Verschiedenes aus der Abtei

Schmetterling Blüte

Anpassungen in der Feier des Konventamts

Missbrauchsvorwürfe

Das Erdbeben in Haiti 2010

Die Krippe der Abtei

San Benedetto in Piscinula

Paulus und Plautilla

Krokus Frühlingsfreude

Mit Gott im Heute

Nach 25 Jahren

Was bleibt!

Abkehr von der Liturgiereform?

Der Grenzstein am Beirbvm

Die alte Taufkerze

David - die Geburt eines Königs

Wider die Logorrhoe

Das Leben ist ein Diamant

Nur eine Rose als Stütze

Ein Haus aus Licht

Jugendtreffen 2006

Eine Stadt braucht Klöster

Leben in einer neuen Zeit

Eine Schule der Freiheit

Hl. Benedikt - Gründungskelch von 1906

Carnevale veneziano 

Befreite Zeit

Die Fenster in der Kirche

Nehmt keinen Geldbeutel mit

Pilgerherberge Kloster

Das Mauerblümchen
Weihnachtsgeschichte

Gretchenfrage

Glocken d. Abteikirche

Der Rabenschrank

Das kleine Lob

Gib mir wo ich stehe

Nacht der offenen Kirchen 2001 

Termine

Kurznachrichten

FAQs 
Häufig gestellte Fragen

Oblaten

Festtage

Presseberichte

Baumaßnahme

Klöster

Abtswahl

 

„Gib mir, wo ich stehe ...“ (Archimedes)
- Von der Bedeutung des Standpunktes -

Ansprache beim Neujahrsempfang der RITTEL GmbH, Institut für Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit, Aachen, Warmweiherstr. 38
11. Januar 2002

Das Wort des alt-griechischen Mathematikers und Mechanikers Archimedes (aus Syrakus, 285-212 v.Chr.) „Gib mir (einen Standpunkt außerhalb der Welt), wo ich stehen kann, und ich werde die Welt bewegen“ ist die erste Formulierung des Hebelgesetzes der Physik. Unter dem Stichwort „Archimedischer Punkt“ ist der Satz in den Lexika aufzufinden. Der Satz ist die theoretische Erkenntnis und die Erfahrung des Erfinders und Praktikers, dass festen Stand (und ein Widerlager) braucht, wer etwas bewegen will.

Mir ist das Wort bei dem Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer begegnet. Bereits in seiner Antrittsvorlesung 1934 taucht es auf, und in seinen Haftbriefen 1943/44 wird es noch zweimal erwähnt. Bei Bonhoeffer ist es ein philosophisch-erkenntnistheoretisch, theologisch-spirituell, politisch und kirchenpolitisch gefärbter Begriff. Der Standpunkt ermöglichte ihm, Position zu beziehen, Entscheidungen für seinen Weg zu treffen, und dann diesen Weg zu gehen. Er gab ihm die Kraft zum Widerstand und den Mut zur Ergebung.

Das Wort des Archimedes ist als Bitte an ein unbenanntes Gegenüber formuliert. Ich möchte es umformulieren als Aussage, und zwar als Aussage über mich selbst: Wenn ich einen Standpunkt habe, dann bin ich stark, - dann habe ich Profil, - dann hört man auf mich, - dann kann ich den Hebel ansetzen, - dann kann ich etwas bewegen. Indem ich das Wort als Aussage formuliere, stellt es sich zugleich als Frage: Habe ich einen Standpunkt? Wo stehe ich? Was sind meine Fundamente, meine grundlegenden Überzeugungen?

Die Grundlagenfrage ist leichter zu stellen als zu beantworten. Sie reicht weiter und tiefer als das, was Schulen und Universitäten lehren können. Wie ich sie hier verstehe, greift sie auch tiefer als die wissenschaftliche Grundlagenforschung, - oder besser gesagt: sie fragt in eine andere Richtung als die wissenschaftliche Grundlagenforschung. Sie stellt dem Menschen die Frage nach ihm selbst. Als solche ist sie keine wissenschaftliche, sondern eine meta-wissenschaftliche Frage. Sie ist nicht  eine theoretisch-allgemeine, sondern eine unmittelbar-persönliche Frage. Ihre Antwort kann mir nicht von woanders gegeben oder gar andemonstriert werden, sondern ich selbst muss sie suchen, finden und auf ihre Tragfähigkeit wagen.

