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Spannungsbogen der Beziehungen: den Nächsten lieben
Die Botschaft von der Liebe, die die Mitte von
allem Mühen ist, geht leicht über die Lippen und schallt aus allen
Weltentwürfen. So viel Liebe ist nachgerade unheimlich. In der
christlichen Tradition spielen Nächsten- und Feindesliebe eine
überragende Rolle. Wir werden immer wieder darauf hingewiesen, - ja,
festgenagelt, wenn wir einmal glauben, „hart“ agieren und reagieren zu
müssen. Unser von der Liebesbotschaft geprägtes Sozialgewissen bereitet
uns dann nicht selten ein „schlechtes Gewissen.“ Und dann gibt es ja
noch den „lieben Gott“, der all die schrecklichen Bilder vom ewigen
Feuer, dem Heulen und Zähneknirschen doch eigentlich nicht so gemeint
haben kann.
Das
Kloster, das als Lebenskonzept auf der Botschaft des Evangeliums fußt,
muss die biblischen Worte von der Liebe ernst nehmen. Eher ungezielt
seien einfach einige Sätze aus dem vierten Kapitel „Die Werkzeuge der
geistlichen Kunst“ der Regel Benedikts zitiert: „Den Nächsten lieben wie
sich selbst (V.2). Von der Liebe nicht lassen (V. 26). Die Feinde lieben
(V. 31). In der Liebe Christi für die Feinde beten. Nach einem Streit
noch vor Sonnenuntergang zum Frieden zurückkehren (V. 72f). An solchen
Sätzen kommt der Ordensmann nicht vorbei, mag er auch noch so allergisch
gegen den inflationären Gebrauch des Wortes „Liebe“ sein, wie ich es
oben andeutete.
Je globaler
die Weltsicht ist, desto leichter scheint es zu sein, das Gebot der
Nächsten- und Feindesliebe zu bejahen. Die Nächsten, die tausende von
Kilometern entfernt leben, kann ich eigentlich recht leicht lieben. Je
enger der Kreis der zu liebenden Nächsten sich um mich zusammenzieht,
desto sperriger wird das Gebot und seine Übersetzung in das alltägliche
Leben.
Eine kleine
Klostergemeinschaft wie die unsere buchstabiert das große Wort von der
Liebe sehr ausgeprägt in die Möglichkeiten und Wirklichkeiten des
Alltags aus.
Eine
scheinbare Grenze, aber in Wirklichkeit eine große Chance für die
Ehrlichkeit christlich gegründeter und verstandener Liebe ist es, dass
wir nicht aus natürlicher Sympathie füreinander – geschweige denn zu
jedem Einzelnen – zueinander gefunden haben. Wir sind nicht eine
christliche Gemeinschaft, weil wir uns alle so „liab“ haben. Höflicher
Respekt voreinander kann mehr an christlicher Liebe in sich tragen als
kumpelhafte Nähe, geschweige denn zwanghaft zelebriertes zueinander
Nettsein. Wenn mir jemand allzu lieb kommt, denke ich nicht selten, „...
der kann mich mal liebhaben“.
In der
kleinen Gemeinschaft kennen sich die einzelnen Mitglieder sehr genau.
Und wie wohl überall im menschlichen Zusammensein ist auch hier der
kritische Blick für die Grenzen des anderen schärfer als der freudige
auf das Gelungene und der hoffnungsvolle auf die positiven
Möglichkeiten. Der Mitbruder erscheint so oft eher als Schmergelpapier
für das eigene Wohlbefinden denn als Verpackungswatte, die mich
unbeschadet durch das Leben kommen lässt. In der kleinen Gemeinschaft
ist es unmöglich, „unterzutauchen“ und unbehelligt durchs Leben zu
kommen.
Ich musste
lernen – und habe es immer noch nicht so „kapiert“, dass ich wirklich
(geschweige denn immer) gelassen damit umgehen kann -, dass das Problem
eigentlich gar nicht der Mitbruder ist, sondern ich selbst. Warum regt
es mich auf, dass der andere diese Macke und jenen Fehler hat? Jeder
meiner Mitbrüder hat Eigenarten, die mich auf die Palme bringen. Was
sagt das über mich?
050615
(Ich habe den Text fast zwei Jahre ruhen lassen
und begebe mich Ende April 2007 an seine Fortsetzung.)
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