Hilde Domin
Nur
eine Rose als Stütze
Ich
richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.
Ich
kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
der sanftgescheitelten Schafe die
im Mondlicht
wie schimmernde Wolken
über die feste Erde ziehen.
Ich
schließe die Augen und hülle mich ein
in das Vlies der verläßlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.
Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.

Eine 1959 veröffentlichte
Gedichtsammlung von Hilde Domin ist unter dem Titel erschienen: „Nur
eine Rose als Stütze“. Das erste Gedicht der Sammlung trägt dieselbe
Überschrift. Das Wort ist der Schlussvers des Gedichtes. Als Zielzeile
des Gedichtes hat der Vers Gewicht. Durch seine Verwendung als
Überschrift des Gedichtes und dann noch einmal als Titel einer
Gedichtsammlung wird dieses Gewicht gesteigert. Die dreifache
Wiederholung klingt an mein Ohr als eine Einladung, dem Wort näher
nachzuspüren, um es – wo möglich – für mich, den Leser, fruchtbar werden
zu lassen.
Eindringlich beginnt jede Strophe
mit dem Personalpronomen „ich“, - in der vierten Strophe mit einem voran
gestellten „aber“. Zwei weitere Male taucht das „ich“ in den Strophen
drei und vier auf. Hinzu kommen einige Variationen „mein“ oder auch
„mir“. Es ist eine sehr persönliche Aussage, - sicher in der
Distanziertheit der Publizierung des Textes -, aber eben doch ein Blick
in das Innere der Dichterin. Diese so persönliche Färbung des Gedichtes
lässt mich als Leser zögern, mich allzu bereitwillig auf seinen Inhalt
einzulassen. Gleichzeitig ist es aber wiederum Einladung, es doch zu tun
und hinter die eigenen Forschheiten und Alltagsgewissheiten zu blicken.
Hilde Domin spricht zwar nicht von
einem „Luftschloss“, aber so etwas ganz anderes ist ihr „Zimmer in der
Luft“ auch nicht. In der ersten und in der letzten Strophe sind es dann
vor allem Bilder aus der Welt der Vögel, die den Eindruck bestimmen: das
Nest auf der Baumwipfelspitze und die Vogelfedern. In den beiden
mittleren Strophen werden von Assoziationen geprägt, die sich mit
Schafen verbinden: (Schäfchen-)Wolken, Wolle, Vlies, Hufe, Pferch. Die
verschiedenen Bildelemente sind verwoben in das Gespinst eines
Wachtraumes, der bar aller Bodenhaftung ist. Der Boden unter den Füßen,
die „feste Erde“ liegt weit unter dem Wolkenkuckucksheim, das der Traum
träumt.
Nach genau diesem festen Grund
streckt das Gedicht aber seine Fühler aus. Die Dichterin sucht „Verlass
/ Verlässlichkeit“. Die Dichterin „kauft“, - sie „will“ etwas, - sie
will etwas "spüren“. Sie verlangt nach der gewissermaßen harten
Wirklichkeit des Sandes unter den Hufen der Schafe und dem kühlen
Klicken des Gatterschlosses am Schafpferch. Dieses Fühlen des Sandes und
das Hören des Gatterschlosses wären so etwas wie Bausteine der Realität
für das Traumschloss. Die Hand der Dichterin greift aus nach einem
griffigen Halt ...
... und findet nur eine Rose als
Stütze. Es ist etwas ganz anderes als das, worüber und worauf hin der
Gedichttraum hinzuzielen verspricht. Insofern ist das „nur“ ein „nur“
voller Frustration. Die Rose ist nichts von dem, was der Traum träumte.
Auf der anderen Seite ist gerade die Rose in unserer Vorstellungswelt
eine so besondere Blume, dass ihr unerwartetes Auftauchen in diesem
Gedicht eine ganz neue Perspektive von Verheißungen eröffnet. Hilde Domin schließt ihr Gedicht mit dem Bild der Rose. Sie schließt die Tür
zu einem ganz neuen Gedicht auf, das der Leser selbst entfalten kann und
muss. ... und vielleicht schließt der Vers sogar mehr auf als ein neues
Gedicht: einen neuen Schritt ins Leben ...?!
Das könnte gelingen - ermutigt durch
Worte eines anderen Gedichtes von Hilde Domin oder mit dem Geleitmotto
ihrer Gedichtsammlung „Nur eine Rose als Stütze“:
Das
Gefieder der Sprache streicheln
Worte sind Vögel.
Mit ihnen
davonfliegen
Ich
setzte den Fuß in die Luft.
und sie trug.
Abt Albert Altenähr OSB
030818

DIE ROSE
Rainer Maria Rilke ging in der Zeit
seines Pariser Aufenthaltes regelmäßig über einen Platz, an dem eine
Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne je aufzublicken, ohne ein
Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern, saß die Frau hier am
gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine französische Begleiterin warf
ihr häufig ein Geldstück hin. Eines Tages fragte die Französin
verwundert, warum er nichts gebe. Rilke antwortete: »Wir müssten ihrem
Herzen schenken, nicht ihrer Hand.« Wenige Tage später brachte Rilke
eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene,
abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah das
Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam
von der Erde, tastete nach des Hand des fremden Mannes, küsste sie und
ging mit der Rose davon. Eine Woche lang war die Alte verschwunden; der
Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Nach acht Tagen
saß sie plötzlich wieder wie früher an der gewohnten Stelle. Sie war
stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die
ausgestreckte Hand. »Aber wovon hat sie denn in all den Tagen gelebt?'«
fragte die Französin. Rilke antwortete: »Von der Rose ... « |