicht gelaufen. Die
Warum-Frage der Berufung konnte aber sehr wohl gelegentlich beiseite
geschoben werden durch den „Erfolg“ im „Beruf Mönch von Gerleve“. Ein
alter Mitbruder bekannte mir vor meinem Weggang nach Kornelimünster:
„Ich sah in den letzten Jahren bei Ihnen kein weiteres Wachsen. Sie
können durchaus sehr gut 20, 30 Jahre so weiterleben. Was Sie aber
brauchen, ist eine neue Herausforderung.“
Die
Herausforderung Kornelimünster stellte an mich persönlich die Frage, ob
die Quelle, das Fundament stark genug war, mich die neue und so andere
Situation bestehen zu lassen. Viele äußere Sicherheiten hatte ich
zurückgelassen.
Das bis
dahin gelegentlich leicht hingesagte „... und im übrigen gibt es ja noch
Gott“ musste neu ausgetestet werden. Gott musste aus dem „im übrigen
...“ erlöst werden und in den Vordergrund rücken. In einer werktags
leute-leeren Kirche das Chorgebet zu halten, das geht eigentlich
wirklich nur „um Gottes willen.“ Es galt, mich selbst aus den
Erfolgs-Kategorien, die sich allüberall anbieten, zu befreien und die
Kernbotschaft des Mönchtums und des christlichen Glaubens in mir zu
schärfen.
Als
besonders hilfreich erwiesen sich die deutsch gebeteten Psalmen.
Vertraute und fremde Bilder, - das Auf- und Nachspüren von Begriffen und
Wendungen, - das Hinhorchen auf moderne „Psalmen-Gedichte“, - das
„Bewegen“ (vgl. Lk 2,19) des Gelesenen, Ausgesprochenen und Gebeteten
... -, das alles ist mir in der Muttersprache leichter als in einer noch
so gut beherrschten fremden Sprache.
Bedeutsam
war mir dabei das Gemeinsame des benediktinischen Chorgebetes. Es ist
ein „fließendes“ Gebet. Es fließt auch dort weiter, wo ich verharren
möchte und konfrontiert mich auch mit Versen und Gedanken, die mir
zunächst einmal – und vielleicht: überhaupt! – nicht schmecken. In
diesem Gebetsfluss werden Gebetsworte und –gedanken ganz allmählich rund
wie Flusskiesel. Schließlich liegen sie angenehm in der Hand. Und
besonders schöne Gebets-Kiesel stecke ich in die Tasche, damit sie mich
eine Zeitlang begleiten und ich mich an ihnen freue.
In diesem
gemeinsamen Chorgebet erkenne ich dem Sprechen hohe Bedeutung zu. Es ist
etwas anderes, still zu beten oder laut. Vor mir selbst und vor Gott
Laut geben und ein Sich-heraus-Sprechen helfen Dinge zu klären. Und
zugleich ist das Aus-Sprechen ein Ein-Sprechen. Gegen die banale Ausrede
erhebt sich der Einspruch. Indem ich etwas ausspreche, rede ich es mir /
in mich in gutem Sinne ein. Solches Ein-Reden ist wichtig. Es ist ein
Er-Innern und schafft einen Schatz der Erinnerungen.
Aus dem
Psalmengebet ist mir ein Klima - oder anders gesagt: ein Cantus firmus -
zugewachsen, der mich „leben“ lässt. In diesem Klima kann ich mich
entfalten und wo es einmal nicht so läuft, wie es schön wäre, weiß ich
mich von ihm umgeben. Es gibt eine ganze Reihe von Highlight-Versen, die
das gute Klima aufleuchten lassen, ich will mich aber hier auf einen
beschränken. Er ist gleichsam eine Kurzformel meines erlebten Glaubens:
„Die Erde mit allen, die auf ihr wohnen, mag wanken; doch ich selbst
habe ihre Säulen auf festen Grund gestellt“ (Ps 75,4).
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