Sich die Frage nach dem eigenen Ich und seinem Standort zu stellen, ist heute nicht mehr damit abzuwiegeln, dass man sie dem missionarischen Selbstbehauptungswillen von Religionsgruppierungen, Pschyoanalytikern oder Psychotherapeuten zuordnet. So sehr diese Gruppen sich seit alters dem Fragen nach dem Ich stellen, so wenig ist das als ihre „geschäftserhaltende Masche“ zu karikieren. Größere und Großunternehmen der Wirtschaft werden sich bewusst, dass es nicht ausreicht, Verantwortungs-positionen mit fachlichen Könnern und Machern zu besetzen, sondern dass eine menschlich-ganzheitliche Stabilität, eine Standsicherheit, der Nährboden für fruchtbares sachlich-fachliches Management ist. Dass „Stabilität“ sich von lateinisch stare = stehen herleitet und engstens verwandt ist mit stabulum = Standort – oder um es mit einem deutschen Lehnwort zu benennen: = Stall – sei nur am Rande in Erinnerung gerufen. Aus welchem „Stall“ jemand kommt und welchen „Stallgeruch“ er mitbringt, ist wichtig für die Entscheidung, ob er zur jeweiligen Unternehmenskultur passt, - ob man ihm trauen kann, - ob man ihm eine größere oder große Aufgabe anvertrauen kann.

Es ist weiters eine Tatsache, dass größere und Großunternehmen mehr und mehr das angesammelte Erfahrungspotential der Religionsgemeinschaften in puncto Menschenkenntnis und -führung erkennen und besonders für die höheren Etagen ihres Managements fruchtbar zu machen versuchen. Zumal in den kirchlichen „Sub-Unternehmen“ der Orden mit ihren mehreren oder gar vielen Jahrhunderten Führungserfahrung wird eine Quelle für die Ich-Stärkung vermutet.

Die Bedeutung von Angeboten zur inneren Standortklärung und zum Finden von Standsicherheit sollte allerdings nicht als Luxusprivileg von Unternehmensführungen betrachtet werden. Verantwortungs-bewusstes Betriebsmanagement erkennt, dass die effizientesten Sparmaßnahmen die gut gestreuten Investitionen in die Menschen sind, die das „Leben“ des Unternehmens sind. Wer weiß, wer er ist ..., wer sich seiner selbst sicher ist, der ist motiviert, - der ist für psychosomatische Störungen weniger anfällig, - der benötigt kein Mobbing, um sich auf Kosten anderer zu behaupten, - der setzt Initiativen frei, die festgefahrene Abläufe innovativ aufbrechen. Sie sparen und gewinnen ein Vermögen (... und schonen Ihre eigenen Nerven und die Ihrer Mitarbeiter!), wenn Sie Zeit und Geld, Willen und Kraft in Ihr eigenes Menschsein und das Ihrer Mitmenschen investieren. 

Die Standpunkt- und damit die Ich-Findung ist ein schwieriges Unterfangen, vor dem der Mensch durchaus immer wieder flieht. Es kann beim Blick auf sich selbst dahin kommen, dass – um das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern in Erinnerung zu rufen – der Kaiser entdeckt, dass er nackt ist.

Eine mir jüngst widerfahrene Begegnung ließ mich einen Menschen treffen, der sich als Mit-Dreißiger mit einer schon 12jährigen partnerschaftlichen Freundschaft der endgültigen Bindung verweigerte, weil man als Mensch doch weder sich selbst noch den anderen total kenne. Nur die Summe alles Möglichen erlaube eine Entscheidung für das Ganze. Dass die Summe der Einzelheiten noch lange nicht ein Ganzes ergibt, wurde von meinem Gegenüber nicht erkannt. Etwas „fix“ zu machen, festzuzurren begrenzt die Unendlichkeit der Möglichkeiten, gibt aber Klarheit und Kraft für die Wirklichkeit.

Die beängstigenden Erfahrungen beim Weg zum Grundort des Ich hat der Religionspädagoge Hubertus Halbfas erzählerisch treffend in die Bildwelt der Märchen hinein formuliert:

"Da ging eines Tages der Knabe zu seinen Brüdern. Er sagte zu ihnen: 'Gebt acht! Ich will, daß wir zusammen einen merk-würdigen Ort aufsuchen.'

'Wohin willst du uns denn führen?' fragten die Brüder.

'Ich will euch dahin führen, wo ihr die Wahrheit über euch selbst erfahren sollt.'

Die Brüder baten ihn : 'Laß es doch sein, es lohnt sich nicht. Danke, wozu sollen wir schon wieder ausziehen?' Sie wollten nicht gehen. Der Jüngste aber bestand darauf: 'Entweder kommt ihr mit, oder ich bringe mich um!' So zwang er sie, mit ihm zu gehen.

