Nach 25 Jahren

Gut, das mit den 25 Jahren ist ein wenig übertrieben. Es sind - wo ich diesen Rückblick beginne - 23 Jahre her, dass ich zum Abt gewählt wurde, - und gut 23 ½ Jahre, dass die Abtei Kornelimünster konkret vor meinem inneren Auge auftauchte. Das Jubiläum des 100. Jahres der Rückkehr der Benediktiner nach Kornelimünster lässt mich die persönliche Jahresperspektive mutig aufrunden.

So sehr mir 1982 theoretisch bewusst war, dass der Schritt nach Kornelimünster ein Einschnitt sein würde, so sehr ist mir heute klar, dass es ein Schnitt gewesen ist. Bei allem, was ich in den 40 Jahren davor zu Hause und im Kloster Gerleve gelernt hatte und was mich bis heute prägt, musste ich mich in meiner neuen Aufgabe als Abt von Kornelimünster doch gewissermaßen neu „erfinden“ und mit mir auch mein Verständnis von benediktinischem Mönchtum und vom Kloster.

Ich war gerne Mönch in Gerleve gewesen und ich war stolz darauf, Mönch von Gerleve zu sein. Gerleve war und ist eine „gute Adresse“ im Benediktinerorden und in der deutschen Kirche. Die Herkunft „Gerleve“ schließt manche Türen auf. Meine Adresse war nun aber nicht mehr „Gerleve“. Kornelimünster war etwas anderes: eine andere Lage, - andere Gebäude, - eine andere Tradition, - eine andere Zahl der Mönche, - eine andere Altersstruktur, - eine andere Aufgabe. Es war sehr anders.

Wie ich mich auf das Neue eingestellt habe und welche Schritte und Etappen es da gegeben hat, kann ich im einzelnen gar nicht sagen. Ich bin keinem „Programm“ gefolgt und habe auch kein „Rezept“ entdeckt, das ich weitergeben könnte. Vielleicht könnte aber das Eine doch so etwas wie eine Grund-Gabe, - eine Mitgift sein: Nicht weglaufen, wenn es schwierig wird. Die Schwierigkeiten, die ich hier zu fliehen suche, haben sich schon längst dort, wohin ich fliehe, in Stellung gebracht. Der Wettlauf von Hase und Igel ist vom Hasen nicht zu gewinnen.

Wenn im Folgenden unter den jeweiligen Überschriften einige Punkte „nach 25 Jahren“ genannt werden, die mir bedeutsam erscheinen, so spiegeln sich darin „Ergebnisse“ des Weges. Zugleich sind sie aber immer auch Etappen und Schritte auf dem Weg. Es sind Nicht-Rezepte, die zur Rezeptur des Lebens in Kornelimünster gehören, wie es mich geprägt hat.

 

Leben aus der Quelle: suchen – wagen - glauben
Kornelimünster hat mir die Kinderfrage „Warum ...?“ neu gestellt und durch die Jahre hindurch bewusst gehalten. Warum bin ich einem Ruf gefolgt? Warum bin ich in ein Benediktinerkloster eingetreten? Warum feiere ich das Chorgebet? Warum tue ich mir an, Abt einer – dieser – Gemeinschaft zu sein? ... und: warum tue ich das heute nach 44 Klosterjahren und nach 23 Abtsjahren?

Die fast klassische Frage: „Warum tritt man in einen Orden ein?“ beantworte ich seit eh und je damit, dass „man“ überhaupt nicht in einen Orden eintritt, sondern immer nur „du“ und/oder „ich“. Die „Man-Frage“ führt in eine verkehrte Richtung. Sie ist nur neugierig und will sich selbst nicht in die Frage einbringen. In der Rückschau der vielen Jahre füge ich hinzu, dass meine damaligen Motive sicher sehr ehrenwert waren, dass sie aber nur einen Schrittanstoß bedeuteten. Heute lächle ich über manche meiner damaligen Motive. Die spannende Frage ist, warum bin ich heute noch im Orden? Hat sich das Damals so entwickelt, dass es heute trägt?

