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Eine Schule der Freiheit 

Regel Benedikts, Prolog 45-49
·
  Wir wollen also eine Schule für den Dienst des Herrn einrichten. 
·
  Bei dieser Gründung hoffen wir, nichts Hartes und nichts Schweres festzulegen. 
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  Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, 
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  dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng. 
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  Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes.

Tagesgebet am Aschermittwoch
Getreuer Gott, im Vertrauen auf dich beginnen wir
die vierzig Tage der Umkehr und Buße.
Gib uns die Kraft zu christlicher Zucht,
damit wir dem Bösen absagen
und mit Entschiedenheit das Gute tun.
Darum bitten wir durch Jesus Christus ...

 

Morgens gegen 05:00 Uhr den Wecker läuten hören und um 05:30 Uhr zum Gebet parat stehen, - und das jeden Morgen, werktags wie sonntags, jahraus jahrein, - das stilisiert sich für manch einen Außenstehenden zum Symbol für die Einengung durch Klostergelübde schlechthin, oder – noch stärker formuliert – für die Versklavung menschlicher Freiheit im Kloster.

Beim weiteren Lesen der Ordensregel und im Gespräch über das Leben im Orden scheint sich dieses Urteil nur zu bestätigen. Was ist da nicht alles geordnet und geregelt! Zucht und Ordnung, wie sie einem da begegnen, können doch eigentlich nur Leben und Freude verdorren lassen!

Dieser nahezu gespenstischen Sicht des Ordenslebens steht eine nicht zu übersehende Faszination gegenüber, die gerade heute nicht wenige Menschen zu Gastaufenthalten in die geheimnisvolle Welt der Klöster führt. Das geht soweit, dass sich Auszeiten im Kloster zu einem Modetrend entwickelt haben, für die Lifestyle-Magazine werben und für die sich die Tourismuswirtschaft als neue Reise-Nische interessiert.

~ + ~

Seit der Arbeit an meiner Doktorats-Dissertation vor 30 Jahren ist mir Dietrich Bonhoeffers Gedicht Stationen auf dem Weg zur Freiheit“ bekannt1. Es begleitet mich immer wieder in Diskussionen über das so unmöglich enge und reglementierte Klosterleben. In diesen Gesprächen ist es vor allem die erste Strophe des Gedichtes / die erste Station auf dem Weg zur Freiheit, die mir wichtig ist. Bonhoeffer überschreibt sie „Zucht“. Der hoch – ja, bis zur Volkstümlichkeit – geachtete evangelische Theologe, Glaubens- und Freiheitszeuge ist mir ein ferner stiller und zugleich lauter Zeuge, wie fruchtbar Zucht sein kann und ist.

Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem
Zucht der Sinne und deiner Seele, daß die Begierden
und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen.
Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen
und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist.
Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.

Ob Bonhoeffers Aussagen 1944 „geschmeckt“ haben, sei dahingestellt. Heute klingen sie absolut unmodern. Zucht, Keuschheit, Gehorsam sind nicht Worte und Werte, die hoch im modischen Kurs stehen. Die Kantigkeit dieser Worte wird ungebührlich geglättet, wenn man die Verse als Mahnung deutet, sich zu bescheiden.2 Nachgerade komisch wirkt es, wenn in einer Sendung des Deutschlandfunks zum 100. Geburtstag Bonhoeffers zu unserer Strophe formuliert wurde: „Bonhoeffer hatte sich zum Ziel gesetzt, züchtig zu leben …“3. Das klingt mehr nach „frommer Helene“ als nach einem Mann hoher Reflexion und engagierter Verantwortung im Dritten Reich.

Der Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber hat im Januar in einer Vorlesung den Geschwistern Scholl („Weiße Rose“) Dietrich Bonhoeffer zur Seite gestellt und dabei stark auf das Gedicht „Stationen …“ zurückgegriffen.4 Für Wolfgang Huber ist in diesem Gedicht zunächst als Grundgedanke wichtig, dass Bonhoeffer die Freiheit nicht einfach als etwas hinstellt, das man „hat“, sondern das gelernt werden muss und gelernt werden kann. Das Gedicht „Stationen auf dem Weg zur Freiheit“ beschreibt in diesem Sinn einen Lernweg.

