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Was bleibt!
Die Melodie eines
Grabsteins
Wenn ich heute - mehr als
45 Jahre nach meinem Wegzug - in meine Geburtsstadt fahre, dann sind
meine Verweilpunkte dort die Friedhöfe. Gewiss, ich gehe gerne durch die
Altstadt, besuche meine alte Pfarrkirche, mache ein Weg an der Ems
entlang und sicher noch das eine oder andere. Doch echte Verweilpunkte
sind die Friedhöfe und da besonders das Grab meiner Großeltern und
jenes, wo meine Mutter, mein Bruder, zwei Tanten und eine Cousine
beigesetzt sind. Das sind die Orte, an denen mir das Zuhause lebendig
ist und wird.
Auf dem großen Friedhof
besuche ich fast regelmäßig auch die Priestergräber um das zentrale
Friedhofskreuz herum. Mit den meisten dieser Priester verbinde ich eine
persönliche Erinnerung oder etwas, was ich von meiner Mutter oder einer
Tante erfahren habe.
Ich stehe vor dem Grab des
Pfarrers, der in den 20-Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Friedhof
eingerichtet hat. Er verkehrte regelmäßig bei meinen Großeltern, denn
mein Großvater und er kamen aus demselben Ort im Münsterland. - Da liegt
der Religionslehrer an meinem Gymnasium, der mir erzählte, dass er als
Kaplan meinen in Stalingrad vermissten Vater in Hagen gekannt hat. Ich
begegne noch einmal jenem Schul-Professor, der mir als Quintaner den
Ministrantendienst vergrault hat, weil ich das lateinische Confiteor
nicht übersetzen konnte. Das war damals das beschämt-trotzige Ende
meiner „kirchlichen Karriere“. - Der Grabstein des Pfarrers meiner
Kindheit und frühen Jugend: bei der Beerdigung des Pfarrers in der
zweiten Hälfte der 50-Jahre schwänzten ich und zwei, drei Mitschüler
angekündigt und mit schmunzelnder Missbilligung des Klassenlehrers den
Gymnasialunterricht. Es war - so meine Erinnerung - die letzte „große“
Beerdigung in der Stadt: offener Leichenwagen mit schwarz verhangenen
Pferden davor und Prozession quer durch die Stadt zum Friedhof am
Stadtrand. - Mein letzter Religionslehrer auf dem Gymnasium, dessen
Aufforderung, Bibelstellen oder sonstige Buchseiten „Flott, flott!“
aufzuschlagen in meinem Gedächtnis immer wieder Auferstehung feiert. …
Und dann ist da schließlich
das Grab jenes Kaplans, der uns neben dem Volksschullehrer 1951 auf die
Erstkommunion vorbereitete. Er war „alt“, sogar sehr alt, empfand der
9-Jährige damals. Er war streng, so ist meine Erinnerung. Er war etwas
arg bäuerlich, meinte das Stadtkind (vielleicht, weil es die Großen in
seinem Umfeld so sahen). Kurz: es gab jede Menge andere Geistliche, die
mir damals zugänglicher erschienen und die ich lieber im Unterricht
gesehen hätte.

Zwei Jahre später, 1953,
wurde von der Mutterpfarrei ein Bezirk abgepfarrt und der
Erstkommunion-Kaplan wurde erster Pastor der neuen Pfarrei. Rein
sachlich darf man sagen, dass er die neue Gemeinde auf- und ausgebaut
hat. Es war ein altes, ländlich-geprägtes Wohngebiet am Stadtrand, in
dem nach und nach neue Wohngebiete erschlossen wurden. Das Kind verband
mit dieser Gegend am Stadtrand vor allem zwei Ödland-Tümpel: das große
und das kleine „Unland“. Hier war Un-Land, mit dem man nichts anfangen
konnte, - ein Hauch von Unheimlichkeit verband sich damit.
Heute erscheint das
Pfarrgebiet als homogener, solide gewachsener Stadtbezirk. Und Mitte war
und ist die neue Pfarrkirche, - und Mitte war durch lange Jahre hindurch
ihr erster Pfarrer. Offensichtlich war er genau der richtige Mann zur
richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich hörte immer nur Gutes von diesem
Pfarrer, manchmal staunend anerkennend, manchmal schmunzelnd. Selbst
begegnet bin ich ihm nur noch bei ganz wenigen Gelegenheiten, aus denen
keine Erinnerungen haften geblieben sind. Die frühe Kindheitserinnerung
ist inzwischen verblasst. Sie hat sich gewandelt zur Erinnerung einer
verschmolzenen Einheit: Dieser Pfarrer ist diese Gemeinde / diese
Gemeinde, das ist dieser Pfarrer. Meiner Mutter war er voll Anerkennung
schließlich der Telefonanruf wert: „Weißt du, wer gestorben ist?“
Natürlich wusste ich es nicht …
Ich gehe von Priestergrab
zu Priestergrab. Ich lese Geburts-, Weihe- und Todesjahre. Ich finde
Amtstitel und Berufsangaben, - hier und da ein Wort aus der Heiligen
Schrift.
Bei diesem Pastor finde ich
einen Nachruf, der den Grabstein aus allen anderen heraushebt: „He was en gudden Hirt“.
Das ist nun wirklich kein „offizieller“ Text, wie "man" und auch ich ihn
auf einem Priestergrabstein erwartet. Das ist sehr persönlich. Es ist
nicht Hoch-Deutsch, - es ist menschlich geerdet und gerade dadurch
hoch-aussagekräftig.
Der Gang an
den Gräbern vorbei bleibt nicht einfach erinnerungsträchtig und
pietätvoll. Der Priester, Ordensmann und Obere, der vor diesem Grab steht,
empfindet Sehnsucht: Wenn man das einmal so von dir sagen könnte -, wenn
das die Erinnerung sein würde, die man von dir behält -, "He was en
gudden Hirt" - … das wäre es!
Abt Albert
Altenähr OSB
070522 |