Als ich 1961 in das Kloster eintrat, war das – oder vielleicht besser: mein – allgemeines Weltbild relativ überschaubar, klar und gesichert. Das galt auch für die Perspektive „Kloster“, in die ich blickte. Das Kloster. in das ich eintrat, war im Umfeld des Bistums gut angenommen, - die Menschen kamen als Gottesdienstbesucher, Kursteilnehmer, Spaziergänger. Freunde und Bekannte zu Hause konnten sich bei aller Befremdung über meinen Klostereintritt eine Vorstellung machen, wo ich hingegangen war. Der Junge hat eine gute Wahl getroffen. Er ist gut untergebracht. Solche Akzeptanz von draußen gibt eine große Sicherheit.

Glatt und rund sind die Jahre in meinem Heimatkloster durchaus nicht gelaufen. Die Warum-Frage der Berufung konnte aber sehr wohl gelegentlich beiseite geschoben werden durch den „Erfolg“ im „Beruf Mönch von Gerleve“. Ein alter Mitbruder bekannte mir vor meinem Weggang nach Kornelimünster: „Ich sah in den letzten Jahren bei Ihnen kein weiteres Wachsen. Sie können durchaus sehr gut 20, 30 Jahre so weiterleben. Was Sie aber brauchen, ist eine neue Herausforderung.“

Die Herausforderung Kornelimünster stellte an mich persönlich die Frage, ob die Quelle, das Fundament stark genug war, mich die neue und so andere Situation bestehen zu lassen. Viele äußere Sicherheiten hatte ich zurückgelassen.

Das bis dahin gelegentlich leicht hingesagte „... und im übrigen gibt es ja noch Gott“ musste neu ausgetestet werden. Gott musste aus dem „im übrigen ...“ erlöst werden und in den Vordergrund rücken. In einer werktags leute-leeren Kirche das Chorgebet zu halten, das geht eigentlich wirklich nur „um Gottes willen.“ Es galt, mich selbst aus den Erfolgs-Kategorien, die sich allüberall anbieten, zu befreien und die Kernbotschaft des Mönchtums und des christlichen Glaubens in mir zu schärfen.

Als besonders hilfreich erwiesen sich die deutsch gebeteten Psalmen. Vertraute und fremde Bilder, - das Auf- und Nachspüren von Begriffen und Wendungen, - das Hinhorchen auf moderne „Psalmen-Gedichte“, - das „Bewegen“ (vgl. Lk 2,19) des Gelesenen, Ausgesprochenen und Gebeteten ... -, das alles ist mir in der Muttersprache leichter als in einer noch so gut beherrschten fremden Sprache.

Bedeutsam war mir dabei das Gemeinsame des benediktinischen Chorgebetes. Es ist ein „fließendes“ Gebet. Es fließt auch dort weiter, wo ich verharren möchte und konfrontiert mich auch mit Versen und Gedanken, die mir zunächst einmal – und vielleicht: überhaupt! – nicht schmecken. In diesem Gebetsfluss werden Gebetsworte und –gedanken ganz allmählich rund wie Flusskiesel. Schließlich liegen sie angenehm in der Hand. Und besonders schöne Gebets-Kiesel stecke ich in die Tasche, damit sie mich eine Zeitlang begleiten und ich mich an ihnen freue.

In diesem gemeinsamen Chorgebet erkenne ich dem Sprechen hohe Bedeutung zu. Es ist etwas anderes, still zu beten oder laut. Vor mir selbst und vor Gott Laut geben und ein Sich-heraus-Sprechen helfen Dinge zu klären. Und zugleich ist das Aus-Sprechen ein Ein-Sprechen. Gegen die banale Ausrede erhebt sich der Einspruch. Indem ich etwas ausspreche, rede ich es mir / in mich in gutem Sinne ein. Solches Ein-Reden ist wichtig. Es ist ein Er-Innern und schafft einen Schatz der Erinnerungen.

