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Gastoffenheit: Fragen zulassen
Die Gastfreundschaft gilt als etwas, das wesentlich zu
Benediktinerklöstern gehört. Sie wird schon in der Regel groß
geschrieben und sie ist im Laufe der Zeiten in vielerlei Ausprägungen
gepflegt worden. Gastfreundschaft war mir 1982 auch von Bischof Hemmerle
als Perspektiv-„Nebel“ seiner Vorstellung vom geistlichen Profil des
Klosters Kornelimünster in den Blick gezeichnet worden. Ein wenig
konturierte sich die Vorstellung damals um den Begriff „Exerzitienhaus“
herum, - etwas, das die Diözesen und auch die meisten Klöster kannten
und praktizierten.
Die
Entwicklung hat sich dann ein wenig anders gestaltet. Die äußeren
Gegebenheiten - personell und materiell - ließen die Idee
„Exerzitienhaus“ nicht zur Reife und Frucht kommen. … und das war und
ist gut so.
Unser
Suchen mündete in die Konzeption, dass wir kein Gästehaus „haben“,
sondern ein gastliches Haus werden und „sein“ wollten. In diesem Sinn
sprechen wir von unserem Kloster als einem „Haus der Glaubensbegegnung“.
Die
„kleine“ Lösung (20 Gastzimmer im Kloster) sehen wir für unsere kleine
Gemeinschaft als Chance einer „nahen“ Verkündigung. Die unmittelbare
Begegnung mit den Gästen erlaubt eine ganzheitliche Pastoral durch unser
geschautes und erlebtes Leben als Mönche und Christen. Der Rückzug in
eine distanzierte Verkündigung ist uns nicht möglich. Unsere Gäste sehen
nicht nur unsere Stärken, sondern auch die Grenzen - sowohl der
Gemeinschaft als auch der einzelnen. Das braucht nicht negativ
verstanden zu werden. Es ist eine Chance gelebter und offen-sichtlicher
Brüderlichkeit mit den Unvollkommenheiten und Gebrochenheiten, in denen
sich wohl alle Menschen wieder finden.
Solche
Öffentlichkeit lässt Fragen auf uns zukommen, ob wir denn „wirklich“
echte Mönche sind, oder doch nur „irgendwie“ und ganz schön angepasst an
und infiziert durch die „Welt“. Ja, der (an-)greifbare Mönch ist
angreifbar. Das aber wiederum will und muss ihn in die stets neue
Reflexion über sein Mönchsein führen. Er wird dabei erkennen, dass er
eigentlich immer nur ein „Mönch im Werden“ ist und nie ein fertiger
Mönch. Der heilige Benedikt stellt diese Wachstumsaufgabe als innersten
Kern klösterlicher Berufung heraus: dass er wirklich Gott sucht (RB
58,7).
Wenn ich es
recht sehe, dann ist zumindest ein Großteil unserer Gäste nur
unvollkommen im allgemeinen christlichen und katholischen Milieu zu
Hause oder gar integriert. Nicht wenige sind nur noch Menschen am Rande
der religiösen Institutionen. Es ist mir wichtig geworden, keine
Grenzziehung vorzunehmen, ab welchem Grad des Christseins einer denn als
Gast willkommen ist. Es reicht, dass er „etwas“ sucht, - und wenn er es
auch noch so wenig konkretisieren kann. Ich weise den Gast durchaus
darauf hin, dass er unserem „Etwas“ nur dann begegnet, wenn er sich auch
- zumindest einmal - unserem Beten im Gottesdienst stellt. Wir wollen
ihn aber nicht auf unsere Linie hin „missionieren“. Es ist uns wichtig,
ihn zu motivieren und ihm zu helfen, einen nächsten Schritt in seinem
Leben zu finden zu wagen. Mein Glaube in diesem Prozess der
Gastbegleitung ist, dass ich dann zurücktreten und Gott die weitere
Begleitung und schließliche Zielführung überlassen kann.
Das gibt
mir Freiheit in der Seelsorge. Es ist die Freiheit des Sämanns, der
Samen ausstreut. Dass der Same Wurzeln schlägt, wächst, reift, Frucht
bringt, das kann er nicht machen. Ein gelegentliches Hinschauen und auch
Düngen - ja, mehr aber auch nicht. Und mehr als einmal habe ich mich
gewundert, was Wurzeln geschlagen hat und was herausgekommen ist.
Verkündigungsbewusstsein: Gott und mich selbst erzählen
Den noch jungen Pater sprach der Prior nach einer Predigt an: „Pater
Albert, sie sagen in ihren Predigten zu oft ‚ich’. Sie sollen nicht sich
predigen, sondern das Evangelium.“ Es war wohl die härteste Kritik, die
ich bis dato und überhaupt zu meinen Predigten gehört habe. Einige Zeit
später sprach ich meinerseits den Prior an: „Pater Prior, ich werde
weiter in den Predigten ‚ich’ sagen. Was das Evangelium und die Kirche
sagen, das wissen die Leute durchaus. Sie möchten aber wissen, wie sie
damit und mit den Schwierigkeiten, die sich daraus in ihrem konkreten
Leben ergeben, umgehen sollen. Vielleicht kann es ihnen helfen, zu
sehen, wie ich damit umgehe.“
In Gerleve
hatte ich jede meiner Predigten schriftlich ausgearbeitet. Ich galt als
Hochamtsprediger für das Hochamtspublikum, nicht als Prediger für die
Volksmessen. Ich wusste dabei meine Predigten auswendig, so dass ich
zwar den Text vor mir liegen hatte, aber es genügte ein gelegentlicher
Blick, um Sicherheit zu haben.