Sie gingen lange, und noch am selben Tag kamen sie zu jenem Brunnen. Der Jüngste sagte zum Ältesten: 'Ich will dich anbinden und in den Brunnen hinunterlassen. Schau dir an, was es dort im Brunnen gibt."

Der Älteste fing zu weinen an. 'Warum willst du mich in den Brunnen hinunterlassen?' Er hatte Angst, in den Brunnen zu gehen. Er bat um Gnade. Der Jüngste sagte zu ihm: 'Bitte nicht um Gnade, wir müssen dorthin!' Er band ihm den Strick um und ließ ihn hinunter. Aber kaum war der Bruder ein paar Klafter tief, fing er zu schreien und zu weinen an, - noch ein bißchen, und die Angst zerreißt ihn. 'Ich sterbe, ich sterbe!' Er war noch nicht einmal ein Viertel des Brunnens hinunter. Der Knabe zog ihn heraus, denn er sah, was für ein Mensch das war.

Dann kam der zweite. Der Knabe band auch ihn und ließ ihn hinunter. Er war kaum bis zur Hälfte des Brunnens gekommen, da begann er zu schreien vor lauter Angst. 'Ich sterbe, ich sterbe!' Er zog ihn heraus.

Dann kam die Reihe an den Jüngsten. Er sagte: 'Hört zu! Wieviel ich auch weinen und schreien werde, zieht mich nicht hoch. Laßt mich hinunter, bis ihr fühlt, daß der Strick leicht geworden ist.' Die Brüder fingen ihn zu bitten an: 'Du bist unser Jüngster! Warum willst du von uns gehen?' Sie baten, er möge sie nicht verlassen, aber er wollte nicht auf sie hören. Da banden sie ihn und ließen ihn hinunter"[1]. 

 

Wenn ich das in die Regel unseres Ordensgründers Benedikt übersetzen will, dann kann ich ganz einfach folgenden Satz zitieren: „Laß dich nicht von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng. Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes“ (RB Prolog 48f). Das mag sich zwar sehr fromm anhören, aber wenn man das literarische Genus einer Ordensregel des 6. Jahrhunderts berücksichtigt und es in heutige Sprache umdenkt, dann deckt sich die moderne Erkenntnis von Halbfas mit der nahezu 1600 Jahre alten Benedikts. 

Halbfas nennt den Ort der Selbstfindung „Brunnen“. Benedikt schreibt eine Regel für Mönche und deren Kloster. In unserer Zeit sind die „Klausurtagungen“ und das „in-Klausur-Gehen“ bekannte Begriffe. Dass unsere Zeit mit diesen Begriffen einen klassischen Klosterbegriff aufgreift, kann zwar durchaus ge-wusst sein, ist aber zumeist wohl nicht be-wusst. Dieses „in-Klausur-Gehen“ ist so lange „ungefährlich“, wie man sich zurückzieht und die Türen vor der neugierigen Außenwelt verschließt, um in aller Abgeschiedenheit über „etwas“ Klarheit zu schaffen. Kritisch wird es dann, wenn man das „in-Klausur-Gehen“ einmal anders deutet.

Wohl jeder Mensch hat in sich Räume und Winkel, in die wenig Licht fällt und in die besser kein Licht gehalten wird. Die Deckel von diesen gut verschlossenen Dunkelkammern des Lebens heben, um in sie hinabzusteigen, das wäre genuines „in-Klausur-Gehen“, um ganzheitlich Mensch zu werden. Unsere gängigerweise so genannten „Klausurtagungen“ sind höchstens Ableitungen dieser Grundform eines Klausurweges. In sich hineinschauen und angesichts des dort Entdeckten nicht vor sich weglaufen, sondern sich aushalten und durchkämpfen, das ist beileibe kein Zeitvertreib, aber auch kein Zeitverlust, sondern Zeitgewinn. Es ist nicht Flucht vor der Welt, sondern im Gegenteil Weltgewinn, weil es Ich-Gewinn bringt. In Mark und Pfennig – oder nach dem 1.1.02 in Euro und Cent – umgerechnet, sind es Gewinne und steigender Aktienkurs für den Betrieb und klingende Münze und raschelnde Scheine in der Lohntüte.

