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Paulus und Plautilla

Eine Legende zur Enthauptung des Paulus
auf dem Filarete-Portal von 1445 des Petersdoms in Rom

Das Hauptportal des Petersdoms ist von dem florentinischen Künstler Filarete gestaltet worden. Es huldigt beiden Apostelfürsten, also nicht nur dem hl. Petrus, sondern auch dem hl. Paulus. Von beiden wird in sehr detailreichen Szenen die Hinrichtung erzählt. Ein Detail im Bild der Hinrichtung des hl. Paulus lässt mich zunächst ratlos zurück.

Ich erkenne in der unteren Bildhälfte den kaiserlichen Richter, - den Apostel, der von Soldaten malträtiert wird, - die Berittenen auf dem Weg zum Hinrichtungsplatz, - und den Apostel, über den der Henker sein Schwert schwingt. Paulus kniet, - er hat die Hände gefaltet, - und seine Augen sind verbunden. In seinem Nacken ist bereits eine klaffende Hiebwunde zu erkennen.

Rom, St Peter, Filarete-Portal, Hinrichtung des Paulus 02 - hp.jpg (229547 Byte)   Rom, St Peter, Filarete-Portal, Hinrichtung des Paulus 03 - hp.jpg (252903 Byte)

So weit, so gut. Was aber ist mit den beiden Gestalten oben in der Mitte des Reliefs? Es scheint der hl. Paulus zu sein – die Physiognomie verrät ihn: hohe Stirn, langer Philosophenbart -, der aus einer Strahlenwolke / der Sonne (?) einer Frau ein Tuch herabreicht. Die Frau kniet und hält ihre Arme dem Tuch weit entgegen.

Die Legenda aurea aus dem 13. Jahrhundert weiß die Antwort auf meine Unkenntnis. Im Bericht über die Enthauptung des Apostels Paulus findet sich ein Abschnitt, der sich sehr weitgehend mit unserer Darstellung deckt:

Da er (Paulus) nun zu dem Ort der Pein geführt ward, begegnete ihm unter dem Tor von Ostia eine Frau, Plautilla mit Namen, die war Sanct Pauli Schülerin gewesen; … die empfahl sich jetzt mit Weinen in sein Gebet. Paulus sprach zu ihr "Geh in Frieden, Plautilla, Tochter des ewigen Heils. Aber leihe mir das Tuch, damit du dein Haupt hast bedeckt, daß ich meine Augen damit verbinde; du sollst es hernach wieder haben." Da sie es ihm gab, spotteten die Henker ihrer und sprachen "Warum gibst du diesem Betrüger und Zauberer das Tuch, das dir nimmer mag wieder werden?" Da nun Paulus an die Stätte seines Leidens kam, da kehrte er sich gen Sonnenaufgang, breitete seine Hände gen Himmel und betete lange mit Weinen in seiner Muttersprache, und sagte Gott Dank. Darnach nahm er von den Brüdern Abschied, band sich die Augen mit Plautillen Schleier, kniete mit beiden Knien auf die Erde und neigte sein Haupt dar: also ward er enthauptet. Da sprang das Haupt von seinem Leibe und rief mit klarer Stimme auf hebräisch "Jesus Christus", was er in seinem Leben so süß gesprochen und so oft hatte gesagt. Denn man spricht, dass er in seinen Briefen Christum oder Jesum oder beide an die fünfhundertmal habe genannt …

 

Aber da der Henker zuschlug und sein Haupt vom Rumpfe trennte, löste Paulus in dem Schlage das Tuch selbst, damit er seine Augen verbunden hatte, und sammelte sein eigen Blut hinein, band es zu, wickelte es zusammen und gab es der Frau wieder. …

Ich habe die Antwort auf meine Frage. Neugierde, die nicht einfach zur „Tagesordnung“ weitergehen wollte, ließ mich der Spur folgen und führte zum Ziel.

Albert Altenähr
090603

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