Aus dem Psalmengebet ist mir ein Klima - oder anders gesagt: ein Cantus firmus - zugewachsen, der mich „leben“ lässt. In diesem Klima kann ich mich entfalten und wo es einmal nicht so läuft, wie es schön wäre, weiß ich mich von ihm umgeben. Es gibt eine ganze Reihe von Highlight-Versen, die das gute Klima aufleuchten lassen, ich will mich aber hier auf einen beschränken. Er ist gleichsam eine Kurzformel meines erlebten Glaubens: „Die Erde mit allen, die auf ihr wohnen, mag wanken; doch ich selbst habe ihre Säulen auf festen Grund gestellt“ (Ps 75,4).

 

Spannungsbogen der Beziehungen: den Nächsten lieben
Die Botschaft von der Liebe, die die Mitte von allem Mühen ist, geht leicht über die Lippen und schallt aus allen Weltentwürfen. So viel Liebe ist nachgerade unheimlich. In der christlichen Tradition spielen Nächsten- und Feindesliebe eine überragende Rolle. Wir werden immer wieder darauf hingewiesen, - ja, festgenagelt, wenn wir einmal glauben, „hart“ agieren und reagieren zu müssen. Unser von der Liebesbotschaft geprägtes Sozialgewissen bereitet uns dann nicht selten ein „schlechtes Gewissen.“ Und dann gibt es ja noch den „lieben Gott“, der all die schrecklichen Bilder vom ewigen Feuer, dem Heulen und Zähneknirschen doch eigentlich nicht so gemeint haben kann.

Das Kloster, das als Lebenskonzept auf der Botschaft des Evangeliums fußt, muss die biblischen Worte von der Liebe ernst nehmen. Eher ungezielt seien einfach einige Sätze aus dem vierten Kapitel „Die Werkzeuge der geistlichen Kunst“ der Regel Benedikts zitiert: „Den Nächsten lieben wie sich selbst (V.2). Von der Liebe nicht lassen (V. 26). Die Feinde lieben (V. 31). In der Liebe Christi für die Feinde beten.  Nach einem Streit noch vor Sonnenuntergang zum Frieden zurückkehren (V. 72f). An solchen Sätzen kommt der Ordensmann nicht vorbei, mag er auch noch so allergisch gegen den inflationären Gebrauch des Wortes „Liebe“ sein, wie ich es oben andeutete.

Je globaler die Weltsicht ist, desto leichter scheint es zu sein, das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe zu bejahen. Die Nächsten, die tausende von Kilometern entfernt leben, kann ich eigentlich recht leicht lieben. Je enger der Kreis der zu liebenden Nächsten sich um mich zusammenzieht, desto sperriger wird das Gebot und seine Übersetzung in das alltägliche Leben.

Eine kleine Klostergemeinschaft wie die unsere buchstabiert das große Wort von der Liebe sehr ausgeprägt in die Möglichkeiten und Wirklichkeiten des Alltags aus.

Eine scheinbare Grenze, aber in Wirklichkeit eine große Chance für die Ehrlichkeit christlich gegründeter und verstandener Liebe ist es, dass wir nicht aus natürlicher Sympathie füreinander – geschweige denn zu jedem Einzelnen – zueinander gefunden haben. Wir sind nicht eine christliche Gemeinschaft, weil wir uns alle so „liab“ haben. Höflicher Respekt voreinander kann mehr an christlicher Liebe in sich tragen als kumpelhafte Nähe, geschweige denn zwanghaft zelebriertes zueinander Nettsein. Wenn mir jemand allzu lieb kommt, denke ich nicht selten, „... der kann mich mal liebhaben“.

In der kleinen Gemeinschaft kennen sich die einzelnen Mitglieder sehr genau. Und wie wohl überall im menschlichen Zusammensein ist auch hier der kritische Blick für die Grenzen des anderen schärfer als der freudige auf das Gelungene und der hoffnungsvolle auf die positiven Möglichkeiten. Der Mitbruder erscheint so oft eher als Schmergelpapier für das eigene Wohlbefinden denn als Verpackungswatte, die mich unbeschadet durch das Leben kommen lässt. In der kleinen Gemeinschaft ist es unmöglich, „unterzutauchen“ und unbehelligt durchs Leben zu kommen.

