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Die alte
Taufkerze
Es ist wohl mehr als 50
Jahre her, dass ich zu Hause hinten in einem Schrank zwei alte Kerzen
entdeckte. Sie waren recht lang und für ihre Länge eigentlich etwas zu
dünn. Außerdem waren sie in sich leicht verbogen, weil sie wohl längere
Zeit nicht wirklich eben gelegen hatten. Und dann waren sie auch damals
schon altersgrau und schmutzgesprenkelt.
Heute liegt eine der beiden
Kerzen bei meinen Erinnerungs-Heiligtümern, - bei der kleinen Zinnkanne,
in der mein Großvater vor 80 / 90 Jahren seinen Pausenkaffee in die nahe
Volksschule gebracht erhielt, - bei dem versilberten Essbesteck, das ich
zur Erstkommunion erhielt und das mir meine Mutter bis zuletzt bei jedem
Besuch zu Hause an das Geschirr legte, - und bei manchen anderen mir
wertvollen Dingen. Da also liegt die Kerze heute. Und ganz gelegentlich
zünde ich die Kerze an.
Ein Papierzettelchen am Fuß
der Kerze verriet „Taufkerze Wilhelm“ - m e i n e Taufkerze,
- heute also schon
fast 65 Jahre alt! Als meine Mutter das Elternhaus aufgab und in eine
Eigentumswohnung umzog, habe ich die Kerze an mich genommen, ihr
zunächst meinerseits einen geschützten verborgenen Winkel in einem
Schrank gegönnt, von wo sie schließlich in meine „Heiligtumsecke“
auferstanden ist.
Irgendwie kann diese Kerze
durchaus ein Symbol meines Lebens- und Glaubensweges sein. Sie war mal
„kerzengerade“. Sie war mal „unschuldsweiß“. Heute ist sie weder das
eine noch das andere. Wäre sie nicht schöner, wenn sie ihre
Anfangsschönheit bewahrt hätte? Vielleicht. Heute spiegelt sie mir ihre
Geschichte von 65 Jahren. Sie spiegelt mir meine eigene
65-Jahr-Geschichte. Die Kerze erzählt von Evakuierung und Heimkehr, von
diesem und jenem kleinen Umzug, sie erzählt von versteckten Ecken, von
Unbeachtetsein, von Schludrigkeiten und Verbiegungen. Sie erzählt von
sich selbst - und eben auch von mir. Da ist nicht alles linealgerade
gelaufen und das weiße Taufkleid von 1942 hat hier und da seinen Flecken
bekommen und manchmal war es auch mehr als ein kleiner Spritzer.
Ich habe die Kerze in
diesen Tagen wieder einmal angezündet und mich darüber gefreut, dass das
„alte Tauffeuer“ immer noch in ihr geborgen ist und aus ihr leuchten
kann. Kinder wollten bei der Kerzenweihe an Mariä Lichtmess ihre
selbstgestalteten Kommunionkerzen gesegnet haben. Meine Taufkerze habe
ich an der Osterkerze entzündet und den Kindern dann von meiner Kerze
das Licht an ihre Kerze weitergereicht.
Wohl eher die anwesenden
Erwachsenen anredend, habe ich den kleinen Ritus gedeutet. Wie wichtig
ist es, das „alte Tauffeuer“ ins Leben zurückzurufen und an andere
weiterzugeben. Und selbst eine krumme, angegraute und schmutzgefleckte
Kerze kann Licht und Feuer sprühen. Oft ist viel mehr an Feuerglaube in
uns drin; als das eigene Spiegelbild ermüdeten Christseins uns weismachen
will.
Die alte Kerze macht Mut.
Sie hat auch nach den langen Jahren der Verborgenheit und ihrer manchmal
nicht ganz "sauberen" Geschichte das Geheimnis des
Feuers lebendig in sich.
Abt Albert
Altenähr OSB
070203
Fotos: Taufkerze 1942
fr.a. 070203
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