Die
Situation in Kornelimünster war eine andere. Häufiger als zuvor musste
ich predigen, - im Konventamt, den Gemeindemessen, anfangs jeden Sonntag
in der „Spätmesse“ der Gemeinde sonntags um 11:00. Die Gerlever Schule
der schriftlichen Predigtvorbereitung war da sehr gut, aber - schon aus
rein zeitlichen Gründen - eine solche Vorbereitung war kaum noch
möglich. Die spontane und frei gesprochene Predigt wurde mehr und mehr
das Meinige.
Mein Umgang
mit der Heiligen Schrift hat mir gerade in der Verkündigung als Abt mehr
und mehr deutlich gemacht, sie als spannende Erzählungen von Gott zu
verstehen. Die heilige Schrift hat mich gelehrt, meine Erfahrungen mit
Gott in der Welt und bei den Menschen zu erzählen. Ich darf dabei nicht
nur vorkommen, sondern ich muss in dieser Geschichte vorkommen, sonst
kann ich nicht wirklich ein Erzählender sein. Ich selbst bin „Spielmann
Gottes“ in den Geschichten vom Anfang der Schöpfung bis zum Ende des
Maranatha. Gott spielt mich in diesen Geschichten und lädt mich ein,
sein „Spielmann“ vor den Menschen zu sein. Die alten Römer hatten das
treffende Wort „Tua res agitur - Es geht um dich“. Nur so geht Erzählen
von Gott: indem es um mich geht.
Die eigene
Beobachtung anderer, die Selbstreflexion und hier und da Bemerkungen mir
gegenüber haben mich erkennen lassen, dass Inhalt der Erzählung und die
Art und Weise des Erzählens nur zusammen stimmig sind. Wo beide
auseinander fallen, stimmt es vorne und hinten nicht und der Zuhörer ist
verstimmt. Ein Offizier, der im Verteidigungsministerium manchen Beamten
und Politiker vor großen Reden trainiert hat, sagte mir einmal, dass
jeder Zuhörer ganz unbewusst merkt, ob der Redner „echt“ ist. Wir mögen
noch so viel zurückhalten wollen, wir verraten unendlich viel noch weit
bevor wir das erste Mal den Mund aufmachen.
Sicher
mutet meine Spielfreude - und das ist auch meine Freude am Wortspiel -
meinen Zuhörern viel zu. Und dann gewiss noch einmal mehr und Weiteres,
wenn mir eine Predigt zu einem Mini-Text gerinnt. Darin traue ich den
Zuhörern einiges zu. Ich traue ihnen vor allem zu, mitspielen zu wollen
und zu können. Ich traue ihnen zu, selbständig meine Impulse
weiterzudenken. Ich traue ihnen zu, selbst Verantwortung für das zu
übernehmen, was sie wollen, denken und tun. … und ich traue dem Heiligen
Geist mehr zu als mir selbst. Er wird mich da korrigieren, wo ich nicht
nur die gewohnten Pfade verlasse, sondern wo möglicherweise sogar die
Richtung und das Ziel verloren gegangen sein sollten.
Bilanz:
Lehrling bleiben

25 Jahre sind ein Abschnitt und so sehr das ein Einschnitt ist, so
wenig ist es ein Ende. Nach 25 Jahren gibt es kein Meister-Diplom. Wenn
es denn „gelungene“ Jahre sind, dann wäre das passende Diplom ein
Lehrlings-Diplom: „Er war - mit ‚Knubbelen’ - lernwillig und - in
Grenzen - auch lernfähig.“ Im Niederländischen gibt es für das deutsche
Wort „Jünger“ die schöne Übersetzung „Leerling“. Mehr ist aus mir nicht
geworden: ein „Lehrling“, - hoffentlich aber auch nicht weniger, - wenn
es gut gegangen ist, vielleicht sogar ein ganz passabler.
Es bleibt
nicht aus, dass man mir in 46 Kloster-, 40 Priester- und 25 Abtsjahren
manches nachgesagt hat. Demut gehört nicht dazu. Ich frage mich - ganz
im Ernst! -, ob ich wirklich nichts von dieser Zentraltugend des
monastischen Lebens gelernt habe. Der Abtsdienst ist eigentlich eine
hervorragende Schule gerade für die Demut. Die Erwartungen an den Abt
sind innerhalb und außerhalb des Klosters so hoch, dass er nur dahinter
zurückbleiben kann. Und mehr als einmal wissen einzelne oder auch alle
Mitbrüder ganz genau, was der Abt jetzt tun müsste, … und er tut es
nicht, … aus welchen Gründen auch immer.
Vor gut
einem Jahr sagte ich einmal in der Rekreation, vielleicht nicht ganz
ernst, aber wohl auch nicht so einfach daher: „Ich glaube, ich bin
demütig.“ Wie aus der Pistole geschossen kam die Replik: „Seit wann?“
Ich finde, es ist ein gutes Zeichen für die Kommunität und das Leben in
ihr, dass dieser Ballwechsel gespielt werden konnte. Der Mitbruder hat
den Punkt gemacht. Mir hat er die Aufgabe gestellt, den Ball aufzunehmen
und im Spiel zu bleiben.
070612
Abt Albert Altenähr OSB |