Ich musste lernen – und habe es immer noch nicht so „kapiert“, dass ich wirklich (geschweige denn immer) gelassen damit umgehen kann -, dass das Problem eigentlich gar nicht der Mitbruder ist, sondern ich selbst. Warum regt es mich auf, dass der andere diese Macke und jenen Fehler hat? Jeder meiner Mitbrüder hat Eigenarten, die mich auf die Palme bringen. Was sagt das über mich?

050615
(Ich habe den Text fast zwei Jahre ruhen lassen und begebe mich Ende April 2007 an seine Fortsetzung.)

Gott feiern: das Maß entdecken
Kornelimünster 1982 war ein Einschnitt in das Vertraute. Es stellte sich in der von meiner Heimatabtei so verschiedenen Situation in neuer Radikalität die Frage: „Warum feiere ich eigentlich Gottesdienst?“ und „Wie feiere ich denn nun Gott in der von außen gesehen so viel bescheideneren Situation von Kornelimünster?“

Zwei Antworten sind mir wichtig geworden. Sie haben mich dann durch die Jahre begleitet.
Ich feiere Gottesdienst um Gottes willen. Er ist die Zielrichtung, die im Perspektivenhorizont meines Gottesdiensttuns aufleuchten muss. Wenn er das Leuchtfeuer in aller gottesdienstlichen Praxis ist, dann kann eigentlich nichts schief gehen. Dann ist Gottesdienst befreit von der Versuchung, darin mich selbst verwirklichen zu wollen, - frei von der Versuchung, „den Leuten“ (wer ist das eigentlich?) gefallen zu wollen, - ja, sogar frei von der subtilen Versuchung, „auf Teufel komm heraus“ Verkündigung sein zu müssen. In solcher Freiheit wird Gottesdienst Verkündigung, - so kommt er bei „den Leuten“ an, - so werde ich im Gottesdienst mehr und mehr ich selbst.

Das andere ist: ich sage „Ja“ zu den Gegebenheiten, die da sind. In dieser positiven Grundeinstellung zu den Grenzen, die uns gesetzt sind, können wir frei werden für eine authentische Feier Gottes. Wir setzen uns nicht Maßstäbe irgendwelcher anderer Zeiten oder Gemeinschaften. Ein solches Vergleichen könnte nur dahin führen, dass wir vermeintlichen Idealen hinterher hecheln, die wir dann doch nicht erreichen. Unsere Erfahrung führte uns zu der Erkenntnis, dass in der Bescheidenheit mehr herauskommen kann, als wir selbst für möglich hielten.

Einige Grundzüge haben mich in all den Jahren begleitet, die mir für die Feier der Liturgie wichtig wurden.
Eine würdige Liturgie braucht „alle Zeit der Welt“. Damit meine ich nicht, dass „Längen“ das Maßband für die Liturgie sind. Aber Kürze ist es genauso wenig. Alle Zeit der Welt wird dann spürbar, wenn ich selbst im Hier und Jetzt da bin und in mir eine Ruhe wächst, die in den Vollzug hinüber wächst. Minuten-Zählerei fällt dann aus dem Blick. Dann kann Liturgie auch dauern, ohne dass sie als lang erfahren wird.

Liturgie will fließen. Sie fließt in den Bewegungen und in Melodien. Der Melodiefluss gregorianischer Gesänge und chorischer Psalmodie ist mir eine wesentliche Quelle der gerade genannten Ruhe geworden. In Kornelimünster ist mir dabei deutlich geworden, dass diese Wirkung gar nicht so sehr an die Sprache Latein gebunden ist. Auch deutsche chorische Psalmodie entfaltet diese Kraft der Ruhe. Die deutsche Psalmodie, die ich in Kornelimünster vorfand und gegen die ich mich in Gerleve vehement gesträubt hatte, ist mir sogar zu einem wichtigen neuen Schlüsselerlebnis für die Welt der Psalmen geworden. Auch dem guten Lateiner war vieles im Psalmengebet verschlossen geblieben, denn er dachte immer deutsch.