Benedikt ist in seiner Regel sehr zurückhaltend gegenüber dem Einsiedlertum. Er warnt davor, es im ersten Eifer der Mönchsberufung zu praktizieren. Sein Weg ist die „acies fraterna“, die brüderliche Gemeinschaft, die ihre eigenen Herausforderungen hat, die aber auch die Chancen einer brüderlichen Förderung bietet. Angewandt auf unsere Frage nach dem „sich-in-Klausur-Begeben“ würde das heißen können: Suche dir einen Klausur-Begleiter, der dich ermutigt, weiter in dich hineinzugehen und der dir auch Spiegel deiner selbst sein kann. Indem man sich mit dem anderen und seiner Wahrnehmung des eigenen Selbst auseinandersetzt, wird man der blinden Flecken ansichtig, die man in souveräner Selbsttäuschung gerne beiseite schiebt. Der kritische Außenbetrachter ist die Hebamme einer neuen Geburt.

Amüsant, aber wohl nicht unzutreffend hat die Frau des berühmten englischen Physikers Stephen Hawking die Hauptaufgabe ihrer 25 Ehejahre umschrieben: ... dass er nicht Gott ist. Das ist es, was den Begleiter ausmacht: den Menschen fest auf die Erde stellen! Ihm bei der Standortsuche helfen, - ihn von den Wolken herunterholen und auf der Erde aufrichten. Wer alles mit sich allein klären zu können glaubt, verwechselt zu leicht seinen eigenen Vogel mit dem Heiligen Geist. Ob der enge Partner bei der Klärung aber immer und unbedingt der geeignete Geburtshelfer ist, sei dahingestellt.

Sie haben den Abt eines Benediktinerklosters um diese Ansprache gebeten und werden sich vielleicht mehr und mehr fragen, ob Sie nicht vielleicht doch besser einen Psychologen um sein fachkompetenteres Wort hätten bitten sollen.

Lassen Sie mich darauf zunächst ganz einfach antworten, dass ich in diesem Kreis das Prä habe, nicht „Prophet im eigenen Land“ zu sein. Der „Fremde“ kann Altbekanntes sagen, dass man anders hört, als wenn es von jemandem gesagt wird, dessen „alte Leiermelodie“ man schon x-mal gehört hat.

Dem möchte ich ein Zweites hinzufügen: So viel Nähe ich zwischen psychologischer Begleitung und Begleitung durch einen Mönch sehe, so sehr bin ich der Überzeugung, dass der geistliche gegründete Begleiter einen wesentlichen Schritt weiter begleiten kann als der Psychologe. Er sieht den Menschen nicht als in sich geschlossenes System, in dem er letzten Endes sich selbst sein eigenes „Jenseits“ ist. Zu sich selbst findet der Mensch aber nur dort, wo er den radikalen Schritt wagt, „sich zu verlassen auf ...“ Schmecken Sie die Redewendung nach: „Ich verlasse mich auf ... dich (hin)“. Wo ich mich auf „jemanden“ verlassen kann, da kann ich frei leben. Der andere gibt mir einen Standraum, aus dem heraus ich meine Alltagswelt je und je neu sortieren kann. Ernst Barlach hat in seinen weitgehend unbekannten, weil sprachlich so sperrig geschriebenen Dramen den Menschen gelegentlich beschrieben als „Lauscher an der Wand“. Zu diesem lauschenden Horchen möchte ich Sie einladen, damit Sie das Geheimnis Ihrer eigenen Tiefe erfahren. Ich möchte Sie ermutigen, die Klausur Ihres eigenen Ich zu entdecken und zu wagen. Das wird Sie sensibilisieren für Ihre Verantwortung in der Welt und für Ihren Umgang mit ihr.

"Gönne DICH Dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer, ich sag nicht: tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für DICH selbst da . . ." (Bernhard von Clairvaux).

*

Abschließend und mehr zum weiteren still-persönlichen, klausuralen Nachdenken möchte ich ein Gedicht Dietrich Bonhoeffers zitieren. Der Gestapo-Häftling fragt sich in der Jahresmitte 1944 in der Klausur seiner Haft durch sich hindurch auf den Grund zu, der ihn trägt. Erst im letzten Wort stößt er zu ihm vor und benennt ihn. Wenn Sie genau hingehört haben, dann werden Sie auch in meinen Ausführungen gemerkt haben, dass ich diesen Grund nur einmal – in dem Zitat aus der Regel Benedikts – präzise , und doch nur indirekt und en passant genannt habe. Ich bin davon überzeugt, dass er unser aller Grund ist, aber ich kann und will Sie dahin nicht mit bloßen Worten führen, sondern wenn schon mit Worten, dann mit Worten, die vom Leben gedeckt sind. Worte lehren; Beispiele überzeugen und reißen mit. In seinem Gedicht fragt Bonhoeffer: 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
Wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer der Siegen gewohnt ist.
 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott,
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.

 Abt Albert Altenähr OSB
020103


[1]  H. Halbfas, Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf 1981, 13f.

nach oben