Bischof Huber fasst die Zentralbegriffe der ersten Strophe in den moderner klingenden Begriff der Selbstdisziplin zusammen. Im besten Fall wird sie – und ihre „Töchter“ – als  Sekundärtugend betrachtet  (… und „Sekundärtugend“ ist seit 1982 eher ein negativ besetzter Begriff)5 Wolfgang Huber hebt als neu bedenkenswert hervor, dass der Gebrauch von Freiheit überhaupt Tugenden voraussetzt.

Bischofs Huber Gedanken sind im Wortlaut lesenswert:

„Bonhoeffers Gedicht ist ebenso befremdlich wie bemerkenswert. Denn ebenso befremdlich wie die Verbindung von Freiheit und Ehre, auf die wir schon zu sprechen kamen, ist die Verbindung von Freiheit und Zucht. Selbstdisziplin würden wir heute eher dazu sagen. Aber im Verhältnis zur Freiheit würden wir in solcher Selbstdisziplin doch im günstigsten Fall eine Sekundärtugend sehen. Dass aber der Gebrauch der Freiheit überhaupt Tugenden voraussetzt, dass er an die Übung der Selbstdisziplin gebunden ist, dass Selbstbeherrschung die Freiheit nicht einschränkt, sondern ihren Gebrauch möglich macht, das alles klingt zunächst altmodisch und überholt. Es fällt uns schwer einzusehen, dass große Vorbilder des Widerstands um der Freiheit willen sich an derart altmodische Vorstellungen gehalten haben.

Aber vielleicht steckt in dieser Verknüpfung von Freiheit und Zucht, von Freiheit und Selbstbeherrschung sogar eine Wahrheit, die es neu zu entdecken gilt. Wenn Freiheit nicht nur die Lizenz zum Lebensgenuss erteilen, sondern eine auf Dauer verlässliche Lebensform darstellen soll, dann schließt diese Lebensform auch die Bereitschaft zum Verzicht ein. Wer seine Freiheitsmöglichkeiten in einer bestimmten Weise gebrauchen will, kann das nur, wenn er auf andere Möglichkeiten, diese Freiheit auszuleben, verzichtet. Das steht hinter Bonhoeffers auf uns vor allem wegen ihrer Ausschließlichkeit zunächst so fremd wirkenden Worten: Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.

+

 

Ich habe Bonhoeffers Gedichtstrophe auf den Hintergrund meiner klösterlichen Lebenswelt projiziert – und umgekehrt. Ich kann es sogar noch enger eingrenzen: Da gibt es auch immer wieder Differenzen zwischen dem Abt und seinen Mönchen darüber, ob man dieses oder jenes denn wirklich so „eng“ sehen müsse, wie es der Abt anmahnt. Ich kann es aber auch ausweiten – weit über die Grenzen des klösterlichen Lebens hinaus … ins so oft zitierte „richtige Leben“. Die Frage stellt sich nicht für den einen wohl, - für den anderen nicht. Irgendwo und –wann und –wie, … ob ganz für sich allein oder aus dem Zusammenleben mit anderen, wird jeder vor der Frage „Zucht und Freiheit“ stehen. Es ist eine Gretchenfrage des Lebens: Wie hältst du es mit der Zucht? Was nennst du Freiheit?

Abt Albert Altenähr OSB

060221

Bild: Benedikt von Nursia, Gründungskelch der Abtei von 1906

 

 


1A. Altenähr, Dietrich Bonhoeffer - Lehrer des Gebets. Grundlagen für eine Theologie des Gebets bei Dietrich Bonhoeffer, Würzburg 1976, 284 Seiten. Vgl. dort das Kapitel „Die Zucht als Geleiterin in das Gebet“: 260-267. -

ders.: Dietrich Bonhoeffers Gedicht "Stationen auf dem Wege zur Freiheit" als Theologie und Zeugnis, in: Studia Moralia XV (Festschrift Bernhard Häring), Rom 1977, 283-309

2Oskar Lafontaine: "Helmut Schmidt spricht weiter von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben." (Interview, Stern, 15. Juli 1982).

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