Liturgie ist Feier des menschenfreundlichen Gottes. Sie ist Geschenk seines Willens, uns zu begegnen. Das gilt für mich selbst und für die Mitfeiernden. Da er „mitten unter uns“ zweien, dreien, vielen ist, die wir miteinander feiern, kann ich nicht „für mich“ Gottesdienst feiern. Ich werde Gott antreffen, wenn ich den Zwischen-uns-Raum zu entdecken suche, der mich und den anderen verbindet. „Meine Messe“ gibt es nicht, - nur unsere. Und „unsere Gottesdienste“ sind immer die aller Feiernden, - die der Mönchsgemeinschaft und die der Gottesdienstbesucher. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir nicht „vor“ den Leuten, sondern mit ihnen Gottesdienst feiern sollen.

Ich habe es mehr und mehr als entlastend erlebt, ein Gottesdienstraster im Rhythmus der Gebetszeiten und in den Formen und Inhalten der Liturgie zu finden. Ich brauche nicht jeden Tag „das Rad“ der Liturgie neu zu erfinden. Als „Opus Dei - Tun Gottes“ ist sie mir eine Gabe geworden, der ich abzulauschen versuche, was Gott mir hier und jetzt zu sagen hat. Aus diesem Gedanken heraus ist die Überzeugung gewachsen, dass Beten in erster und noch einmal und noch einmal erster Linie Hören auf Gottes Wort an mich ist und wirklich erst nachgeordnet menschliches Sprechen. Ein Beter werde ich dann geworden sein, wenn ich ein Hörer des Wortes geworden bin.

Diese Haltungen in der „kleinen Liturgie“ unseres kleinen Klosters aufscheinen zu lassen, ist mir ein Anliegen, dem ich meine Kraft geschenkt habe und weiter schenken möchte. In diesen Haltungen fühle ich mich auf der Höhe des Benediktinischen.

Gastoffenheit: Fragen zulassen
Die Gastfreundschaft gilt als etwas, das wesentlich zu Benediktinerklöstern gehört. Sie wird schon in der Regel groß geschrieben und sie ist im Laufe der Zeiten in vielerlei Ausprägungen gepflegt worden. Gastfreundschaft war mir 1982 auch von Bischof Hemmerle als Perspektiv-„Nebel“ seiner Vorstellung vom geistlichen Profil des Klosters Kornelimünster in den Blick gezeichnet worden. Ein wenig konturierte sich die Vorstellung damals um den Begriff „Exerzitienhaus“ herum, - etwas, das die Diözesen und auch die meisten Klöster kannten und praktizierten.

Die Entwicklung hat sich dann ein wenig anders gestaltet. Die äußeren Gegebenheiten - personell und materiell - ließen die Idee „Exerzitienhaus“ nicht zur Reife und Frucht kommen. … und das war und ist gut so.

Unser Suchen mündete in die Konzeption, dass wir kein Gästehaus „haben“, sondern ein gastliches Haus werden und „sein“ wollten. In diesem Sinn sprechen wir von unserem Kloster als einem „Haus der Glaubensbegegnung“.

Die „kleine“ Lösung (20 Gastzimmer im Kloster) sehen wir für unsere kleine Gemeinschaft als Chance einer „nahen“ Verkündigung. Die unmittelbare Begegnung mit den Gästen erlaubt eine ganzheitliche Pastoral durch unser geschautes und erlebtes Leben als Mönche und Christen. Der Rückzug in eine distanzierte Verkündigung ist uns nicht möglich. Unsere Gäste sehen nicht nur unsere Stärken, sondern auch die Grenzen - sowohl der Gemeinschaft als auch der einzelnen. Das braucht nicht negativ verstanden zu werden. Es ist eine Chance gelebter und offen-sichtlicher Brüderlichkeit mit den Unvollkommenheiten und Gebrochenheiten, in denen sich wohl alle Menschen wieder finden.

Solche Öffentlichkeit lässt Fragen auf uns zukommen, ob wir denn „wirklich“ echte Mönche sind, oder doch nur „irgendwie“ und ganz schön angepasst an und infiziert durch die „Welt“. Ja, der (an-)greifbare Mönch ist angreifbar. Das aber wiederum will und muss ihn in die stets neue Reflexion über sein Mönchsein führen. Er wird dabei erkennen, dass er eigentlich immer nur ein „Mönch im Werden“ ist und nie ein fertiger Mönch. Der heilige Benedikt stellt diese Wachstumsaufgabe als innersten Kern klösterlicher Berufung heraus: dass er wirklich Gott sucht (RB 58,7).

