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Gott feiern: das Maß entdecken


Kornelimünster 1982 war ein Einschnitt in das Vertraute. Es stellte sich in der von meiner Heimatabtei so verschiedenen Situation in neuer Radikalität die Frage: „Warum feiere ich eigentlich Gottesdienst?“ und „Wie feiere ich denn nun Gott in der von außen gesehen so viel bescheideneren Situation von Kornelimünster?“

Zwei Antworten sind mir wichtig geworden. Sie haben mich dann durch die Jahre begleitet.

Ich feiere Gottesdienst um Gottes willen. Er ist die Zielrichtung, die im Perspektivenhorizont meines Gottesdiensttuns aufleuchten muss. Wenn er das Leuchtfeuer in aller gottesdienstlichen Praxis ist, dann kann eigentlich nichts schief gehen. Dann ist Gottesdienst befreit von der Versuchung, darin mich selbst verwirklichen zu wollen, - frei von der Versuchung, „den Leuten“ (wer ist das eigentlich?) gefallen zu wollen, - ja, sogar frei von der subtilen Versuchung, „auf Teufel komm heraus“ Verkündigung sein zu müssen. In solcher Freiheit wird Gottesdienst Verkündigung, - so kommt er bei „den Leuten“ an, - so werde ich im Gottesdienst mehr und mehr ich selbst.

Das andere ist: ich sage „Ja“ zu den Gegebenheiten, die da sind. In dieser positiven Grundeinstellung zu den Grenzen, die uns gesetzt sind, können wir frei werden für eine authentische Feier Gottes. Wir setzen uns nicht Maßstäbe irgendwelcher anderer Zeiten oder Gemeinschaften. Ein solches Vergleichen könnte nur dahin führen, dass wir vermeintlichen Idealen hinterher hecheln, die wir dann doch nicht erreichen. Unsere Erfahrung führte uns zu der Erkenntnis, dass in der Bescheidenheit mehr herauskommen kann, als wir selbst für möglich hielten.

Einige Grundzüge haben mich in all den Jahren begleitet, die mir für die Feier der Liturgie wichtig wurden.

Eine würdige Liturgie braucht „alle Zeit der Welt“. Damit meine ich nicht, dass „Längen“ das Maßband für die Liturgie sind. Aber Kürze ist es genauso wenig. Alle Zeit der Welt wird dann spürbar, wenn ich selbst im Hier und Jetzt da bin und in mir eine Ruhe wächst, die in den Vollzug hinüber wächst. Minuten-Zählerei fällt dann aus dem Blick. Dann kann Liturgie auch dauern, ohne dass sie als lang erfahren wird.

Liturgie will fließen. Sie fließt in den Bewegungen und in Melodien. Der Melodiefluss gregorianischer Gesänge und chorischer Psalmodie ist mir eine wesentliche Quelle der gerade genannten Ruhe geworden. In Kornelimünster ist mir dabei deutlich geworden, dass diese Wirkung gar nicht so sehr an die Sprache Latein gebunden ist. Auch deutsche chorische Psalmodie entfaltet diese Kraft der Ruhe. Die deutsche Psalmodie, die ich in Kornelimünster vorfand und gegen die ich mich in Gerleve vehement gesträubt hatte, ist mir sogar zu einem wichtigen neuen Schlüsselerlebnis für die Welt der Psalmen geworden. Auch dem guten Lateiner war vieles im Psalmengebet verschlossen geblieben, denn er dachte immer deutsch.

Liturgie ist Feier des menschenfreundlichen Gottes. Sie ist Geschenk seines Willens, uns zu begegnen. Das gilt für mich selbst und für die Mitfeiernden. Da er „mitten unter uns“ zweien, dreien, vielen ist, die wir miteinander feiern, kann ich nicht „für mich“ Gottesdienst feiern. Ich werde Gott antreffen, wenn ich den Zwischen-uns-Raum zu entdecken suche, der mich und den anderen verbindet. „Meine Messe“ gibt es nicht, - nur unsere. Und „unsere Gottesdienste“ sind immer die aller Feiernden, - die der Mönchsgemeinschaft und die der Gottesdienstbesucher. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir nicht „vor“ den Leuten, sondern mit ihnen Gottesdienst feiern sollen.

Ich habe es mehr und mehr als entlastend erlebt, ein Gottesdienstraster im Rhythmus der Gebetszeiten und in den Formen und Inhalten der Liturgie zu finden. Ich brauche nicht jeden Tag „das Rad“ der Liturgie neu zu erfinden. Als „Opus Dei - Tun Gottes“ ist sie mir eine Gabe geworden, der ich abzulauschen versuche, was Gott mir hier und jetzt zu sagen hat. Aus diesem Gedanken heraus ist die Überzeugung gewachsen, dass Beten in erster und noch einmal und noch einmal erster Linie Hören auf Gottes Wort an mich ist und wirklich erst nachgeordnet menschliches Sprechen. Ein Beter werde ich dann geworden sein, wenn ich ein Hörer des Wortes geworden bin.

Diese Haltungen in der „kleinen Liturgie“ unseres kleinen Klosters aufscheinen zu lassen, ist mir ein Anliegen, dem ich meine Kraft geschenkt habe und weiter schenken möchte. In diesen Haltungen fühle ich mich auf der Höhe des Benediktinischen.

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