Wenn ich es recht sehe, dann ist zumindest ein Großteil unserer Gäste nur unvollkommen im allgemeinen christlichen und katholischen Milieu zu Hause oder gar integriert. Nicht wenige sind nur noch Menschen am Rande der religiösen Institutionen. Es ist mir wichtig geworden, keine Grenzziehung vorzunehmen, ab welchem Grad des Christseins einer denn als Gast willkommen ist. Es reicht, dass er „etwas“ sucht, - und wenn er es auch noch so wenig konkretisieren kann. Ich weise den Gast durchaus darauf hin, dass er unserem „Etwas“ nur dann begegnet, wenn er sich auch - zumindest einmal - unserem Beten im Gottesdienst stellt. Wir wollen ihn aber nicht auf unsere Linie hin „missionieren“. Es ist uns wichtig, ihn zu motivieren und ihm zu helfen, einen nächsten Schritt in seinem Leben zu finden zu wagen. Mein Glaube in diesem Prozess der Gastbegleitung ist, dass ich dann zurücktreten und Gott die weitere Begleitung und schließliche Zielführung überlassen kann.

Das gibt mir Freiheit in der Seelsorge. Es ist die Freiheit des Sämanns, der Samen ausstreut. Dass der Same Wurzeln schlägt, wächst, reift, Frucht bringt, das kann er nicht machen. Ein gelegentliches Hinschauen und auch Düngen - ja, mehr aber auch nicht. Und mehr als einmal habe ich mich gewundert, was Wurzeln geschlagen hat und was herausgekommen ist.

Verkündigungsbewusstsein: Gott und mich selbst erzählen
Den noch jungen Pater sprach der Prior nach einer Predigt an: „Pater Albert, sie sagen in ihren Predigten zu oft ‚ich’. Sie sollen nicht sich predigen, sondern das Evangelium.“ Es war wohl die härteste Kritik, die ich bis dato und überhaupt zu meinen Predigten gehört habe. Einige Zeit später sprach ich meinerseits den Prior an: „Pater Prior, ich werde weiter in den Predigten ‚ich’ sagen. Was das Evangelium und die Kirche sagen, das wissen die Leute durchaus. Sie möchten aber wissen, wie sie damit und mit den Schwierigkeiten, die sich daraus in ihrem konkreten Leben ergeben, umgehen sollen. Vielleicht kann es ihnen helfen, zu sehen, wie ich damit umgehe.“

In Gerleve hatte ich jede meiner Predigten schriftlich ausgearbeitet. Ich galt als Hochamtsprediger für das Hochamtspublikum, nicht als Prediger für die Volksmessen. Ich wusste dabei meine Predigten auswendig, so dass ich zwar den Text vor mir liegen hatte, aber es genügte ein gelegentlicher Blick, um Sicherheit zu haben.

Die Situation in Kornelimünster war eine andere. Häufiger als zuvor musste ich predigen, - im Konventamt, den Gemeindemessen, anfangs jeden Sonntag in der „Spätmesse“ der Gemeinde sonntags um 11:00. Die Gerlever Schule der schriftlichen Predigtvorbereitung war da sehr gut, aber - schon aus rein zeitlichen Gründen - eine solche Vorbereitung war kaum noch möglich. Die spontane und frei gesprochene Predigt wurde mehr und mehr das Meinige.

Mein Umgang mit der Heiligen Schrift hat mir gerade in der Verkündigung als Abt mehr und mehr deutlich gemacht, sie als spannende Erzählungen von Gott zu verstehen. Die heilige Schrift hat mich gelehrt, meine Erfahrungen mit Gott in der Welt und bei den Menschen zu erzählen. Ich darf dabei nicht nur vorkommen, sondern ich muss in dieser Geschichte vorkommen, sonst kann ich nicht wirklich ein Erzählender sein. Ich selbst bin „Spielmann Gottes“ in den Geschichten vom Anfang der Schöpfung bis zum Ende des Maranatha. Gott spielt mich in diesen Geschichten und lädt mich ein, sein „Spielmann“ vor den Menschen zu sein. Die alten Römer hatten das treffende Wort „Tua res agitur - Es geht um dich“. Nur so geht Erzählen von Gott: indem es um mich geht.

Die eigene Beobachtung anderer, die Selbstreflexion und hier und da Bemerkungen mir gegenüber haben mich erkennen lassen, dass Inhalt der Erzählung und die Art und Weise des Erzählens nur zusammen stimmig sind. Wo beide auseinander fallen, stimmt es vorne und hinten nicht und der Zuhörer ist verstimmt. Ein Offizier, der im Verteidigungsministerium manchen Beamten und Politiker vor großen Reden trainiert hat, sagte mir einmal, dass jeder Zuhörer ganz unbewusst merkt, ob der Redner „echt“ ist. Wir mögen noch so viel zurückhalten wollen, wir verraten unendlich viel noch weit bevor wir das erste Mal den Mund aufmachen.

Sicher mutet meine Spielfreude - und das ist auch meine Freude am Wortspiel - meinen Zuhörern viel zu. Und dann gewiss noch einmal mehr und Weiteres, wenn mir eine Predigt zu einem Mini-Text gerinnt. Darin traue ich den Zuhörern einiges zu. Ich traue ihnen vor allem zu, mitspielen zu wollen und zu können. Ich traue ihnen zu, selbständig meine Impulse weiterzudenken. Ich traue ihnen zu, selbst Verantwortung für das zu übernehmen, was sie wollen, denken und tun. … und ich traue dem Heiligen Geist mehr zu als mir selbst. Er wird mich da korrigieren, wo ich nicht nur die gewohnten Pfade verlasse, sondern wo möglicherweise sogar die Richtung und das Ziel verloren gegangen sein sollten.

Bilanz: Lehrling bleiben
25 Jahre sind ein Abschnitt und so sehr das ein Einschnitt ist, so wenig ist es ein Ende. Nach 25 Jahren gibt es kein Meister-Diplom. Wenn es denn „gelungene“ Jahre sind, dann wäre das passende Diplom ein Lehrlings-Diplom: „Er war - mit ‚Knubbelen’ - lernwillig und - in Grenzen - auch lernfähig.“ Im Niederländischen gibt es für das deutsche Wort „Jünger“ die schöne Übersetzung „Leerling“. Mehr ist aus mir nicht geworden: ein „Lehrling“, - hoffentlich aber auch nicht weniger, - wenn es gut gegangen ist, vielleicht sogar ein ganz passabler.

Es bleibt nicht aus, dass man mir in 46 Kloster-, 40 Priester- und 25 Abtsjahren manches nachgesagt hat. Demut gehört nicht dazu. Ich frage mich - ganz im Ernst! -, ob ich wirklich nichts von dieser Zentraltugend des monastischen Lebens gelernt habe. Der Abtsdienst ist eigentlich eine hervorragende Schule gerade für die Demut. Die Erwartungen an den Abt sind innerhalb und außerhalb des Klosters so hoch, dass er nur dahinter zurückbleiben kann. Und mehr als einmal wissen einzelne oder auch alle Mitbrüder ganz genau, was der Abt jetzt tun müsste, … und er tut es nicht, … aus welchen Gründen auch immer.

Vor gut einem Jahr sagte ich einmal in der Rekreation, vielleicht nicht ganz ernst, aber wohl auch nicht so einfach daher: „Ich glaube, ich bin demütig.“ Wie aus der Pistole geschossen kam die Replik: „Seit wann?“ Ich finde, es ist ein gutes Zeichen für die Kommunität und das Leben in ihr, dass dieser Ballwechsel gespielt werden konnte. Der Mitbruder hat den Punkt gemacht. Mir hat er die Aufgabe gestellt, den Ball aufzunehmen und im Spiel zu bleiben.

070612
Abt Albert Altenähr OSB